Der schöne Rhein

"Götterdämmerung" von Richard Wagner in der Deutschen Oper am Rhein

Von Dagmar Kurtz
Drei verschrobene ältere Damen treffen sich im Gartenlokal mit Blick auf den Rhein beim Kännchen Kaffee und Kuchen, serviert auf Porzellan der Köln-Düsseldorfer Schifffahrtsgesellschaft. Später werfen sie sich verschmitzt imaginäre Wollknäuel zu. Es sind die Nornen, die hier das Schicksal knüpfen. So beginnt Dietrich W. Hilsdorf den letzten Teil des Ringes, die "Götterdämmerung" in seiner Inszenierung für die Deutsche Oper am Rhein.
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(c) Hans Jörg Michel

In der Tat im 19. Jahrhundert begann der Rhein Ausflugs- und Touristenziel zu werden, besonders das obere Mittelrheintal, der romantische Teil mit Burgen und Schlössern, war äußerst beliebt. Der romantische Blick bildete einen Gegenpol zur aufkommenden Industrialisierung. Dichtern, Malern, Musikern diente er als Inspirationsquelle. Im Zuge des aufkommenden deutschen Nationalgefühls wurde er aber auch immer mehr politisch instrumentalisiert. Der Weiterbau des Kölner Doms bediente nicht nur die mittelalter- begeisterten Romantiker, sondern hatte auch Symbolkraft für die Nationalbewegung, die eine deutsche Einheit forderte. Das Lied "Die Wacht am Rhein" wurde zur Hymne, mit der man 1870/71 in den deutsch-französischen Krieg zog. Danach wurde das Niederwalddenkmal als Symbol des Sieges und der Gründung des deutschen Kaiserreichs errichtet. Dieser deutsche, wenn man so sagen will "Urfluss" spielt als Subtext in Hilsdorfs "Götterdämmerung" eine bedeutende Rolle.

Im engen Hafenbecken liegt ein verrosteter Rheinkahn, die "MS Wodan", auf dem sich das Geschehen um Liebe, Macht, Gier, Betrug, Verrat abspielt. Seine Fahrt wird mit Videosequenzen vom Düsseldorfer Schlossturm bis zum Duisburger Hafen simuliert. Als genauso abgewrackt wie der Kahn entpuppt sich die illustre Gesellschaft in gruftiartigen Kostümen. Gutrune setzt sich einen Schuss, ihr Bruder Gunther neigt dem Alkohol zu. Der Naivling Siegfried benötigt noch nicht einmal den Vergessenstrank, um sich in der angesponnenen Intrige zu verfangen, denn Gutrune hat den Kelch schon fortgeschleudert bevor er den Trank zu sich nehmen kann. Sinnvoll ist diese Umdeutung nicht, denn wie lässt sich dann Siegfrieds Verleugnung gegenüber Brünnhilde erklären?

Wieder wird das rheinische Lokalkolorit bemüht: der Chor tritt als Karnevalssoldaten mit Funkenmariechen auf. Zwischendurch blinkt auch die in allen Teilen dieses „Rings“ verwendete Revuebeleuchtung des Portals auf. Es sind nur wenige Regieeinfälle ,die diese Inszenierung kennzeichnen. Der große Wurf ist das nicht, sind sie doch eingeworfen ohne konsequent weiter verfolgt zu werden.
Der erstochene Siegfried begibt sich zum Sterben unter Deck. Zum Ende wird es andeutungsweise politisch: In sein Lukengrab werden nach und nach sämtliche Flaggen der deutschen Geschichte geworfen, zu allerletzt eine rein weiße, ein unbeschriebenes Blatt für all das, was da kommen mag. Brünnhilde zündet das Grab an, und der Kahn treibt brennend weiter. Wotan lässt sich noch einmal als Wanderer mit dem Fahrrad blicken. Der Ring geht schließlich an die quecksilbrigen Rheintöchter zurück, deren Aufritte zu den überzeugendsten Szenen dieser Inszenierung zählen dürfen.

Für die solide gesangliche und orchestrale Gestaltung gab es letztendlich dann stürmischen Beifall.

Musikalische Leitung: Axel Kober
Inszenierung: Dietrich W. Hilsdorf
Bühne: Dieter Richter
Kostüme: Renate Schmitzer
Licht + Video: Volker Weinhart
Dramaturgie: Bernhard F. Loges
Chorleitung: Gerhard Michalski

Siegfried: Michael Weinius
Gunther: Bogdan Baciu
Alberich: Michael Kraus
Hagen: Hans-Peter König
Brünnhilde: Linda Watson
Gutrune: Sylvia Hamvasi
Waltraute: Katarzyna Kuncio
1. Norn: Susan Maclean
2. Norn: Sarah Ferede
3. Norn: Morenike Fadayomi
Woglinde: Anke Krabbe
Wellgunde: Kimberley Boettger-Soller
Floßhilde: Ramona Zaharia
Chor der Deutschen Oper am Rhein
Extrachor
Düsseldorfer Symphoniker

Premiere  Samstag, 27. Oktober 2018, um 17.00 Uhr im Opernhaus Düsseldorf

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