Genie und Wahnsinn

"4.48 Psychose" von Sara Kane am Düsseldorfer Schauspielhaus

Kategorien: SchauspielKritiken

Die junge Frau ist der Anstaltsmisere einer psychiatrischen Klinik ausgeliefert. Sie spricht unaufhörlich von ihrem Leiden. Sie ist fast nie allein. Ärzte mit ihren Formeln, Patienten mit ihrem Schweigen, ein Freund mit seinen Liebesbeteuerungen, sie kommen und gehen, sie nähern sich und entfernen sich wieder. Berührungen, Fragen, Antworten. Alles wird immer schemenhafter, nichts erreicht sie mehr. Sie bettelt und schreit um Hilfe, aber niemand kann ihr helfen.

Sie schneidet sich in die Haut, um das Leben noch zu spüren, um sich selbst noch zu spüren, das Blut rinnt an ihr herunter. "Stück für Stück zerbröckelt mein Geist", sagt sie. Die Wand zwischen ihr und der Umwelt schliesst sich unaufhaltsam. Sie kann nur noch sich selbst und ihren Zustand zur Kenntnis nehmen. Heillos ist sie gefangen in den Klauen ihrer Zwangsvorstellungen, die den Lebenshorizont verengen. Gleichzeitig verliert sie sich in der Weite psychischer Schreckenswelten, die jenseits dessen liegen, was für die Gesellschaft nach allgemeiner Übereinkunft noch zur "Normalität" gehört.

Die Grenzen sind fliessend. Eine ungeheure Hellsicht entwickeln diese Kranken. Sie durchschauen mit Röntgenaugen die Lächerlichkeit unserer Normen und unserer Versuche, dem Leben eine erträgliche Form zu geben. Sie klagen unsere Verlogenheit an und das Falschgold unserer Beziehungen. Deshalb üben sie eine gewisse Faszination auf uns Alltagsmenschen aus, so auch diese junge Frau. Aber der Moment kommt unausweichlich, in dem sich die Mauer endgültig um sie schliesst, in dem das Sterben die einzige Erlösung bringt. Nachdem die junge Frau hastig Unmengen von gehorteten Pillen geschluckt hat, erleben wir noch die letzte qualvolle Zeitspanne bis zu ihrem Tod.

Die englische Autorin Sahra Kane (Bild), geboren 1971, schlug 1995 gleich mit ihrem ersten Stück "Zerbombt" im Theaterleben ein wie eine Rakete. Auch ihre nächsten Stücke sorgten für Theaterschocks und gleichzeitig für gutbesuchte Sensationen, namentlich auch in Deutschland, wo ihre hoffnungslos verletzten Figuren in einer total kaputten Gesellschaft vor allem ein junges Publikum brennend interessieren. Ihr letztes Werk "4.48 Psychose" schrieb sie im Herbst/Winter 1998/99 in einer psychiatrischen Klinik, wo sie zur Behandlung ihrer Depressionen interniert war. Am 20. Februar 1999 nahm sie sich das Leben. Anderthalb Jahre später wurde das Stück am Royal Court Theatre in London uraufgeführt.

Es ist ein grosses, wahrhaftiges Stück. Dieser kranken, genialen Autorin ist es gelungen, uns unmittelbar teilnehmen zu lassen am abgrundtiefen Schmerz, der eine so schwer geschlagene Seele peinigt. Das Klinikleben mit seiner öden Routine stellt sie als Kontrast mit einer Genauigkeit dar, die das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die dramaturgische Steigerung des Verzweifelns bis zum selbstgewählen Verlöschen gibt dem Bekenntnis die Gestalt einer echten Tragödie. Die Übersetzung des Schriftstellers Durs Grünbein wird dem Text kongenial gerecht.

Die Inszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus lag diesmal ganz in den Händen eines polnischen Regieteams aus Sahra Kanes Generation. Gregorz Jarzyna (Regie), Malgorzata Szczesniak (Bühne und Kostüme), Leszek Mozdzer (Musik) und ihre Helfer haben in homogener Zusammenarbeit einen schlüssigen, geschlossenen Kosmos des Grauens errichtet, der doch nie eine unheimliche, fast übernatürliche Anziehungskraft verliert. Karin Pfammatter ist die ideale Darstellerin des gepeinigten Mädchens. Sie wirkt klein, hager und zerzaust, wie ein aus dem Nest gefallener Vogel. In ihrem schmalen Gesichtchen malt sich jedes Entsetzen, jede Angst und Not unmittelbar und glaubhaft, ihre fast transparente, heisere Stimme kann laut und klar werden und absterbend und leise. In Sprache und Körperlichkeit bewältigt sie den immensen Text mit tiefem Ernst und schauspielerischer Brillanz. Heidi Ecks macht die verschiedenen Facetten der Ärztin/Geliebten/Gehassten deutlich, Michael Fuchs spielt ausgezeichnet den ratlosen Freund. Dazu zehn glänzend geführte Statisten als Klinikärzte und Insassen.

Wenn Sarah Kane die Aussichtslosigkeit der Liebe und die Grausamkeit unter den Menschen beschrieb, dann kam das aus der Tiefe ihrer schwerverletzten Psyche. Was andere junge Autoren manchmal mehr behaupten als gestalten, ist bei ihr ureigenste Betroffenheit. Ohne modernistische Attitüde. Deshalb gerinnen ihre Stücke auf der Bühne zu Metaphern für die Unbehaustheit junger Menschen in einer unheilen Welt. Das erklärt wohl die Anziehungskraft, die sie - gerade nach Sahra Kanes Freitod - für junge Zuschauer behalten. Auch an diesem Abend, ich sah die Vorstellung vom 19. Juli, brach ein vorwiegend jugendliches Publikum in frenetischen Beifall aus.

Premiere 22. Juni 2002 im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses. Wird in die nächste Spielzeit übernommen.