27.06.2012 10:56

Residenztheater München: MARSTALLPLAN 2012 am 5./7./27. und 6./15./28. Juli im Marstall

Zum Ende der Spielzeit wartet das Residenztheater noch einmal mit 6 Premieren in 2 Tagen auf: Der MARSTALLPLAN ist ein Minifestival in seiner kleinsten Spielstätte, das jungen Regisseuren eine Plattform bereitstellt, um sich auszuprobieren und ihre Arbeiten gemeinsam zu zeigen.

CONTAINER PARIS, Foto Meike Ebert

Für alle gelten folgende Bedingungen: zwei bis drei Wochen Probenzeit, geringe Auf- und Abbauzeiten, knappes Budget. Und so werden mit begrenzten Mitteln, aber hohen Ambitionen skizzenhafte, schnelle und sehr unterschiedliche Beiträge entwickelt, die alle um ein gemeinsames Thema kreisen: Hochstapelei.

 

Die klassische Hochstapler-Geschichte wird gerne erzählt und ist immer ähnlich gestrickt: Da erschwindelt sich ein Protagonist mit gefälschten Zeugnissen oder zumindest simuliertem Habitus Ruhm, Reichtum und Macht. Der Höhenflug endet stets mit der Enttarnung der Lüge, der Rückkehr zur Wahrheit und der Wiederherstellung der Ordnung.

 

Auch wer sich heute im Berufsleben behaupten will, ist dazu aufgerufen, ein konkurrenzfähiges Selbst zu Markte zu tragen. Wenn aber Authentizität als Disziplinierungsmodell fungiert und das wahre „Ich“ zur unverwechselbaren Marke gemacht werden muss, dann geht es um neue Perspektiven jenseits des Befehls: „Sei einfach du selbst!“

 

Und so treten beim MARSTALLPLAN wechselnde Identitäten, Spekulationen, Hochstapeleien auf den Plan, reine Behauptungen zwischen Spiel und Risiko, voller Lust an der Verkleidung, an der Grenze zwischen echt und erfunden, auf der Suche nach einer anderen künstlerischen und Lebens-Praxis.

Die drei Regieassistenten des Residenztheaters Martina Gredler, Robert Gerloff und Katrin Plötner, das Gewinnerteam eines hochschulinternen Wettbewerbs der Bayerischen Theaterakademie August Everding sowie die beiden Jungregisseure Alexander Riemenschneider und Gernot Grünewald loten das Thema „Hochstapelei“ in seinen unterschiedlichen Facetten aus.

 

Marstallplan 1

PREMIEREN am 5. Juli

19.00 Uhr LÜGENSUCHT IM DIENSTE DER ICH-ERHÖHUNG ein Projekt von Gernot Grünewald

20.30 Uhr WIR SCHLAFEN NICHT von Kathrin Röggla, Regie Gregor Turecek

22.00 Uhr CONTAINER PARIS von David Gieselmann, Regie Robert Gerloff

weitere Vorstellungen am 7. und 27. Juli im Marstall

 

Marstallplan 2

PREMIEREN am 6. Juli

19.00 Uhr DIE HAMLETMASCHINE von Heiner Müller, Regie Katrin Plötner

20.30 Uhr FRAGEBOGEN von Max Frisch Regie, Alexander Riemenschneider

22.00 Uhr HUNDEHERZ von Michail Bulgakow Regie, Martina Gredler

weitere Vorstellungen am 15. und 28. Juli im Marstall

Der reguläre Preis beträgt 9 Euro je Einzelvorstellung. Beim Kauf von Karten für mindestens 3 Einzelvorstellungen von Marstallplan 1 und/oder Marstallplan 2 erhalten Sie die Einzelkarte für je 6 Euro. Dieses Package ist nur telefonisch unter 089/2185 1940 und an den Kassen der Staatstheater erhältlich. Schüler und Studenten erhalten gegen Vorlage eines gültigen Ausweises Karten für 6 Euro je Einzelvorstellung.

Informationen unter www.residenztheater.de/artikel/der-marstallplan

 

Informationen zu den Inszenierungen:

LÜGENSUCHT IM DIENSTE DER ICH-ERHÖHUNG

Unter Anleitung eines führenden Experten zum Thema Pseudologia phantastica entwickelt der häufig dokumentarisch arbeitende Regisseur Gernot Grünewald mit vier Schauspielern eine Performance über Sein und Schein, Geltung und Wahrheit, Prestige und Lüge. In dem Workshop zur modernen Subjektkonstruktion sind Doktorspiele ebenso erwünscht wie Geständnisse von Hochstaplern. Die Schauspieler nutzen Alltäglichkeitsmasken und machen bei ihren Entlarvungen auch an der Bühnenrampe nicht halt, mit der Videokamera strömen sie aus in die Hochstapler-Metropole München.

Mit Miguel Abrantes Ostrowski, Arthur Klemt, Marie Seiser, Lukas Turtur

Regie: Gernot Grünewald, Bühne: Michael Köpke, Kostüme: Nina Hofmann, Dramaturgie: Stefan Bläske.

Gernot Grünewald, geboren 1978 in Hildesheim, war als Schauspieler am Staatstheater Stuttgart und dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg engagiert, bevor ab 2007 ein Regiestudium an der Hamburger Theaterakademie begann. 2011 wurde er mit dem Hauptpreis beim Körber Studio Junge Regie ausgezeichnet. Bei seiner Diplominszenierung "Dreileben – Ein Projekt übers Sterben" arbeitete er dokumentarisch auf der Grundlage von Interviewmaterial, das seine Schauspieler in einem Sterbehospiz sammelten. Grünewald inszeniert u.a. am Jungen Theater Göttingen, am Theater Heidelberg, am Staatstheater Karlsruhe und am Schauspielhaus Wien.

 

Kathrin Röggla: WIR SCHLAFEN NICHT

Ein Kooperationsprojekt mit der Bayerischen Theaterakademie August Everding

Wir schlafen nicht, wir arbeiten. Wir leben in einer Hochleistungsgesellschaft, im Dauerstresstest aus Reizen, Informationen und Impulsen.

„überall managementkrisen, mangel an durchblick, mangel an managementvermögen. doch andererseits: wenn es dieses missmanagement nicht gäbe, bräuchte es unsereins auch gar nicht.“

Kathrin Röggla schrieb „wir schlafen nicht“ 2004 auf Grundlage von Interviews, die sie mit Unternehmensberatern, Managern und anderen Repräsentanten der heutigen Arbeitswelt geführt hat.

Die Inszenierung ist der Abschluss eines auf drei Semester angelegten Kooperationsprojektes mit der Bayerischen Theaterakademie. Das Regieteam, bestehend aus Studenten der Studiengänge Regie, Bühnenbild und Dramaturgie, präsentierte ihr Inszenierungskonzept im März 2012 in Anwesenheit der Autorin einer Jury aus Vertretern von Residenztheater und Theaterakademie, darunter Martin Kušej und Klaus Zehelein. Es spielen Ensemblemitglieder des Residenztheaters und Absolventen des Studiengangs Schauspiel.

Mit Jens Atzorn, Agnes Kiyomi Decker, Sebastian Fritz, Matthias Renger, Katrin Röver, Ulrike Willenbacher

Regie: Gregor Turecek, Bühne: Maximilian Lindner, Kostüm: Johanna Hlawica,

Dramaturgie: Matthias Döpke, Mitarbeit Konzept: Manuel Schmitt.

Kathrin Röggla, geb. 1971 in Salzburg, lebt in Berlin. Für ihre Prosawerke, Theatertexte und Hörspiele erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u.a. 2012 den Arthur-Schnitzler-Preis und den „Mainzer Stadtschreiber“-Preis.

 

David Gieselmann: CONTAINER PARIS

Hans-Peter Grothe, einfacher Angestellter in einem Logistik-Unternehmen, ist mit einer neuen Aufgabe betraut: Er muss einen Container finden. Wo er ihn finden könnte, ist ihm allerdings ebenso unklar wie warum er ihn suchen soll und was drin ist oder sein könnte. Auf seinen Reisestationen in europäischen Hotels lernt er ein ruheloses Supermodel kennen, das nur mit Narkosemittel schlafen kann, das sich aber gemeinsam mit ihrem Assistenten der Suche anschließt. Und als ihm seine Frau, sein Chef und die Vertreterin der Konkurrenzfirma nachreisen und Grothe zuletzt ein Unternehmen gründet, das die Operation im großen Stil betreibt, wird die Suche schließlich weltweit mit Spannung verfolgt. Wird der Container gefunden? Was ist darin? Oder – ist überhaupt etwas darin? Sicher ist: Die Nicht-Genarrten irren.

Mit Miguel Abrantes Ostrowski, Carolin Conrad, Arthur Klemt, Friederike Ott, Tom Radisch, Michaela Steiger, Lukas Turtur

Musiker: Rudolf Gregor Knabl, Jan Faszbender

Regie: Robert Gerloff, Bühne: Bärbel Kober, Kostüm: Johanna Hlawica, Nina Hofmann, Musik: Rudolf Gregor Knabl,

Dramaturgie: Veronika Maurer

David Gieselmann, geb. 1972 in Köln, studierte von 1994 bis 1998 Szenisches Schreiben an der Hochschule der Künste Berlin und inszenierte zu der Zeit erste eigene Stücke in der freien Theaterszene Berlins. 1999 war er zur "International Residency of Playwrights" sowie zur "Week of New German Playwrights" am Londoner Royal Court Theatre eingeladen. Dort wurde 2000 sein Stück „Herr Kolpert“ uraufgeführt (nominiert für den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes), das auf zahlreichen deutschen Bühnen sowie u.a. in Skandinavien, Italien, Griechenland, Frankreich, Polen, Australien und den USA nachgespielt wurde. 1999 produzierte DeutschlandRadio Berlin sein Hörspiel Blauzeugen, das zum "Hörspiel des Monats" gewählt wurde und 2000 bei der "Woche des Hörspiels" an der Berliner Akademie der Künste den Publikumspreis erhielt; seine Hörspiele „Der Android“ (2001) und „Caruso duscht“ (2006) wurden vom WDR produziert. David Gieselmann lebt in Hamburg.

 

Heiner Müller: DIE HAMLETMASCHINE

Er war Hamlet. Oder Ophelia. Und viele andere, vielleicht alle. Ein Angeber, Vorgeber, Vorsteller, Darsteller. Ein Kulissenschieber, Gaukler der Geschichte, Verführer der Massen, Spieler seiner selbst, Zweifler, eine Zitatmaschine. Steht da als sei er schon immer dagewesen. Und ist doch fremd wie keiner.

Heiner Müllers schrieb „Die Hamletmaschine“ 1977 im Rahmen seiner Übersetzungsarbeit an Shakespeares „Hamlet“: ein nur neunseitiger Text, zutiefst persönlich und zugleich politisch. Ein Hohelied des Welt-Theaters – und dessen Abgesang.

„Ich spiele keine Rolle mehr. Meine Worte haben mir nichts mehr zu sagen. Meine Gedanken saugen den Bildern das Blut aus. Mein Drama findet nicht mehr statt. Hinter mir wird die Dekoration aufgebaut. Von Leuten, die mein Drama nicht interessiert, für Leute, die es nichts angeht.“

Mit Robert Niemann

Regie: Katrin Plötner, Bühne + Kostüm: Anneliese Neudecker, Choreographie: Pascale Utz, Dramaturgie: Stefan Bläske

 

Michail Bulgakow: HUNDEHERZ

Moskau 1925. Der angesehene Arzt und Wissenschaftler Prof. Preobrashenski hat sich auf die sexuelle Verjüngung seiner älteren und gut betuchten Patientenschaft mittels Transplantation von Affenhoden und -eierstöcken spezialisiert. Bei einem zu diesem Zweck durchgeführten Tierversuch verwandelt sich aus Versehen der Straßenköter Bello in den gemeingefährlichen Lumpenproletarier Bellow, der daraufhin seinem Schöpfer das Leben zur Hölle macht. Er stiehlt, säuft, stellt Frauen nach und bringt schließlich als „Leiter der Unterabteilung zur Säuberung der Stadt“ haufenweise streunende Tiere um. Als er zu guter Letzt selbst das Leben des Professors bedroht, wird er von diesem und dessen Assistenten zum Straßenköter zurückoperiert.

Als ein Teil von Michail Bulgakows „Teufeliaden“ zeigt sich „Hundeherz“ als ironische Parabel auf die grotesken politischen Zustände im Russland der zwanziger Jahre. Acht Jahre nach der Revolution scheint bereits die Utopie des neuen sozialistischen Menschen in einer vermeintlich klassenlosen Gesellschaft gescheitert.

Was für ein Menschenbild propagiert unser heutiger Turbokapitalismus? Eine Leistungsoptimierung des Menschen wird in allen Lebensbereichen gefordert: Sei es im Fitness- und Jugendwahn unserer Gesellschaft wie in den beruflichen Selbstvermarktungstendenzen. Auch in diesem Experiment bleibt das erschöpfte Selbst auf der Strecke.

Martina Gredler richtet den Text als Lesung ein und ergründet mit dokumentarischen Videos die Aktualität von Bulgakows Themen.

Mit Shenja Lacher

Regie: Martina Gredler, Video: Patric Seibert

 

Max Frisch: FRAGEBOGEN

Max Fisch ist ein Leben lang ein Fragender gewesen: „Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?“ Insgesamt elf Fragebögen veröffentlichte Max Frisch in seinem „Tagebuch 1966-1971“. Sie sind thematisch geordnet: Ehe, Frauen, Hoffnung, Humor, Geld, Freundschaft, Kinder, Heimat, Eigentum, Tod. Über zweihundert Fragen stellt Frisch unkommentiert dem Leser und wahrscheinlich sich selbst. Sie betreffen das Leben in seinen gewöhnlichen wie existenziellen Momenten und ergeben gesammelt einen Baukasten zur immerwährenden Ich-Suche.

Mit Carolin Conrad, Gunther Eckes, Jörg Ratjen, Michaela Steiger

Regie: Alexander Riemenschneider, Bühne: Rimma Starodubzeva, Kostüm: Lili Wanner, Dramaturgie: Andreas Karlaganis