Nationaltheater Mannheim: Integration durch kulturelle Teilhabe: "Ein Blick von der Brücke" von Arthur Miller // "Mannheim Arrival" von Peter Michalzik (Mitarbeit Lea Gerschwitz)

Premiere am 3. Oktober 2015, 18.30 Uhr, Schauspielhaus. -----Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski hat am Nationaltheater Mannheim ein Projekt ins Leben gerufen, das versucht, der humanitären Katastrophe der Flüchtlingsströme nach Europa mit einem künstlerischen und integrativen Programm zu begegnen.
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Maßgeblich unterstützt wird das Projekt vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, der Stadt Mannheim und der BASF SE; es entsteht außerdem in enger Zusammenarbeit mit Vertretern des Runden Tischs Flüchtlinge in Mannheim und der IHK Rhein-Neckar.

Das Projekt Integration durch kulturelle Teilhabe besteht aus zwei eigenständigen Modulen: Modul 1 führt den Gedanken der Mannheimer Bürgerbühne konsequent fort und fokussiert auf die kulturelle Bildung und Partizipation der in der Metropolregion Rhein-Neckar untergebrachten Flüchtlinge aus aller Welt. Durch Teilhabe an einem Kunstprojekt wird den Flüchtlingen der Einstieg in die Zivilgesellschaft erleichtert.

Modul 2 zielt auf die Entwicklungschancen eines solchen Kunstprojektes und erprobt – in Zusammenarbeit mit der Stadt Mannheim und weiteren lokalen Partnern – seine Konsequenzen für die wirtschaftlichen und sozialen Aspekte der Integration von Flüchtlingen.

Modul 1

Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski inszeniert Arthur Millers modernen Klassiker Ein Blick von der Brücke mit Schauspielern aus seinem Ensemble in Kooperation mit der Mannheimer Bürgerbühne. Millers Eifersuchtsdrama schildert das schwierige Los von Menschen, die nach entbehrungsreicher Flucht das Land ihrer Verheißung erreichen. Der schwierigen Situation ihrer Herkunft entkommen, müssen sie in der neuen Heimat Neid und Missgunst erleben und sind täglich in Gefahr, als Illegale denunziert und abgeschoben zu werden. Es bildet sich ein explosives Gemisch, das direkt in die Katastrophe führt.

Teil der Inszenierung sind ein Chor und eine Band aus Flüchtlingen, die unter der musikalischen Leitung von Hans Platzgumer und Markus Sprengler in regelmäßigen Workshops den musikalischen roten Faden durch die Inszenierung entwickelten.

Parallel dazu entstand aus Interviews mit Flüchtlingen der zweite Teil des Theaterabends, Mannheim Arrival. Die Geschichten von Flüchtlingen – aus ihrem Alltag zuhause, Berichte von ihrer Familie, Erfahrungen aus ihren Ländern, aber auch die Geschichte ihrer Flucht, ihre Wahrnehmung von Deutschland etc. – werden vom Journalisten und Autor Peter Michalzik unter der Mitarbeit von Lea Gerschwitz aufgeschrieben und zu einem Theatertext verdichtet.

In Szene gesetzt werden die Geschichten durch Schauspieler des Ensembles. Die Flüchtlinge werden dabei ebenfalls auf der Bühne präsent sein; die Schauspieler stehen als Paten für die Flüchtlinge und ihre Geschichten und geben den Flüchtlingen ein Gesicht und ihrer Geschichte eine Stimme. Bei jeder der Vorstellungen wird zudem ein/e andere/r GastschauspielerIn das Ensemble unterstützen und einen der Texte von Mannheim Arrival lesen. Bisher haben Ulrike Folkerts (Premiere am 3.10.), Peter Rühring (8.10.), André Jung (17.10.), Walter Sittler (30.10.) sowie Ulrich Matthes, Dominique Horwitz und Nicole Heesters zugesagt.

Der Kontakt mit den Flüchtlingen sowie die Auswahl der Spieler bzw. Geschichten geschahen in engem Austausch mit den vermittelnden Vertretern des Runden Tischs Flüchtlinge in Mannheim.

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Den Auftakt des Projekts in der Öffentlichkeit bildet die Premiere von Ein Blick von der Brücke und Mannheim Arrival am Tag der Deutschen Einheit 2015.

Der Theaterabend startet mit dem Vortrag Flüchtlingskrise: Einschätzungen, Sackgassen und Handlungsperspektiven von Prof. em. Dr. Klaus J. Bade. „Die weltweiten Fluchtbewegungen haben eine nie gekannte Dimension erreicht, die selbst diejenige der Fluchtbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg übertrifft: Es gibt heute nicht eine weltweite ›Flüchtlingskrise‹, sondern eine Weltkrise, die Fluchtbewegungen erzeugt. Wenn man diese Weltkrise bekämpfen will, darf man sich nicht nur um die Begrenzung ihrer Folgen kümmern. Es geht auch um die Analyse und Bekämpfung der Ursachen unfreiwilliger Wanderungen. Denn der Migrationsdruck wird anhalten und der Kraft von Millionen Verzweifelten können die bröckelnden Mauern der reichen ›Festung Europa‹ nicht standhalten, solange deren politische Architekten nur in Kategorien von Sicherheitspolitik und Gefahrenabwehr denken.“ (Prof. em. Dr. Klaus J. Bade)

Den Abschluss bildet ein Begegnungsfest im Theatercafé des Nationaltheaters mit Flüchtlingen, Organisationen und Vereinen, die sich im Bereich der Flüchtlingshilfe engagieren, und den Zuschauern.

Das Theater als Gastgeber ist dabei vor allem bestrebt, die besonderen Talente und Fähigkeiten der Flüchtlinge in die gemeinsame Arbeit und in die Stadtgesellschaft einzubringen, um dadurch einen wichtigen Beitrag zur Integration der neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu leisten. Die Zusammenarbeit mit lokalen Bündnissen für Flüchtlingshilfe ist dabei für das Gelingen des Projekts von großer Bedeutung, um die Erfahrungen und Kenntnisse in der Arbeit mit Flüchtlingen mit in den Prozess des Kunstprojekts einbringen zu können.

Geplant sind weiterhin flankierende Projekte im Rahmen der Bürgerbühne, die den Kontakt und Austausch zwischen Bürgern und Flüchtlingen herstellen und intensivieren. Geplant sind hier u.a. Workshops oder Clubs im Rahmen der Mannheimer Bürgerbühne, an denen Flüchtlinge und Bürger gemeinsam teilnehmen oder die von Flüchtlingen angeleitet werden.

Der Doppelabend geht nach der Premiere regulär ins Abo-Repertoire des Nationaltheaters über. An drei weiteren Terminen in der Spielzeit 2015/2016 wird der Abend unter verschiedenen thematischen Schwerpunkten von einem Vortrag sowie im Anschluss einem Begegnungsfest verknüpft.

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Der Migrationsforscher, Publizist und Politikberater Prof. em. Dr. Klaus J. Bade lehrte bis 2007 Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück und lebt seither in Berlin. Er war u.a. Begründer des Osnabrücker Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), des bundesweiten interdisziplinären Rates für Migration (RfM), der ebenfalls bundesweiten Gesellschaft für Historische Migrationsforschung (GHM), stellv. Vorsitzender des Sachverständigenrates der Bundesregierung für Migration und Integration (Zuwanderungsrat) 2004/05 und von Ende 2008 bis Mitte 2012 Gründungsvorsitzender des von ihm konzipierten Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in Berlin. Bade war Fellow/Gastprofessor an den Universitäten Harvard und Oxford, an der Niederländischen Akademie der Wissenschaften sowie am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Er hat zu Migration und Integration in Geschichte und Gegenwart viele Forschungsprojekte geleitet, einige Dutzend Bücher sowie einige hundert kleinere Schriften veröffentlicht und für sein Engagement in Forschung und kritischer Politikbegleitung diverse Auszeichnungen erhalten, u.a. das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Sein letztes Buch erschien unter dem Titel Kritik und Gewalt. Sarrazin-Debatte, ‚Islamkritik‘ und Terror in der Einwanderungsgesellschaft, Wochenschau-Verlag Schwalbach i. T.

Peter Michalzik studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Theaterwissenschaft. Von 2000 bis 2013 arbeitete Michalzik im Feuilleton der Frankfurter Rundschau. Zuvor war er als freier Journalist für die Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel, Focus, das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels und diverse Rundfunkanstalten tätig. Außerdem schrieb Michalzik mehrere Bücher, zuletzt eine Biografie über Heinrich von Kleist. Davor veröffentlichte er „Die sind ja nackt!“, ein Buch über das zeitgenössische Theater. Michalzik war Mitglied verschiedener Jurys, unter anderem beim Berliner Theatertreffen und den Mülheimer Theatertagen. Bei der Wiesbadener Biennale „Neue Stücke aus Europa“ 2014 war er als künstlerischer Leiter tätig. Bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin 2015 war er Sprecher der Jury und ist seit 2014 Mitglied im Kuratorium des Kulturfonds Frankfurt/Rhein-Main. Darüber hinaus unterrichtet Peter Michalzik zurzeit an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und am Salzburger Mozarteum.

Lea Gerschwitz studierte Geschichte und Deutsche Literatur in Berlin sowie Dramaturgie in Frankfurt am Main und Stockholm. Sie assistierte und hospitierte am Theater an der Parkaue in Berlin, an der Oper und am Schauspiel Frankfurt. Am Nationaltheater Mannheim war sie von 2012 bis 2015 fest als Dramaturgieassistentin/Dramaturgin engagiert. Seit dieser Spielzeit ist sie als freie Dramaturgin tätig.

Modul 2

Das Nationaltheater Mannheim geht mit seinem Programm noch einen Schritt weiter: Ziel ist – in Zusammenarbeit mit Partnern aus Stadtpolitik und Wirtschaft – die soziale und berufliche Integration der beteiligten Flüchtlinge durch Kultur. Die an der Theateraufführung mitwirkenden Flüchtlinge bekommen Bildungsgutscheine. In diesem Zusammenhang erhalten sie individuelle, auf das jeweilige Bildungsniveau zugeschnittene Qualifikationsangebote, wie z.B. Sprachförderung oder berufsvorbereitende Kurse. Das Nationaltheater arbeitet hierbei eng mit Einrichtungen wie dem Interkulturellen Bildungszentrum Mannheim und der Abendakademie zusammen, die langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Flüchtlingen haben. Ferner versucht das NTM und seine Partner auch Ausbildungs- oder Arbeitsplätze bei Unternehmen der Metropolregion Rhein-Neckar zu vermitteln.

Das Programm im Kontext der Spielzeiten 2015/2016 und 2016/17

Das o.g. Programm steht im Kontext eines inhaltlichen Schwerpunkts der kommenden zwei Spielzeiten. Neben Ein Blick von der Brücke und Mannheim Arrival werden sich weitere zwei Schauspielproduktionen inhaltlich mit dem Thema „Festung Europa“ befassen. Den Auftakt machte am 17. September 2015 die Uraufführung des Stückauftrages Phantom (Ein Spiel) an den renommierten Dramatiker Lutz Hübners und seine Co-Autorin Sarah Nemitz. Die beiden Autoren spielen die Brüche und gegenseitigen Vorurteile der Migrationsgesellschaft anhand des Falls eines Babys, das in einer Fast Food-Filiale zurückgelassen wird, durch.

Der Regisseur Volker Lösch macht seit Jahren deutschlandweit mit seinen Bürgerchören Furore, die er in Neuinszenierungen von Klassikern zum Einsatz bringt und die Stoffe dadurch ins Heute holt. Seine Inszenierungen werden bei renommierten Festivals gezeigt und 2009 wurde seine Inszenierung Marat, was ist aus unserer Revolution geworden? zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Er wird nun erstmals am Nationaltheater Mannheim arbeiten und Aischylos‘ Die Schutzflehenden mit einem Bürgerchor realisieren. Am Ende der Spielzeit wird das Nationaltheater zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni 2016 in einer Schwerpunktwoche alle Produktionen zeigen und ein thematisches Rahmenprogramm anbieten, das sich die Thematik aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet.

Gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg und die Stadt Mannheim

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