18-09-06

"Kin-Jiki" von Kim Itoh im Tanzhaus NRW in Düsseldorf

am 16.09.06

von Dagmar Kurtz

Als deutsche Erstaufführung war im Tanzhaus NRW "Kin-Jiki", eine Choreographie von Kim Itoh zu sehen. "Kin-Jiki" ("Verbotene Farben") bezieht sich sowohl auf den gleichnamigen Roman des japanischen Schriftstellers Yukio Mishima als auch auf das nach diesem Roman entstandene Bühnenwerk von Tatsumi Hiijakta von 1959, das als Meilenstein in der Entwicklung des Butoh-Tanzes gilt. Mishimas Roman, in dem es um die konfliktreiche Beziehung eines alten Schriftstellers zu einem gut aussehenden jungen Mann geht, löste Anfang der 1950-er Jahre aufgrund des Tabuthemas Homosexualität einen Skandal in Japan aus. Beides, sowohl Tanzstück als auch Roman, diente Kim Itoh als Grundlage für eine eigene Interpretation des Stoffes, wobei der Schwerpunkt nicht so sehr auf der konfliktreichen Beziehung zweier Menschen liegt, sondern eher auf dem inneren Konflikt eines modernen Mannes.

Das Stück beginnt mit einer Szene totaler Nacktheit, in der sich die beiden Tänzer Kim Itoh und Tsuyoshi Shirai schnell über die Bühne bewegen, bevor Kleidung und Schuhe aus dem Schnürboden fallen und die Ankleidung dem ironisch-distanzierten Spiel ein Ende setzt. Duett und Soli der beiden Tänzer wechseln einander ab und spiegeln den Zustand der Beziehung ebenso wider, wie der Wechsel zwischen schnellen und äußerst langsamen Passagen. Eindrucksvoll wird in einer minutenlangen, stilisierten Sequenz die Selbsttötung Mishimas rekonstruiert. Ebenso eindrucksvoll werden seelische Konflikte dargestellt und in einer Sequenz mit ohrenbetäubendem Lärm unterlegt, der die Assoziation eines Bomberangriffs auslöst. Seelischer Schmerz äußerst sich in einem lautlosen Schrei und lässt an die Filmszene der verletzten Kinderfrau aus Sergei Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" denken. Daneben finden sich überaus poetische Bilder z.B. die eines Blütenregens, der wiederum an Akira Kurosawas Film "Dreams" denken lässt.

Der schlichte, architektonisch konstruierte Bühnenraum ist ebenso Teil des ästhetischen Gesamtkonzeptes wie die wechselnde Licht- und Farbgestaltung, wie z.B. der mit großen, ein abstraktes Muster erzeugenden Lichtflecken übersäte Bühnenboden, die verwendeten Farben Rot und Blau, bzw. das Gold der Sonnenstrahlen, die durch die Seitenwandöffnung dringen, ebenso wie der Schattenwurf der zwei Tänzer auf die beiden Seitenwände, wobei sich dann nur drei Schatten bilden und ein Moment erzeugt wird, der die Thematik des Tanzstückes nochmals auch visuell anklingen lässt.

Das Stück endet mit dem Adagietto aus der 5. Sinfonie von Mahler und erweist damit seine Reverenz der thematisch verwandten Erzählung "Der Tod von Venedig" von Thomas Mann, bzw. der filmischen Umsetzung von Luchino Visconti, dessen Thema ebenfalls die verbotene homoerotische Sinnlichkeit ist.

Kim Itohs Tanztheaterstück "Kin-Jiki" ist eine faszinierende sinnliche und zugleich poetische Darbietung mit einer überzeugenden ästhetischen Konzeption, wobei es ihm gelungen ist, sich in der choreographischen Gestaltung von der rigiden, traditionellen Darstellungsweise des Butoh zu lösen, indem er ihn virtuos transformiert.


Choreografie: Kim Itoh
Tanz: Tsuyoshi Shirai, Kim Itoh
Bühne: Tsuneo Kojima
Licht: Hisashi Adachi
Kostüme: Etsuko Oguma
Sound: Toshio Fujii
Regie: Kim Itoh
Termine:
Ort: Düsseldorf