Wahnsinnsoper

"Der feurige Engel" von Sergej Prokofjew in der Deutschen Oper am Rhein

FOTO Hans Jörg Michel

Viele unglückliche Kinder erfinden sich einen Freund. Renata imaginiert einen Engel, den sie als junge Frau in Heinrich wieder zu erkennen meint und in den sie sich verliebt. Als sie von ihm zurückgewiesen wird, steigert sie sich in erotische Obsessionen und Wahnvorstellungen. Sie begegnet Ruprecht, der sich in sie verliebt und ihr bei der Suche nach Heinrich helfen will. In Prokofjews symbolistischer Oper "Der feurige Engel" treffen christlicher Glaube, Mystizismus und Aberglaube auf Ratio und Eros. Immo Karaman hat in seiner Inszenierung für die Deutsche Oper am Rhein die scheinbar konfuse Handlung in einen schlüssigen Zusammenhang gebracht und selbst für kleine Nebenhandlungsstränge eine sinnvolle Lösung gefunden. So wird etwa der Auftritt Fausts und Mephistos, der in anderen Inszenierungen oftmals ganz gestrichen wird, hier als Bühnenstück präsentiert.

Karaman versetzt die Geschichte vom Ende des Mittelalter in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts, und damit in die Zeit der Uraufführung des Werkes, in eine Zeit, in der mystische Erfahrungen auf Unverständnis stoßen, sogar als pathologisch gelten und daher behandlungsbedürftig sind. Insofern ist es folgerichtig, dass er die Handlung in eine von Nonnen geführte Heilanstalt verlegt und Ruprecht eher Therapeut als Ritter ist. Für das Bühnenbild haben sich der Regisseur und Aída Leonor Guardia von den zerfallenden Gebäuden der Heilanstalt Beelitz inspirieren lassen, die einen morbiden Charme ausstrahlen. Zum Horrorkabinett eines Wiener Narrenturms mutiert die Szene, wenn Renata mit Elektroschocks behandelt oder medizinisch experimentiert wird. Für beängstigende Effekte sorgen die sich immer wieder schließenden Türen, die stürzenden Wände, die in ihrer Dynamik des Ablaufs an die Ästhetik der Stummfilmära erinnern, und so eine strenge, geradezu zynisch wirkende Atmosphäre in der Anstalt erzeugen. Ruprecht nimmt Renata bei sich zu Hause auf. Sie trifft Heinrich schließlich in einer Tanzbar wieder. Die Auseinandersetzung zwischen Heinrich und Ruprecht erinnert an Jakobs Kampf mit dem Engel. Immer tiefer verstrickt sich Renata in ihren irrealen Vorstellungen und so landet sie wieder in der Klinik, in der sie die anderen Insassen und die Nonnen mit ihrem Wahnsinn ansteckt.

Die vorwärtstreibende Kraft der Musik entfaltet unter dem Dirigat von Wen-Pin Chien einen Sog, in dem die Bedrängnis Renatas nachvollziehbar wird. Svetlana Sozdateleva singt und spielt die Partie der Renata mit beeindruckender Intensität. Boris Statsenko weiß als Ruprecht ebenso zu überzeugen. Die grandiose, faszinierende Inszenierung erhielt beim Publikum einhelligem, begeisterte Zustimmung.

"DER FEURIGE ENGEL" von Sergej Prokofjew

Oper in fünf Akten op. 37

Libretto vom Komponisten nach dem Roman „Ognenny angel“ von Waleri Jakowlewitsch Brjussow

Musikalische Leitung: Wen-Pin Chien

Inszenierung: Immo Karaman

Bühne: Aída Leonor Guardia, Immo Karaman

Kostüme und Choreographie: Fabian Posca

Chorleitung: Christoph Kurig

Licht: Volker Weinhart

Dramaturgie: Hella Bartnig

Ruprecht: Boris Statsenko

Renata: Svetlana Sozdateleva

Wahrsagerin: Renée Morloc

Äbtissin: Susan Maclean

Doktor Agrippa von Nettesheim / Mephisto: Sergej Khomov

Doktor Faust: Sami Luttinen

Jacob Glock: Florian Simson

Mathias: Torben Jürgens

Exorzist / Graf Heinrich: Jens Larsen

Zwei junge Nonnen: Eva Bodorová, Stephanie Lesch

Drei Assistenten: Bo-Hyeon Mun, Manfred Klee, Clemens Begritsch

Drei Zuschaue: Volker Philippi, Ortwin Rave, Karl Thomas Schneider

Insassen und Personal der Heilanstalt / Nonne: Anna Roura-Maldonado, Joeri Burger, Photini Meletiadis, Ulrich Kupas, Francesco Pedone

Ein Junge:Gregor Krosigk

Chor der Deutschen Oper am Rhein

Orchester: Düsseldorfer Symphoniker

Premiere 13.06.2015, Opernhaus Düsseldorf

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