Stell dir vor, es ist Krieg

"Süden" von Julien Green im Düsseldorfer Schauspielhaus

Kategorien: SchauspielKritiken

Julien Green wurde 1900 in Paris geboren, als Sohn amerikanischer Eltern aus Georgia. Er starb erst 1998. Das 20. Jahrhundert hat er durchlebt und beobachtet, seine Romane und Tagebücher brachten ihm Weltruhm. Obwohl er fast sein ganzes Leben in Frankreich verbrachte, spielt Amerika und speziell die Geschichte der Südstaaten eine grosse Rolle in seinem Werk. Sein erstes Theaterstück "Süden" erschien 1953. Es war eine Suche nach seinen Wurzeln, eine wehmütige Hinwendung zu seiner Herkunftsgeschichte in den Südstaaten Amerikas.

Dass das Stück im Jahr 1861 und in diesen Südstaaten spielt, ist zum Verständnis unabdingbar, denn es geht hier um eine dramatische Momentaufnahme. Ein neuer Sezessionskrieg steht unmittelbar bevor. Noch weiss niemand genau, ob er wirklich ausbrechen wird, aber alle fürchten es, alle stellen sich darauf ein, alle verharren wie gelähmt, wie ohnmächtige Kaninchen vor einer herankriechenden Giftschlange. Wir sehen den Plantagenbesitzer Edward Broderik in seinem Salon, wir sehen seine Familie und seine Hausgäste, alle ratlos und ängstlich. Die Gespräche haben etwas Atemloses. Politische Meinungsverschiedenheiten brechen zwar auf, aber sie ersticken in der allgemeinen Bedrohung. Dasselbe gilt für die Gefühlswelt. Die jungen Mädchen schwelgen hektisch-unsicher in Liebesfantasien. Die jungen Männer geben vor, verliebt zu sein, aber die Einberufung in den Krieg zu erwarten und sich daher wenig Hoffnung auf privates Glück zu machen.

Ein junger Offizier polnischen Ursprungs und zu Gast bei Broderik steht im Mittelpunkt des abgründigen Dilemmas, das im Geheimen hinter allem lauert. Im ganzen Stück wird es mit keinem Wort ausgesprochen, geschweige denn ausgetragen, und doch ist es allgegenwärtig. Julien Greens Männer, die meisten, sind unfähig zur gesellschaftlich akzeptierten Form der Liebe. Die Frauen wissen das nicht, aber sie ahnen es und verschmachten vor Einsamkeit. Die Männer sind einander zuzgeneigt und nicht den Frauen. Da solches streng verboten, ja ein Ding der Unmöglichkeit ist, tarnt man sich mit verkrampften Anträgen an heiratsfähige Mädchen und mit lächerlichem Säbelrasseln.

Ein Duell wird schliesslich mehr aus Verzweiflung als aus Feinschaft ausgetragen. Dass der Offizier am Ende tot im Wohnzimmer des trauernden Gastgebers liegt, bringt keine Klärung, es ist nur ein weiteres Unglück in einer grossen, stillen Tragödie.

Julien Green litt ein Leben lang darunter, dass er sich zur eigenen Homosexualität dem Zwang der Zeit entsprechend nicht bekennen konnte, und er hat dieses existentielle Grundproblem in seinem Stück genial mit der Kriegsproblematik verwoben.

Die Inszenierung von Patrick Schlösser im Düsseldorfer Schauspielhaus ist eine Überraschung. Sie entfaltet sich im historisch nachgebildeten Raum von Paul Lerchbaumer und in der schönen Kleidermode 1860er Jahre (Katja Wetzel).

Die Regie folgt den traditionellen Regeln des vorwiegend aus Gesprächen bestehenden Theaterspiels und versucht nicht, mit Paraphrasen oder Modernismen zu hantieren. So entsteht ein interessierter, interessanter Blick auf die Epoche und wie von selbst auf die zeitlose Aktualität gewisser Grundprobleme zwischen uns Menschen.

Ein Anzeichen dafür, dass junge Regisseure, nachdem alle Tabus gebrochen sind, den Charme der "Werktreue" als Neuheit entdecken? In einer so sensiblen Inszenierung lässt man es sich gerne gefallen.

Von den Akteuren strahlt vor allem Ernst Alisch als angejahrter Plantagenbesitzer und heimlicher Bewunderer junger Männlichkeit die verwirrende Intensität aus, die Julien Green vorgeschwebt haben mag. Vortrefflich Anke Hartwig als seine selbstbewusste, reaktionäre, erotisch reizbare Schwester. Auch die anderen Spielerinnen und Spieler sind mit grosser Genauigkeit in ihre Rollen eingedrungen, jedoch mit unterschiedlicher Wirkungskraft. Namentlich Marco Matthes als Hauptfigur Leutnant Wiczewski lässt jene überzeugende Bühnenpräsenz vermissen, ohne die ein Rollenspiel zwar gut erarbeitet, aber nicht mitreissend sein kann.

Premiere 27. Januar 2005 im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses.

Buchempfehlungen:

Julien Green: Die Dramen.

Julien Green: Leviathan. SZ-Bibliothek Band 43.

Julien Green: Dem Unsichtbaren zu. Auswahl aus Tagebüchern.