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"Illusion" nach Pierre Corneilles "L'illusion comique" im Düsseldorfer Schauspielhaus

Kategorien: SchauspielKritiken

Foto: Sebastian Hoppe

Ein raffiniertes Spiel mit Schein und Wirklichkeit, aber auch mit falschen Vorstellungen, die man sich von sich selbst und voneinander macht, das ist das Thema von Pierre Corneilles vielschichtiger Tragikomödie "Illusion". Geistreiche Dialoge, Verwechslungen, Täuschungen und Selbsttäuschungen, Liebeschwüre, Lug und Trug, Tode, Gefechte, Bühnenklappen und Drahtseilakte, fast das ganze Repertoire des Theaters, das alles bietet Corneilles Stück.

Nachdem die zehnjährige Suche nach seinem verlorenen Sohn Clindor, der sich im Streit von ihm getrennt hatte, erfolglos geblieben ist, zieht Pridamant von Reue geplagt den Magier Alcandre zu Rate. Dieser zeigt ihm die Lebensgeschichte seines Sohnes anhand von Gaukelbildern und erweckt mittels kostbarer Gewänder den Eindruck, sein Sohn sei gesellschaftlich aufgestiegen. Wie es dazu kam wird in einer zweiten Handlungsebene dargestellt. Cliandre sollte im Auftrag seines Dienstherrn Matamore, eines hasenfüßigen Maulhelden, um die Gunst von Isabelle werben. Diese zieht jedoch Clindor selbst vor, ist allerdings von ihrem Vater für eine ganz andere Partie vorgesehen, den reichen Adraste. Cliandre wiederum liebt eigentlich Lyse, die Dienerin Isabelles, spiegelt aber aus Eigennutz Isabelle seine Liebe vor. Bei einem nächtlichen Duell zieht sich der feige Matamore schnell zurück und verzichtet auf Isabell. Lyse, von Eifersucht und Rache geplagt, hetzt Adrastes Gefolgsleute auf Clindor, der im Gefecht Adraste tötet und dafür in den Kerker geworfen wird.

Lyse bereut ihre Tat und sinnt darauf, ihn aus dem Kerker zu befreien. Um dies zu erreichen, verführt sie den Kerkermeister. Ihr Plan geht auf und bald schon begeben sich Cliandre, Isabell, Lyse und der Kerkermeister auf die Flucht. Zwei Jahre später befinden sie sich am Hofe des Prinzen Florilame. Clindor, inzwischen zum Fürsten erhoben, hat sich zum Stelldichein mit Rosine, der Gattin Florilames, verabredet. Isabelle erfährt davon und will ihn daran hindern, sich in Gefahr zu begeben. Er weist Rosine ab, die sich damit nicht zufrieden geben will. Bei ihrem Wortgefecht werden sie jedoch von Bediensteten überrascht und Cliandre wird getötet. Darüber ist Pridamant entsetzt. Aber Alcandre zeigt ihm eine weitere Szene, indem sich alle Schauspieler ihre Gage auszahlen lassen, und so löst sich das Geheimnis der kostbaren Gewänder auf: Cliandre ist Schauspieler geworden und alles war nur Illusion...

Aber Vorsicht: Auch die Rahmenhandlung, in der sich das Geschehen zwischen Pridamant und Alcandre abspielt, ist nichts als Theater! Wir haben es hier mit dem im Barock so beliebten Theater im Theater zu tun.

Corneilles "Illusion" ist voller Wortwitz, der die menschlichen Befindlichkeiten entlarvt. 400 Jahre alt und voller Frische, so hat es Marie-Louise Bischofsberger sehr überzeugend mit temporeicher Leichtigkeit und humorvoll inszeniert. Besonders verdienstvoll, dass sie nicht einem albernen Slapstick erliegt, - das wäre bei diesem Thema durchaus möglich - sondern den Figuren noch eine durchschimmernde Ernsthaftigkeit angedeihen lässt . Die komisch-menschlichen Charakterisierungen der Figuren, das zauberhafte Bühnenbild, die stimmige Besetzung ergeben zusammen ein heiteres Gesamtkunstwerk. Herauszuheben sind Betty Freudenberger als pfiffige und kecke Isabelle, Patrizia Wapinska als kluge Lyse, Florian Jahr als gewiefter Clindor und Moritz Führman, der kurzfristig für den erkrankten Rainer Galke in die Rolle des Aufschneiders Matamore geschlüpft ist und sie mit Bravour gemeistert hat.

Dass diese Inszenierung jetzt zum letzten Mal im Düsseldorfer Schauspielhaus zu sehen war, ist sehr bedauerlich für die, die sie noch nicht gesehen haben.

Besetzung :

Willem Menne / Alcandre, Zauberer

Pierre Siegenthaler / Pridamant, Vater von Clindor

Gregor Löbel / Dorante, Freund von Pridamant, Kerkermeister von Bordeaux

Moritz Führmann / Matamore, Hauptmann, Verehrer Isabelles

Florian Jahr / Clindor, Matamores Gefolgsmann, Liebhaber Isabelles / Clindor als Théagène, englischer Fürst

Christian Ehrich / Adraste, Edelmann, Verehrer Isabelles, Eraste, Stallmeister von Florilame

Roland Schäfer / Geronte, Vater von Isabelle

Betty Freudenberg / Isabelle, Tochter von Geronte / Isabelle als Hippolyte, Frau von Théagène

Patrizia Wapinska / Lyse, Dienerin von Isabelle / Lyse als Clarine, Gefolgsdame von Hippolyte

Stefanie Rösner / Rosine, Gattin des Prinzen Florilame

Leander Apel / Page des Hauptmanns

Janek Beau / Page des Hauptmanns

Luis Albers / Page des Hauptmanns

Michael Thanscheidt / Truppe von Bediensteten Adrastes, Truppe von Bediensteten Florilames

Sascha Voss / Truppe von Bediensteten Adrastes, Truppe von Bediensteten Florilames

Wolfgang Höft / Truppe von Bediensteten Adrastes, Truppe von Bediensteten Florilames

Helmut Link / Truppe von Bediensteten Adrastes, Truppe von Bediensteten Florilames

Aljoscha Leonard / Truppe von Bediensteten Adrastes, Truppe von Bediensteten Florilames

Regie: Marie-Louise Bischofberger

Bühne: Arthur Aillaud

Kostüme: Bernd Skodzig

Licht: Michael Bauer

Dramaturgie: Stefan Schmidtke

Premiere 21. Oktober 2011

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