"Herz und Mund und Tat und Leben"

im Düsseldorfer Schauspielhaus

Kategorien: SchauspielKritiken

Foto Sebastian Hoppe

Pierre Bourdieus Studien "Das Elend der Welt", 1993 veröffentlicht, liefern die Textgrundlage für das im Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführte Musiktheaterstück "Herz und Mund und Tat und Leben". In seiner soziologischen Untersuchung lässt Bourdieu die Menschen mit ihren Sorgen und Nöten selbst zu Wort kommen. Für die Rahmenhandlung haben sich die beiden Autoren von "Herz und Mund und Tat und Leben", Laura Berman und Thomas Krupka, durch Ereignisse des letzten Winters inspirieren lassen: den tagelangen Stromausfall im Münsterland und die Aufstände Jugendlicher in Clichy. Als Kontrapunkt zu den Texten ist die barocke Musik Bachs gesetzt, gesungen von Mitgliedern des Jungen Ensembles der Rheinoper und gespielt von Mitgliedern der Düsseldorfer Symphoniker.

Ein geplündertes Sportschuhgeschäft im Pariser 15. Arrondissement ist Ort der Handlung, in dem die fünf Protagonisten aufgrund eines Stromausfalles aufeinander treffen:
Die Besitzerin des Geschäftes (Katharina Lange), zugleich Stadträtin und daher bestens vertraut mit den sozialen Problemen ihres Stadtteils, versteht zwar die Jugendlichen, die sich teure Sportschuhe gar nicht leisten können, kann aber die Plünderung und Brandschatzung nicht billigen, durch die sie ihrer Existenzgrundlage beraubt wurde.
Eine junge Postverteilerin (Melanie Kretschmann) aus der Provinz arbeitet seit Jahren in der Nachtschicht und sieht daher kaum ihren Freund, weil er in wechselnden Tagesschichten arbeitet, geschweige denn, dass sie bisher viel von Paris gesehen hätte.
Ein junger Gewerkschafter (Denis Geyersbach), der in einer Autofabrik arbeitet, beklagt die Veränderung der Arbeitsatmosphäre, die härteren Arbeitsbedingungen, die abnehmende Solidarität der Arbeiter untereinander, das gegenseitige Ausgrenzen bis hin zum Mobbing.
Ein arbeitsloser Richter (Matthias Leja), der sich nicht an die gängigen Verhältnisse anpassen wollte und in den Augen anderer unkonventionelle Urteile sprach, moniert die Angepasstheit seiner ehemaligen Kollegen und seine eigene Ausgrenzung.
Eine ältere Dame (Barbara Teuber) leidet unter Einsamkeit, weil sich die Bewohnerschaft  in ihrem Wohnumfeld  ändert und sie daher keine Kontakte mehr zu Ihrer Nachbarschaft hat.

Monologisch sprechen alle Figuren zur Rampe hin, mal bedächtig, mal resigniert, mal aufgeregt. Wie in einer griechischen Tragödie scheinen sie einem unentrinnbarem Schicksal  hilflos und ratlos ausgeliefert zu sein. Es ist ein alltägliches Leiden an den gesellschaftlichen Verhältnissen, die individuelle Situation spiegelt die allgemeine wider. Zugleich ist es auch eine höchst aktuelle Widerspiegelung unserer aller Realität mit ihrer zunehmenden sozialen Kälte und dem Anwachsen von Gewalt.

Unsere fünf Protagonisten dürfen jedoch hoffen. Zu ihnen gesellen sich vier Sänger/innen, die sie als eine Art unsichtbare Engel zwar erspüren, aber nicht sehen, und durch die ihnen Trost widerfährt, die sie auch zuweilen schützend in den Arm nehmen und so Wärme spenden in einer nicht nur durch den Stromausfall hervorgerufenen wärmelosen Zeit.

Diese Trostspender (Sergey Tkachenko, Leas Pasquel, James Martin, Iwona Lesniowska) bedienen sich der Kantaten und Choräle Bachs, die aufgrund ihrer bildhaften Sprache und ihrer beruhigenden Melodien den Menschen wieder aufzurichten vermögen. Die ursprünglich für den Gottesdienst konzipierten Musikwerke haben kathartische Wirkung, da der Zuhörer die jeweilige Befindlichkeit durchlebt und sich zudem durch die kollektive Ansprache in einer Gemeinschaft wiederfindet. So geht er versöhnt und getröstet, nachdenklich und vielleicht auch selber mit etwas mehr Mut und Elan nach Hause.

Das Projekt „Herz und Mund und Tat und Leben“ mag zunächst als gewagte Invention erscheinen, treffen doch Texte aus dem 20. Jahrhundert mit barocken Kantanten zusammen (wobei beide ein nicht ganz unähnliches Lebensgefühl artikulieren). Doch funktioniert die Zusammenführung erstaunlich gut, nicht zuletzt weil sich in unserer Zeit gar kein adäquaterer Trostspender als Bach finden ließe, es sei denn, man nähme die allbekannten konsumierbaren Ersatzbefriedigungen zu Hilfe, die aber keine dauerhafte Lösung bieten und nur einen faden Geschmack hinterlassen.

„Herz und Mund und Tat und Leben“ ist ein modernes Oratorium, überzeugend gespielt, von Schauspielern, Sängern und Musikern gleichermaßen überzeugend umgesetzt. Eine gelungene Ensembleleistung.

Inszenierung: Thomas Krupa/ Amélie Niermeyer
Musikalische Leitung: Andreas Stoehr
Bühne: Andreas Jander
Kostüme: Valerie von Stillfried
Darsteller (in): Sergey Tkachenko, Barbara Teuber, Katherina Lange, Matthias Leja, Melanie Kretschmann, Denis Geyersbach, Leas Pasquel, James Martin, Iwona Lesniowska

 
Premiere: 19. November 2006, 19.30 Uhr, Kleines Haus.

Weitere Artikel