Preisträgerin des Retzhofer Dramapreis 2017 ist Liat Fassberg.

Sie gewinnt mit dem Stück: “Etwas Kommt Mir Bekannt Vor”. -- Für den Retzhofer Dramapreis 2017 gab es 120 Bewerbungen; die 15 ausgewählten AutorInnen wurden ein dreiviertel Jahr lang in der Stückentwicklung begleitet und schließlich wählte eine Jury bestehend aus Jörg Albrecht (Autor), Oliver Bukowski (Autor), Marie Rötzer (Intendantin Landestheater Niederösterreich) und Eva-Maria Voigtländer (leitende Dramaturgin Burgtheater Wien) unter den anonym eingereichten Werken das Siegerstück aus.
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Biografie

* 1985 in Jerusalem

Studium

Seit 2014 Studentin des MA Dramaturgie Studiengangs an der Goethe Universität Frankfurt am Main

Abgeschlossenes Studium „Theater und Interdisziplinarität in den Geisteswissenschaften“ an der Universität Tel Aviv

Dramaturgie

„I Know It When I See It“ von Jason Danino Holt und Thies Mynther, Uraufführung August 2016, Kampnagel Sommerfestival, Hamburg

"Mistake in Action" von Seung hee Lee, ATWs Choreographie und Performance Programm Abschlussprojekt, Uraufführung Juli 2015 in Platform Sarai, Frankfurt a.M

„Das verlorene Paradies“; Nach „Der gefesselte Prometheus“ Von Aischylos, Regie: Lilach Dekel Avneri, Uraufführung Oktober 2014, Acco Fringe Festival. Hauptgewinner des Festival Wettbewerbs

"Muranooo" von Sylwia Chutink, Regie: Lilach Dekel-Avneri, Uraufführung Mai 2012, Warschauer Dramatycnzy Theater mit dem Itim Ensamble Tel-Aviv

Produzentin, Dramaturgin und Regieassistentin von "die deutsche Saison 2010" am Tmuna Theater Tel-Aviv in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut; Redaktionelle Mitarbeit von "Anthologie deutscher Theaterstücke des 21. Jahrhunderts", Herausgegeben im Auftrag des Goethe-Instituts Israel, 2010; Dramaturgin von "Adam Geist" von Dea Loher, Regie: Lilach Dekel-Avneri, Uraufführung Oktober 2010, Tmu-na Theater

„Etwas Kommt Mir Bekannt Vor“ ist Liat Fassbergs erstes Theaterstück

Jury-Begründung:

“Mit ihrem Theatertext Etwas Kommt Mir Bekannt Vor gelingt es Liat Fassberg, die Welt in einer Nachtbusfahrt zu verdichten. Doch wenn hier von „Welt“ die Rede ist, ist das schon falsch; denn es ist nicht nur eine Welt, es sind viele. Es ist nicht nur eine Sprache: Auf Deutsch, Englisch, Italienisch, Türkisch und Hebräisch sprechen die Figuren in diesem Stück – Figuren, die Sitzplätzen zugeordnet sind, Sitzplätze in verschiedenen Sprachen und Sprachen in einer Welt, in der eben alle auf ihre Plätze verwiesen werden. Die einen dürfen reisen, die anderen nicht.

Das ist die Ausgangssituation: Soeben hat die Polizei die Papiere der Passagiere kontrolliert und zwei von ihnen mitgenommen. Das Drama ist geschehen, als der Text einsetzt, doch es trägt sich fort, es dringt durch die Äußerungen der anderen Menschen, der im Bus Gebliebenen. Zusätzlich zu den Sitzplätzen, Sprachen und Figuren wechselt der Text die Form: mal Dialog zwischen Vater und Kind, zwischen Liebenden, mal eine Tirade, mal Bericht eines Traums oder einer Erinnerung, mal ein Fragebogen, mal ein Tweet, mal wird geweint, mal gesungen. Zwischendurch wartet die digitale Welt darauf, geladen zu werden.

In diesem Nachtbus ist „die Dunkelheit [...] ein Mittäter.“ Im Kontrast zu ihr: die leuchtenden Schuhe, die einer der beiden Inhaftierten, der sogenannten Illegalen, trug. Eine der Figuren spricht von diesen leuchtenden Schuhen, und sie werden zum Gegenteil der Zauberschuhe, wie wir sie aus Märchen wie The Wizard of Oz kennen: Sie sollen ihren Träger aus der Heimat wegbringen, nicht in sie zurück. Doch was ist Heimat, was ist ein Ziel? „I was looking at the names of our destinations changing on the electronic signs.“ Wenn der Fahrer des Nachtbusses am Ende eine Pause ankündigt, weil er nach dem Ereignis nicht einfach weitermachen kann, dann, vielleicht erst, kommt der Schock bei uns an - das Drama, das in unser aller Angesicht geschieht, jeden Tag.

Das ist alles sehr viel für einen Abend – ja! Und wir freuen uns darauf, zu sehen, wie dieser Text das Theater herausfordert, es an dieses seltsame 21. Jahrhundert heranführt, in dem alle – egal, ob sie an einem Ort bleiben dürfen oder nicht – eins sind: „entblößt zurückgelassen“.

Der Preis ist mit 4.000,- Euro dotiert und verbunden mit einer Uraufführung am Burgtheater in der Spielzeit 2017/2018.

Zum Retzhofer Dramapreis:

Der Preis versteht sich als Nachwuchspreis für szenisches Schreiben. Aus 120 Einsendungen wählte eine Vorjury 14 BewerberInnen aus. RegisseurInnen, SchauspielerInnen undDramaturgInnen unterstützten die Nominierten in der Weiterarbeit an ihrem Wettbewerbsbeitrag. Im Anschluss daran wurden die eingereichten Arbeiten anonymisiert einer Jury vorgelegt, die das Siegerstück ermittelt.

Das aktuelle Siegerstück wird in der Saison 2017/18 am Burgtheater uraufgeführt. Die Siegerin von 2015, Miroslava Svolikova, ist Mitte Juni mit 2 Stücken bei den Autorentheatertagen in Berlin vertreten, die neuen Stücke von Ewald Palmetshofer und Ferdinand Schmalz werden ebenfalls in der kommenden Spielzeit am Burgtheater zur

Uraufführung gebracht.

Die PreisträgerInnen der vergangenen Jahre waren: Gerhild Steinbuch, Johannes Schrettle, Ewald Palmetshofer, Christian Winkler, Henriette Dushe, Susanna Mewe, Ferdinand Schmalz, Özlem Özgül Dündar und Miroslava Svolikova.

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