Die Banalität des Glücks

Die Münchner Kammerspiele präsentieren Anja Hillings „Mein junges idiotisches Herz“ bei den Mülheimer Theatertagen 2005.

Mein junges idiotisches Herz

Karin Schlüter aus der vierten Etage hat ein Problem. Denn Frau Schlüter ist eine Kotzerin. Eigentlich will sie Punkt 15 Uhr eine tragische Gestalt sein - um viertel nach zwölf Uhr schluckt sie erst ein Brötchen, dann Tabletten. Der für die Todesstunde beorderte Fruchtsaftlieferant Miroslav Vulvic soll sie sterbend in ihrem schönsten Kleid auffinden: Ein letzter Gedanke - „Miroslav“ - dann Schluss!

Der Plan geht gründlich schief. Ein Paket aus Australien – vom Postboten Ludger Hase in den Mikrokosmos eines anonymen Mietshauses gebracht – löst eine Kettenreaktion unvorhergesehener Ereignisse aus.

Frau Schlüter nimmt den postalischen Blindgänger für Herrn Sandmann aus dem dritten Stock an. Danach steht die Klingel nicht mehr still. Zuerst erscheint Hausmeister Zarter wegen eines Abwasserproblems und schlüpft geschmeidig wie ein Wurm unter ihre Spüle. Dann dringt auch noch der Mieter Sandmann durch die offenstehende Tür in die Wohnzelle ein.

Der Magen der euphorisch Sterbenden behält das Gift nicht länger bei sich. Frau Schlüter erbricht Tabletten und eine Menge unversehrter Sonnenblumenkerne. Als der begehrte Safthändler pünktlich mit der Bestellung erscheint, steckt ihr Kopf in der Kloschüssel.

Unverkrampft spielt das sechsköpfige Münchner Ensemble die Komik, die der Einsamkeit der Figuren innewohnt aus. Die Bühne ist von Frauke Löffel karg möbliert. Um einen tristen Wohncontainer gruppieren sich ein Mülleimer, ein Herd, ein Waschbecken, ein Klo und ein Stuhl aus Plastik. Beleuchtet wird die Szenerie von einer Anzahl unterschiedlichster Deckenlampen. Unter der Regie von Daniela Kranz entsteht hier ein Panoptikum moderner Existenzen, Szenen des alltäglichen Wahnsinns im Inneren eines anonymen Mietshauses.

Das Stück der jungen Autorin Anja Hillmann erzählt von sechs Schicksalen, die – immer handbreit neben der Realität - bild- und symbolträchtig miteinander verwoben sind. Sechs schräge, selbstironische Monologe münden in worthülsenreichen Dialogen - in alltäglichen Begegnungen.

Paula Lachmär (Anna Böger) schleicht mit Kopfhörern vor der Außenwelt abgeschirmt durchs Treppenhaus zum Mülleimer. Sie hat nicht mehr gesprochen seit Alfred aus dem Seitenflügel sie in ihrer blauen Ikea-Bettwäsche vergewaltigt hat.

Der Postbote (Robert Dölle) träumt von dem ersten regennassen Kuss seiner Ehefrau, die ihn kaum mehr wahrnimmt. Für ihn wird die Begegnung mit der ohrstöpselverschlossenen Frau Lachmär zur zwischenmenschlichen Offenbarung.

Miroslav (Michael Tregor), der - unglücklich liiert mit einer bulimiekranken Frau - nur noch „für die Kloschüssel“ arbeitet, trifft auf Karin Schlüter (Katharina Schubert), die sich in dieselbe zurück ins Leben kotzt. Der Gulaschduft aus der gegenüberliegenden Wohnung, in den sich Paula Lachmär zum Schutz vor der Außenwelt einhüllt, zieht den Saftlieferanten in ihre Wohnung und Arme. „Gulasch“ wird zu Paulas erstem Wort seit 69 Tagen.

Die Grenzen zwischen innerer und äußerer Realität sind fließend. Der Hausmeister (Matthias Bundschau) phantasiert sich in Begegnungen mit seiner Frau und seiner neuen Liebe dem Käseverkäufer, die ihn beide verlassen haben. Unter dem grünen Schal des Liebhabers hängt noch die rote Kapuzenjacke seiner Frau – Relikte einer vergangenen Wirklichkeit. Die gleiche oder gar dieselbe Jacke trägt die Unbekannte mit der Hans Werner Sandmann (Wolfgang Pregler) Nacht für Nacht im Traum schläft, um sich dann aus dem kalten Schoß ihrer Leiche zu befreien. Das (leere) Paket, das er an ihre Postfachadresse in Australien schickt um sich von dem sich endlos wiederholenden Alpdruck zu befreien, kehrt zurück

Der Tod des herzkranken Postboten führt dann alle Akteure zusammen. Die verhinderte Selbstmörderin findet ihn in der Waschküche – das letzte Teil des Wüstenpuzzles seiner Frau unter der Zunge. Wie Puzzleteile fügen sich nun auch die Momentaufnahmen des Großstadtalltags zu einem Schlussbild zusammen . Der Doris Day Song, der dem Stück den Titel gab, beschallt das Happy End - Miroslav findet das Kleid von Karin Schlüter schön!

Glück ist ebenso banal, wie irreal. Da passt es auch, dass Ludger Hase sich als Reisender in die Unterwelt im Jogginganzug zur Gruppe gesellt.

„Mein junges idiotisches Herz“ ist das zweite abendfüllende Stück der jungen Autorin. Ihr erstes Stück „Sterne“ wurde 2003 beim Stückemarkt des Theatertreffens in Berlin gelesen und erhielt dort den Preis der Dresdner Bank für junge Dramatik.

Zur Zeit studiert Anja Hilling, die 2003 ihr Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik 2003 beendet hat, „Szenisches Schreiben“ an der Universität der Künste in Berlin.