Lob der Gemütlichkeit

"Der Goldene Hahn" von Nikolai Rimski-Korsakow in der Deutschen Oper am Rhein

Kategorien: OperKritiken

Foto Hans Jörg Michel

So manche Oper hat eine Handlung, die reichlich bizarr erscheint. Außer Liebeshändeln jedweder Art wird auch Politik und Gesellschaftskritik mal mehr oder wenig deutlich verhandelt. Rimski Korsakows Oper "Der Goldene Hahn" benutzt das Gewand des Märchens, dahinter verbirgt sich jedoch eine politische Satire, die zwar auf die Zaren Nikolai I. und Alexander I. gemünzt ist, sich aber mühelos auch auf andere Politiker übertragen lässt.

Grundlage für die Oper bildet Puschkins gleichnamiges Märchen, das wiederum auf Washington Irvings "Legende vom arabischen Sterndeuter" basiert. Der Zar Dodon ist amtsmüde und möchte am liebsten seine Tage schlafend oder Kwas trinkend im Badezuber verbringen. Sein ganzer Hofstaat einschließlich seiner beiden Söhne ist träge und sein Volk dermaßen verdummt, dass es nicht einmal merkt, wenn es sich in Widersprüche verstrickt.

Dodons kleines Reich ist von Feinden umzingelt und täglich droht Kriegsgefahr. Er kann nicht ruhig schlafen, da kommt ihm das Angebot des Astrologen sehr gelegen. Dieser bietet ihm einen Hahn an, der ihn rechtzeitig vor anrückenden Gegnern warnen kann. Schon bald meldet er Gefahr und Dodon schickt seine Söhne in den Krieg. Als sie nicht zurückkehren, muss er selbst ausziehen. Aber statt auf seine Feinde stößt er auf die mysteriöse Königin von Schemacha, die ihn zu verführen versucht. Es dauert bis er ihr erliegt, - Anlass für eine Mega-Arie, die von Anna Grechishkina bezirzend dargeboten wird. Man unternimmt eine kleine Reise nach Paris. Dodons eifersüchtige Mitarbeiterin Amelfa verspeist inzwischen den Hahn, der ohnehin zu jeder Gelegenheit gekräht hat. Der Astrologe fordert von Dodon die Königin Schemacha als seinen Lohn. Der Zar schlägt ihn nieder. Dodon findet den Tod, Astrologe und Königin verschwinden, das Volk bleibt ratlos allein zurück.

Nikolai Rimski-Korsakow verarbeitete im "Goldenen Hahn" seine Erfahrungen mit den revolutionären Unruhen von 1905, in der er sich für die demonstrierenden Studenten engagierte und daraufhin seiner Professur enthoben wurde. Im Gewand des Märchens klagt seine Oper die allgegenwärtige grassierende Dummheit, Ignoranz und Faulheit an.

Statt mit beißender Schärfe hat Dmitry Bertman "Der goldene Hahn" für die Deutsche Oper am Rhein humoristisch inszeniert. Dabei bedient er sich, ohne dick aufzutragen, durchaus gängiger Klischees mit ihrem Wiedererkennungseffekt. Die Shoppingtour nach Paris etwa findet ihr Ende auf dem Schwarzmarkt mit Hütchenspieler. Wenn das Volk mit blauen Kopftüchern und Kitteln erscheint, assoziiert man Kolchose. Das Bühnenbild bedient sich erfreulicherweise nicht des russischen folkloristischen Zuckerbäckerstils, sondern setzt auf wenige sachliche Requisiten: ein Badezuber, ein Schreibtisch mit vielen Telefonen, eine automatische Tür für die Flughafenankunft.

Monika Rydz singt aus den Rängen als nerviger Goldner Hahn. Anna Grechishkina als Königin von Schemacha verfügt über sirenenhaft betäubende Verführungskunst. Boris Statsenko als König Dodon ist mit Bauernschläue gesegnet. Überzeugend auch Cornel Frey als Astrologe, Sami Luttinen als General Polkan und Renée Morloc als Amelfa, die mit ihrer körperlichen Sinnlichkeit einen Gegenpart zur Königin bildet.

Dmitry Bertman ist der Strategie des Dodon'schen Königreiches erlegen und bietet amüsante Unterhaltung mit hohem sängerischen Niveau, aber nur mit allzu leichter Ironie und gezähmter Satire und ohne den Schrecken der Groteske.

Oper in drei Akten nach "Das reinste Märchen (Nebyliza w lizach)" von Alexander Puschkin

Libretto von Wladimir Iwanowitsch Belski

In russischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Dauer: ca. 2 ½ Stunden, eine Pause

Empfohlen ab 14 Jahren

Musikalische Leitung: Axel Kober

Inszenierung: Dmitry Bertman

Bühne und Kostüme: Ene-Liis Semper

Choreograf: Edvald Smirnov

Regiemitarbeit: Ilya Ilin

Licht: Thomas C. Hase

Chorleitung: Christoph Kurig

Dramaturgie: Hella Bartnig

König Dodon: Boris Statsenko

Prinz Gwidon: Corby Welch

Prinz Afron: Roman Hoza

General Polkan: Sami Luttinen:

Amelfa: Renée Morloc

Astrologe: Cornel Frey

Königin von Schemacha: Anna Grechishkina

Der goldene Hahn: Monika Rydz

1. Bojar: Cesar Dima

2. Bojar: Attila Fodre

Chor der Deutschen Oper am Rhein

Düsseldorfer Symphoniker

Premiere 15.04.2016, Opernhaus Düsseldorf

Vorstellunten im April und Mai 2016:

Mi 27.04.16

Sa 30.04.16

Mi 04.05.16

So 08.05.16

So 15.05.16

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