Beziehungsmuster

"b19" in der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg

FOTO: Gert Weigelt

Was Nussknacker nachts treiben, so dass Maschinen irrtümlich als bezaubernde Mädchen erachtet werden, haben wir bereits in der Tanzgeschichte erfahren. Im 21. Jahrhundert sehen die Wesen, die uns in der Phantasie beschäftigen, aber ganz anders aus. Antoine Jully hat für seine Choreographie "Hidden Features" seinen Computer aufgeschraubt und sich von den Komponenten inspirieren lassen. So verliebt sich eine Grafikkarte in ein Motherboard, ein Cursor lässt sich nicht immer beherrschen und Viren überfallen Dateien. Dazu gibt es Schrittfolgen, die sich stilistisch nicht verorten lassen, aber die Emotionen und die Geschichte widerspiegeln und die schließlich in schnellen Bewegungen münden, die durch Real Time Video Interaction in einer Projektion einen Computerbrand simulieren. Futuristische Kostüme ergänzen das Bild dieser märchenhaften Phantasiewelt des 21. Jahrhunderts. Statt Werken der Minimal Art, die man hier erwarten könnte, verwendet Jully für seine Choreographie Erwin Schulhoffs "Fünf Stücke für Streichquartett" und Henryk Góreckis "Konzert für Cembalo und Streichorchester". Eine gelungen Synthese!

Spektakulär sind die Kostüme, die Rei Kawakubo für Merce Cunninghams "Scenario" entworfen hat. In den ersten Bildern blau-weiß breit gestreift, bzw. grün-weiß kariert, später monochrom schwarz und rot, aber immer mit dicken, unförmig erscheinenden Polsterwülsten, die den Körpern der Balletttänzer eine bizarre Anmutung verleihen und von denen man meint, dass sie die Tänzer in ihren Bewegungen einschränken, behindern würden. Das ist zwar nicht der Fall, denn schließlich haben sie eine Balance gefunden, dennoch erzeugt diese Deformation beim Zuschauer gehörige Irritation. Das ist auch beabsichtigt, gehört zum Konzept Cunninghams, in seinen Choreographien Erwartungshaltungen an natürliche Bewegungsfolgen in Frage zu stellen, hier auch äußerlich sichtbar gemacht. Die experimentelle, meditative Musik von Takehisa Kosugi unterstreicht das Anliegen Cunninghams, keine Narration, sondern flüchtige Momente zu erzeugen.

Ludwig van Beethovens "Grosse Fuge in B-Dur" bildet die musikalische Grundlage in Hans van Manens gleichnamigem Stück, ergänzt durch Beethovens "Cavatina" aus dem "Streichquartett B-Dur. Auch van Manen erzählt keine Geschichte, sondern beschäftigt sich abstrakt mit einem bei ihm immer wiederkehrenden Thema, den Beziehungen der Geschlechter zueinander und den Geschlechterrollen Die hautfarbenen Kostüme der Tänzerinnen lassen sie fast nackt und schutzlos erscheinen, während die Tänzer mit schwarzer, kurzer Hose und nacktem Oberkörper Stärke ausstrahlen. Die unbewegt Verharrenden treffen auf sich kraftvoll Präsentierende. Die Provokation wird aufgenommen, widergespiegelt, die Rollen vertauscht. Das emotionale Spiel der Anziehung und Abstoßung, der Nähe und Ferne, der erotischen Attraktion entfaltet sich, bis schließlich alle Machtkämpfe ausgetragen sind und im Schlussbild alle Individualität in Synchronismus aufgeht.

"B19" ist ein facettenreicher Balletabend, der sehr unterschiedliche Choreographien zusammenfasst und beim Publikum großen Anklang fand.

HIDDEN FEATURES (Uraufführung) von Antoine Jully

MUSIK Fünf Stücke für Streichquartett von Erwin Schulhoff sowie Konzert für Cembalo und Streichorchester op. 40 von Henryk Miko?aj Górecki

Choreographie und Bühne: Antoine Jully

Kostüme: Kevin Gamez

Interactive Video: Matthias Oostrik

Licht: Volker Weinhart

Tänzerinnen: Sachika Abe, Ann-Kathrin Adam, Marlúcia do Amaral, Camille Andriot, Doris Becker, Wun Sze Chan, Sabrina Delafield, Mariana Dias, Nathalie Guth, Alexandra Inculet, So-Yeon Kim, Anne Marchand, Nicole Morel, Louisa Rachedi, Claudine Schoch, Virginia Segarra Vidal, Elisabeta Stanculescu, Irene Vaqueiro

Tänzer: Rashaen Arts, Christian Bloßfeld, Paul Calderone, Jackson Carroll, Martin Chaix, Michael Foster, Filipe Frederico, Philip Handschin, Richard Jones, Marquet K. Lee, Sonny Locsin, Alexander McKinnon, Marcos Menha, Bruno Narnhammer, Chidozie Nzerem, Alban Pinet, Friedrich Pohl, Boris Randzio, Alexandre Simões

SCENARIO von Merce Cunningham

MUSIK „Wave Code A-Z“ von Takehisa Kosugi

Choreographie:Merce Cunningham

Kostüme, Raum und Licht nach: Rei Kawakubo

Einstudierung: Banu Ogan, Daniel Squire

Production Consultant: David Covey

Rekonstruktion Kostüme: Catherine Voeffray

Tänzerinnen: Ann-Kathrin Adam, Camille Andriot, Wun Sze Chan, Mariana Dias, Alexandra Inculet, Nicole Morel, Louisa Rachedi, Virginia Segarra Vidal

Tänzer: Jackson Carroll, Martin Chaix, Michael Foster, Marquet K. Lee, Sonny Locsin, Bruno Narnhammer, Alban Pinet

GROSSE FUGE von Hans van Manen

MUSIK Große Fuge B-Dur op. 133 und Cavatina aus dem Streichquartett B-Dur op. 130 von Ludwig van Beethoven

Choreographie: Hans van Manen

Bühne: Jean-Paul Vroom

Kostüme: Hans van Manen

Licht: Jan Hofstra

Einstudierung: Mea Venema

Tänzerinnen: Doris Becker, Feline van Dijken, Claudine Schoch, Julie Thirault

Tänzer: Rashaen Arts, Paul Calderone, Bogdan Nicula, Alexandre Simões

Premiere 28.03.2014 - Opernhaus Düsseldorf

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