Der andere Tod

"Der Tod in Venedig" im Düsseldorfer Schauspielhaus

Kategorien: SchauspielKritiken

Gustav von Aschenbach, einen einzelgängerischen, berühmten, disziplinierten Schriftsteller, hat die Reiselust gepackt. Von seinem alljährlichen Sommeraufenthalt in den Bergen hat er genug, und so zieht es ihn dieses Mal nach Pola an die Adria. Unzufrieden und unentschlossen reist er jedoch bald wieder ab, nach Venedig. Auch dort verleidet ihm die stickige Luft und der modrige Geruch schon bald den Aufenthalt. Im Hotel hat er jedoch ein Auge auf Tadzio, einen polnischen Adelsjungen, geworfen. Dessen Jugend und antik anmutende Schönheit faszinieren ihn. Seine Gefühle für ihn vermag er sich jedoch nicht einzugestehen. Seiner Unentschlossenheit, abzureisen oder zu bleiben, kommt ein glückliches Missgeschick entgegen, als sein Koffer versehentlich in eine völlig falsche Richtung aufgegeben wird und er daher wieder ins Hotel zurückkehren kann. Jeden Tag beobachtet er nun Tadzio am Strand oder folgt ihm und seiner Familie durch die Gassen Venedigs. Er bemerkt zwar, dass sich in der Stadt die Cholera immer mehr ausbreitet und es geraten wäre, abzureisen, aber von seiner Obsession besessen ist er unfähig, diesen Schritt zu tun. Der Tag der Abreise von Tadzio und seiner Familie ist zugleich der Tag, an dem Tadzios Kindheit endet, als er in einem Ringkampf von einem Spielgefährten grausam unterworfen wird. Es ist auch der Tag, an dem Aschenbach, nach einem letzten Blick auf Tadzio, an der Seuche erkrankt, im Liegestuhl am Strand verscheidet.

Thomas Manns Erzählung "Der Tod in Venedig", 1912 erschienen, ist ein kleines Meisterwerk. Völlig durchkomponiert und in sich stimmig, beschäftigt es sich mit Fragen des Alterns und der Vergänglichkeit, der unterdrückten Liebe, der Leidenschaft, mit dem Zusammenbruch der Wertmaßstäbe. Das Dionysische siegt über das Apollinische, das Rauschhafte über die Vernunft. Der Tod ist Leitmotiv und begegnet dem Leser mehrfach in Varianten. Zunächst im falschen Jüngling an Bord des Schiffs nach Venedig, danach im falschen Gondoliere, der mit seiner Barke an Charon erinnert, ebenso in der Szene mit der Gruppe der Straßensänger, in der sich das Totentanzmotiv verbirgt. Das Werk hat vielfache Verknüpfungen, die sich mehrfach widerspiegeln, z.B. im Kontrast Alter und Jugend. Der falsche Jüngling des Anfangs findet sich am Ende wieder in Aschenbach bei dessen kosmetischer Verjüngung. Das Schweigen der Stadtbehörden über die Seuche hat sein Äquivalent in Aschenbachs Verschweigen seiner Neigung. Bemerkungen, die in den Münchener Eingangskapiteln anklingen, finden ihre Ausgestaltung in den Venedigkapiteln.

Venedig ist die perfekte Kulisse für Thomas Manns Thema, gilt sie doch nicht nur als Stadt der Liebe, sondern auch als Symbol der Schönheit und des Verfalls. In Christian Dolls Inszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus wird das Geschehen in einen aufgelassenen Veranstaltungssaal, nun scheinbar als Abstellraum genutzt, mit dem Charme bzw. Mief der 60er Jahre verlegt. Wolfgang Reinbacher spielt den Aschenbach, der Eine genannt, und Daniel Graf als der Andre übernimmt die Rolle des Erzählers, Kellners, Gondolieres usw.

Der Original-Anfangstext kommt aus einer Jukebox, die einen Hänger hat und schließlich etwas unlogisch nur noch Bandsalat von sich gibt. Immer wieder werden lange Textpassagen, die sich fast ausschließlich auf das Handlungsgerüst der Erzählung konzentrieren, rezitiert. Dazwischen gibt es Showeinlagen, Musik vom Buena Vista Social Club, "Sexual Healing" von Marvin Gaye. Ein Schubert-Lied soll die Einsamkeit wiedergeben, Aschenbachs Reiselust findet Ausdruck in dem Kinderspiel "Ein Schirm ein Stock ein Regenschirm". Das ist weder humorvoll noch ironisch, sondern schlichtweg albern. Laut Programmheft generiert sich das Ganze als Collage, erscheint aber als Rezitation mit irgendetwas szenisch Improvisiertem und ist bei Weitem nicht ausgereift. Thomas Manns Textvorlage ist sicherlich äußerst schwierig szenisch umzusetzen. Die raren Dialoge beziehen sich fast ausschließlich auf die Gespräche mit den Bediensteten, das Wesentliche des Textes spielt sich in den Beschreibungen und Reflexionen ab. Weder die Textvorlage von Christine Besier und Christian Doll noch die Inszenierung machen deutlich, was sie uns eigentlich mitteilen möchten. Nichts von Manns eleganter "Selbstbeherrschung, die bis zum letzten Augenblick eine innere Unterhöhlung, den biologischen Verfall vor den Augen der Welt verbirgt", nichts von der morbiden Stimmung des Textes, der Krise des Künstlers.

Thomas Manns Erzählung ist in der Tat "vollkommen geglückt", wie er selbst bemerkte, diese Inszenierung leider nicht. Dass das Ganze noch einigermaßen erträglich über die Bühne kommt ist allein Wolfgang Reinbacher und Daniel Graf zu verdanken. Dem Düsseldorfer Publikum schien es dennoch zu gefallen: begeisterter Applaus.

Theaterfassung von Christine Besier und Christian Doll.

Inszenierung: Christian Doll

Bühne: Jan-Alexander Schröder

Kostüme: Claudia Held

Darsteller: Wolfgang Reinbacher, Daniel Graf

Premiere am 17.10.2007, Düsseldorfer Schauspielhaus, Kleines Haus

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