Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
"Die Soldaten" von Bernd Alois Zimmermann - Bayerische Staatsoper München"Die Soldaten" von Bernd Alois Zimmermann - Bayerische Staatsoper München"Die Soldaten" von Bernd...

"Die Soldaten" von Bernd Alois Zimmermann - Bayerische Staatsoper München

Premiere am Sonntag, 25. Mai 2014, 19.00 Uhr. -----

Das Bürgermädchen Marie Wesener wechselt von Verehrer zu Verehrer, allesamt aus der Reihe der Offiziere und Soldaten, bis ihr der Ruf der Flatterhaftigkeit anhängt und sie zum Freiwild für die männliche Lust wird. Sie endet als Hure und Bettlerin.

Ihr Fall kulminiert in Schreckensvisionen einer Jahrhunderte überspannenden Verrohung des Menschen, in das apokalyptische Bild einer endlosen Spirale sich wiederholender Zwänge und der Gewalttätigkeit des Menschen.

 

„Gestern, heute und morgen“ definierte Bernd Alois Zimmermann die Handlungszeit seiner 1965 in Köln uraufgeführten Oper nach dem Drama des Sturm und Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz. Schon Lenz war der Theaterästhetik seiner Zeit weit voraus und propagierte in seinen theoretischen Schriften die Auflösung der Einheit von Zeit, Ort und Handlung. Zimmermann schuf ein multimediales Musiktheater, bei dem sich durch das Neben- und Miteinander von riesigem Orchester, Bühnenmusik, Jazz-Combo, Elektronik, Tonband und Lautsprechern und durch die Mittel von Filmprojektion und Simultanbühne Handlungsebenen überlagern und Einzelschicksale sich in einem größeren Panorama der Zerstörung, von Vergewaltigung, Selbstmord und Mord spiegeln.

 

Kirill Petrenko wird in seiner dritten Premiere als Generalmusikdirektor mit Die Soldaten „eine der komplexesten Partituren des 20. Jahrhunderts“ (Petrenko) dirigieren. Bernd Alois Zimmermanns in Zwölftontechnik komponierte Oper nach der gleichnamigen „Komödie“ von Jakob Michael Reinhard Lenz (von 1776) wurde 1965 an der Oper Köln uraufgeführt und stellt seitdem jedes Haus vor logistische und ästhetische Herausforderungen, sei es durch die große Orchesterbesetzung inklusive zusätzlicher Jazzband, die in der Partitur eingearbeiteten Klänge und Geräusche aus dem Lautsprecher oder die simultan stattfindenden Szenen - Zimmermann selbst forderte nichts weniger als ein Theater, das „nicht schlechter ausgerüstet sein sollte als ein Weltraumschiff“. Dennoch stand das Werk bereits 1969, als dritte Inszenierung der Oper überhaupt, auf dem Spielplan der Bayerischen Staatsoper in der Regie von Václav Kaslik und der Choreographie von John Cranko. Die musikalische Leitung hatte Uraufführungsdirigent Michael Gielen inne, der die Oper in eine Reihe mit Wozzeck, Lulu und Moses und Aron stellte: „Über diese vier hinaus weiß ich bis heute kein weiteres Jahrhundertwerk des Musiktheaters von solcher Kraft und diesem Impakt.“

 

Über 40 Jahre später wird in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg (Der Ring des Nibelungen, Wozzeck) die kanadische Sopranistin Barbara Hannigan (Hausdebüt bei den Festspielen 2013 in Written on Skin) ihr Rollendebüt als Marie geben. Michael Nagy (Stolzius) verkörpert den Verlobten der Marie und Daniel Brenna (Desportes, anstelle des geplanten Endrik Wottrich) den adligen Soldaten, der sie ins Verderben treibt.

 

Bernd Alois Zimmermann hat sich selbst als „den ältesten der jungen Komponistengeneration“ bezeichnet. Geboren 1918 in der Eifel, gehörte er zu den doppelt geschädigten Jahrgängen, denen erst durch die ästhetische Blickverengung der nationalsozialistischen Herrschaft und dann durch den Krieg in ihren Entfaltungsmöglichkeiten enorm beschränkt waren. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, spielte er Tanzmusik und Jazz, fertigte Arrangements für Unterhaltungsensembles an, schrieb Liedsätze, Hörspielmusiken und Musiken für Theater und Film. Durch seine immense stilistische Vielseitigkeit und seine Erfahrung im Ausprobieren klanglicher Wirkungen war Zimmermann wie kaum einer sonst dazu in der Lage, eine Musiktheaterpartitur zu schaffen, die seinem Ideal dieser Kunstform entsprach: Nämlich „Oper als totales Theater!“

 

Seine Musik enthält Zitate und Allusionen aus vielen Epochen; da gibt es eine gregorianische Melodie, einen Bach-Choral, romantisches Schwelgen, Jazz und Elektronik, sogar eine Assoziation des Rosenkavalier-Schlussterzetts ist dabei: eine bis ins Extrem getriebene Collagetechnik. Allein die Auflistung der Instrumente umfasst eine volle Seite des großformatigen Klavierauszugs – darunter sind drei „Bühnenmusiken“ genannte Schlagzeuggruppen, eine „Jazz-Combo“ auf der Szene, Klavier, Cembalo, Celesta, zwei Harfen, zwei Orgeln, Gitarre und natürlich eine riesenhafte Streicher- und Bläserbesetzung. Doch damit nicht genug: Die Soldaten nutzen Mobiliar und Kaffeeservice zum Trommeln, sie steppen nach Partitur und wechseln vom Singen zum Sprechen, weitere Schauspieler und Tänzer bereichern das Personal, vom Tonband kommen – minutiös bezeichnet und auf zehn Lautsprechergruppen im ganzen Saal verteilt – zusätzliche Stimmen und Geräusche sowie elektronische Klänge.

 

Das alles sind schwierige Aufgaben. Aber das Schwerste liegt anderswo, so Zimmermann: „Von Sängern und nicht zuletzt vom Dirigenten wird das Äußerste verlangt werden müssen.“ Kirill Petrenko fasst zusammen: „Zimmermanns Die Soldaten stellen ein Wagnis dar, das mich und alle Beteiligten besonders auch auf der handwerklichen Ebene fordern wird. Es ist sicherlich eine der komplexesten Partituren des 20. Jahrhunderts, in deren stilistischer Vielfalt – die Anklänge reichen von Bach bis zum Jazz – alles zu einem Plädoyer für Humanität und Frieden verschmilzt.“

 

Libretto vom Komponisten nach dem gleichnamigen Drama von Jakob Michael Reinhold Lenz

 

Musikalische Leitung Kirill Petrenko

Inszenierung Andreas Kriegenburg

Bühne Harald B. Thor

Kostüme Andrea Schraad

Licht Stefan Bolliger

Klangregie Wolfram Nehls

Choreographie Zenta Haerter

Kostüm Assistentin Sophie Leypold

Bühnenbild Assitenz Thomas Bruner

Produktionsdramaturgie Malte Krasting

 

Wesener Christoph Stephinger

Marie Barbara Hannigan

Charlotte Okka von der Damerau

Wesners alte Mutter Hanna Schwarz

Stolzius Michael Nagy

Stolzius´ Mutter Heike Grötzinger

Obrist Tareq Nazmi

Desportes Daniel Brenna

Pirzel Kevin Conners

Ein junger Jäger / 2. Fähnrich Steve Pucker

Eisenhardt Christian Rieger

Haudy Tim Kuypers

Mary Wolfgang Newerla

1. Offizier Peter Tantsits

3. Offizier Dean Power

Die Gräfin de la Roche Nicola Beller Carbone

2. Offizier David Sitka

Der junge Graf Alexander Kaimbacher

Der Bediente Johannes Terne

Der junge Fähnrich Matthias Bein

Andalusierin Makoto Sakurai

Der betrunkene Offizier Manuel Adt

1. Hauptmann Eric Price

1. Fähnrich Daryl Jackson

2. Hauptmann Frederic Jost

3. Fähnrich Christian Prager

3. Hauptmann Niklas Mallmann

Madame Roux Karin Kreitner

 

Bayerisches Staatsorchester

Chor der Bayerischen Staatsoper

 

Sonntag, 25. Mai 2014, 19.00 Uhr *

Mittwoch, 28. Mai 2014, 19.00 Uhr

Samstag, 31. Mai 2014, 19.00 Uhr **

Mittwoch, 4. Juni 2014, 19.30 Uhr

Freitag, 6. Juni 2014, 19.00 Uhr

Nationaltheater

 

* live im Radio auf BR-Klassik

** live auf STAATSOPER.TV

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 28 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

„GESCHÖPFE“ von Ben J. Riepe im Tanzhaus NRW in Düsseldorf

Auf der dunklen Bühne stehen Bäume und Sträucher in Kübeln, die als erstes von einem Performer verrückt werden. An der rechten Bühnenseite finden sich aufgehäuft Körperteile von Schaufensterpuppen,…

Von: Dagmar Kurtz

Ein stilles Solo

Ein Wesen in silbern schimmerndem, folienartigem Gewand, der ganze Körper von Kopf bis Fuß verhüllt, bewegt sich aus dem Dunkel auf die Bühne. Es herrscht Stille und das Wesen erkundet langsam, fast…

Von: Dagmar Kurtz

"A First Date, Episode 1" in der Deutschen Oper am Rhein

Ein bisschen aufregend ist es schon: das erste Date. Vorfreude und Unsicherheit mischen sich mit unspezifischen Erwartungen. Wird es gut ablaufen? Folgen Erleichterung oder Enttäuschung?  

Von: Dagmar Kurtz

Liebesbande

Hinter tropischen Blumen befindet sich ein luxuriöses Anwesen mit Stahlträgern in offener Bauweise im Stil von Mies van der Rohes Barcelona Pavillon. Die Einrichtung ist im angesagten Midcentury…

Von: Dagmar Kurtz

Ein Hauch von Sehnsucht

Raimund Hoghes letztes Stück „Lettere amoroso“ handelte von Flucht und den sehnsuchtsvollen Briefen, die die Geflohenen schrieben. So weckt das Wort „Vietnam“ im Titel des neuen Stückes "Postcards…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑