Scherbengericht

"Der zerbrochne Krug" von Heinrich von Kleist im Düsseldorfer Schauspielhaus

Kategorien: SchauspielKritiken

Foto: Sebastian Hoppe

Das Gericht tagt zwischen Baugerüsten. Der Dorfrichter Adam hat die letzte Nacht nicht gut überstanden. Für seine offensichtlichen Malträtierungen denkt er sich bizarre Lügen aus. Und wie es das Schicksal so will, trifft ausgerechnet jetzt der neue Revisor im Dorfe ein. Zudem ist Adam auch persönlich in den zu verhandelnden Gerichtsfall involviert, was er jedoch zu vertuschen versucht. Das Publikum fungiert als Sitzungsteilnehmer. Und so treten auch die Schauspieler in Dušan David Parizeks Inszenierung von Heinrich von Kleists "Der zerbrochene Krug" für das Düsseldorfer Schauspielhaus aus dem Zuschauerraum auf und agieren in ihm. Seine Figuren hat er nach heutigen Typen gezeichnet.

Die von Kleist als Lustspiel getarnte Gesellschaftskritik ist zwar durchaus heiter, wie alles menschliche Versagen ja auch komisch sein kann, wenn man selbst nicht betroffen ist, aber letztendlich geht es in diesem Stück nur für Marthe Rull um ihren zerbrochenen Krug, für alle andern geht es um Ansehen und Ehre. Imogen Kogge ist hier etwas weniger nervtötend als im Keistschen Original, aber immer noch so auf ihren Krug fixiert, dass sie gar nicht merkt, was sie mit der Verfolgung ihrer Klage eigentlich ihrer Tochter antut.

Frank Seppelers Dorfrichter, zunächst seinem Namen gemäß im Adamskostüm, ist der aalglatte, korrupte Beamte, der sich als Dorfautorität eine gewissen Lässigkeit angewöhnt hat. Bei Rainer Galke als seinem Gerichtsschreiber Licht paaren sich Faulheit und Karrierebestreben. Florian Jahr gibt den Gerichtrat Walter als smarten Managertyp, der seinen Willen durch subtile Drohungen durchzusetzen weiß, dabei über Leichen geht, aber immerhin noch eine Krokodilsträne darüber weint. Die Sitzungspause artet zu einem heiteren Saufgelage aus, in dem alle über alle stolpern, danach kommt das nüchterne Ende, und zum Schluss zeigt Dušan David Parizek, dass Kleists Lustspiel im Kern eigentlich gar nicht so lustig ist. Stefanie Reinsperger als Eve steht allein auf der Bühne, herzerweichend heult sie wegen ihrer verloren Ehre und ihres verloren Bräutigams, während im Hintergrund ein Video das Geschehen der vergangen Nacht darstellt. Sie ist die einzige mit redlichen Absichten, wollte sie doch ihren Bräutigam vor einem Kriegseinsatz retten, sie ist diejenige, die den größten Verlust zu beklagen hat.

So wie Parizeks Inszenierung teils heiter bis albern, teils spannend und ernsthaft ist, fand sie auch beim Publikum geteilten Beifall, während die einen leicht genervt wirkten, amüsierten sich die anderen wie Bolle.

Besetzung:

Frank Seppeler / Adam, Dorfrichter

Florian Jahr / Walter, Gerichtsrat

Rainer Galke / Licht, Schreiber

Imogen Kogge / Frau Marthe Rull

Stefanie Reinsperger / Eve, ihre Tochter

Till Wonka / Ruprecht, Eves Bräutigam

Regie: Dušan David Parizek

Bühne: Dušan David Parizek

Mitarbeit Bühne: Julia Schultheis

Kostüme: Kamila Polivková

Dramaturgie :Roland Koberg, Stefan Schmidtke

Premiere 6. Oktober 2012

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