Im Sog der Wahrheit

„Ödipus, Tyrann“ von Sophokles im Mainfranken Theater Würzburg

Kategorien: SchauspielKritiken

A. Sarstedt, B. Stengele

Die neue, ausgesprochen erfolgreiche Ära des Mainfranken Theaters Würzburg unter der Ägide von Professor Hermann Schneider als Intendant und Bernhard Stengele als Schauspieldirektor hat ihre zweite Spielzeit begonnen. Im Schauspiel geschah dies mit einer sehr anspruchsvollen Inszenierung, einem Kernstück des europäischen Theaters: „Ödipus, Tyrann“ von Sophokles, uraufgeführt um 450 vor Christus in Athen.

Die tragische Herrscherfigur Ödipus ist in unser kollektives Bewusstsein eingegangen. Sigmund Freud sah in der Ödipus-Sage eine Parabel für die heimliche Begierde heranwachsender Männer, den Vater auszuschalten und die Mutter zu begatten. Darüber hinaus ist diese Geschichte der Tabuverletzungen, der Verdrängung und Enthüllung, der Unausweichlichkeit des Schicksals, der politischen Macht und ihrer Gefährdung eine so archetypische Versinnbildlichung menschlicher Problemkonstellationen, dass sie zeitlos aktuell bleibt, namentlich in der großartigen dramatischen Gestaltung von Sophokles, durch die sie vor allem überliefert wurde.

Ödipus regiert seit Jahren die reiche Stadt Theben, in die er, angeblich als Fremdling, von weit her gekommen war. Nachdem er die Stadt von der mörderischen Sphinx befreit hatte, wurde er Thebens König - und Gemahl der Witwe seines Vorgängers Lajos, der von Unbekannten erschlagen worden war. Dies ist lange her, Ödipus herrscht zu Beginn des Dramas unangefochten und hat bereits vier heranwachsende Kinder. Dass einst vom Orakel etwas Grauenhaftes, Undenkbares prophezeit wurde, haben alle in der Stadt bis jetzt erfolgreich verdrängt. Aber nun ist die Pest ausgebrochen, und sie wird wüten, bis der Mord an Lajos und seine Umstände aufgeklärt sind. Es ist atemberaubend, wie sich die Wahrheit Zug um Zug aus der Geheimnistuerei befreit. Ödipus steht unter dem Zwang der lückenlosen Aufklärung und wird nach anfänglicher Abwehr zum kompromisslosen Fanatiker der Wahrheitssuche. Je leidenschaftlicher er sucht, desto unausweichlicher findet er die Verfehlung in sich selbst, entdeckt er bei sich selbst das Verbrechen, den Vater getötet und die Mutter geheiratet zu haben. Eine entsetzliche Schuld, in die er unwissend, nach dem Willen der Götter, und also unschuldig-schuldig hineingeboren war.

Stephan Suschke führte zum ersten Mal in Würzburg Regie. Er hat vor Jahren intensiv mit Heiner Müller in Berlin zusammengearbeitet und wählte nun dessen Fassung der "Ödipus"-Übersetzung von Hölderlin aus dem Griechischen. Er tat gut daran, die Tragödie erstrahlt in einer wunderbar dichterischen und zugleich glasklaren Sprache. Ebenso klar und monumental ist die ganze Inszenierungskonzeption, ein Werk der starken, bestimmenden Form. Das Bühnenbild (Momme Röhrbein) besteht aus wuchtigen, 6 Meter hohen Stelen auf einer Drehbühne, schwarz, so schwarz wie der ganze kahle Spiel-Raum. Das ist alles, es zwingt die Konzentration des Zuschauers ohne jegliches Beiwerk auf die Substanz.

Im Mittelpunkt steht immer Ödipus, der gefährdete Tyrann, als einziger steht er auf hohen, goldenen Kothurnen, die an die altgriechische Aufführungspraxis erinnern. Zeitlos und schwarz ist er gewandet, seinen Kopf umschließt eine grellgoldene Maske, die mit der Königskrone verwachsen ist. Nach jeder Schreckensbotschaft geht er weite Wege zwischen den Quadern über die Bühne. Manchmal sind seine Schritte akustisch verstärkt. Immer wieder kommt er zurück, zurück ins Zentrum, wo ihn jedesmal neue Schläge, neue bittere Erkenntnisse treffen.

Schauspieldirektor Bernhard Stengele, bisher mit 3 Inszenierungen in Würzburg präsent, gibt mit dieser Rolle seinen Einstand als Darsteller. Kraftvoll tut er das und immer berührend. Sein Ödipus ist von Anfang an ein Despot mit Brüchen. Sein mühsames Gehen, seine fast ermüdeten Herrschergesten, seine Einsamkeit. Nur mit minimalen Körperwendungen, die aber ungeheuer viel aussagen, reagiert er auf andere. Er spricht oft leise, mit scheinbarer Sanftmut, bricht aber unversehens aus in die harten Kommandotöne des Mächtigen, in das Schreien des Wütenden oder Getroffenen, in das Klagen des Leidenden. Nie bleibt er an der Oberfläche. Immer wieder überrascht sein Spiel mit unerwarteten Wendungen. Schritt für Schritt, mit unheimlicher Geduld, vollzieht er den Leidensweg zur Wahrheit. Am Schluss, nach seiner Selbst-Blendung zeigt er das nackte, blutverschmierte Gesicht und die ganze wahnsinnige Verzweiflung.

Der Chor der thebanischen Bürger, mit Strumpfmasken über den Gesichtern und Händen, persönlich und unpersönlich zugleich, agiert sehr ernst und diszipliniert.

Und dann die Hiobsboten. Vom Seher Tiresias (wunderbar: Carlo Schmidt) über Kreon (ausgezeichnet: Klaus Müller-Beck) und den Priester (sehr gut: Georg Zeies) bis zum Boten (herrlich-unbekümmert: Andreas Anke) und dem Diener (hochsensibel: Christian Manuel Oliveira) spielen sie ihre Rollen präzise und eindrucksvoll.

Weitere Termine: 26., 27. und 30. Oktober

4.,9., 27. und 30. November

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