Die Träume des Andrej Mogutschi

"Der Prozess" nach Franz Kafka im Düsseldorfer Schauspielhaus

Foto Sebastian Hoppe

Ein Fest für Requisite, Bühnentechnik und Kostümbildnerei! Der Regisseur Andrej Mogutschi schöpft aus dem Vollen, um seine Traumphantasien umzusetzen. Absurdität und Surreales haben es ihm angetan. In schnellem Wechsel dreht sich die Bühne in verschiedenen Ebenen, man schwebt in Booten am Himmel und am Boden, Wolken und behütete Männer ziehen vorüber wie auf René Magrittes Bildern. Gewagte Kostümierungen und ein Riesenbaby. Schräg gestellte Zimmer und Türen, die ins Nichts führen. Szenen wie aus Träumen. Manches entartet in Slapstick und Klamauk. Beim Einlass, während der Aufführung und in der Pause mischen sich schwarzbefrackte Menschen unter das Publikum; ein Chor von Gerichtsdienern, der akustisch oftmals kaum zu verstehen ist.

Josef K., die Hauptfigur aus Kafkas Roman "Der Prozess", spricht mit Akzent und spielt zumindest im ersten Teil dieser Inszenierung am Schauspielhaus Düsseldorf eine Nebenrolle. Überhaupt scheint Kafkas Text nur als Anlass zu dienen, sich bühnentechnisch auszutoben. Mit dem Inhalt des Romans hat das weniger zu tun. Carl Alm als Josef K. geht denn auch eher passiv durch dieses Stück. Das Aufbegehrende, mitunter Selbstgerechte fehlt ihm hier völlig. Bettina Kerl als Fräulein Bürstner tritt als forsches Erstsemester im glitzerigen Stones T-Shirt mit Rucksack auf, als einzige des Ensembles im zeitgenössischen Kostüm. Anders als noch bei Kafka gibt sie die empathische, verliebte Nachbarin. Auch sonst sind die Figuren nur entfernt an Kafkas Originale angelehnt.

Kafkas Roman ist Fragment geblieben und daher ist die Reihenfolge der einzelnen Szenen nicht festgelegt, gleichwohl lässt sie sich aus dem Text und der Form der Überlieferung fast vollständig erschließen. Da aber derart viele Striche vorgenommen wurden, so dass sich ein Handlungssinn gar nicht mehr erschließen lässt (z. B. bleiben die Beschwerden der Gerichtsdiener über ihre Bestrafung oder die Rückziehung des Mandats völlig unmotiviert, weil nirgends über das Vorhergehende berichtet wird), trägt diese Anordnung der einzelnen Szenen und die daraus resultierende Arbeit mit Rückblenden nur zu weiterer Verwirrung bei. Offenbar scheint es Mogutschi nur darum zu gehen, Traumwelten darzustellen. Braucht es aber dazu Kafkas Text, aus dessen Versatzstücken er sich steinbruchartig bedient? Bei Kafka geht es immerhin noch um ein im Traum vielfach auftretendes Phänomen der Raum- und Zeitverschiebung und die daraus resultierende Frage, wie sich die Wahrnehmung auch in der Realität darstellt. Darüber hinaus hat der Text eine politische und soziale Dimension, es geht um Kritik am Gerichtswesen, um Unterdrückung und Willkür, um das Ausgeliefertsein des Menschen unter eine undurchschaubare Machtsituation, der er sich nicht gewachsen fühlt und die er auch mit logischem Denken nicht durchschauen kann, und es geht auch um individuelle Vereinzelung. Da reicht es nicht, wenn man sich schon auf Kafkas Roman beruft, sich auf eine kunterbunte Show zurückzuziehen, ohne auch nur ansatzweise das Beklemmende, Alptraumhafte des Textes zu berücksichtigen, auch wenn diese Inszenierung von überbordender Phantasie zeugt und mitunter wunderbare Bilder hervorruft.

Kein Wunder also, dass sich bei diesem Etikettenschwindel der Zuschauerraum nach der Pause merklich gelichtet hatte.

Fassung von Alexander Artemov und Dimitrij Yushkov

Besetzung / Team:

Carl Alm, Jonas Anders, Markus Danzeisen, Christian Ehrich, Betty Freudenberg, Claudia Hübbecker, Bettina Kerl, Moritz Löwe, Dirk Ossig, Taner Sahintürk, Pierre Siegenthaler, Sven Walser, Patrizia Wapinska

Regie : Andrej Mogutschi

Bühne: Maria Tregubova

Kostüme: Maria Tregubova, Alexej Tregubov

Video: Konstantin Shchepanovski

Musik: Alexander Manotskov, Oleg Karavajtschuk

Dramaturgie: Stefan Schmidtke

Premiere 15. September 2012

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