Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Schule der Arbeitslosen, Theaterprojekt im Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen: Schule der Arbeitslosen, Theaterprojekt im Deutsch-Sorbischen Volkstheater...Schule der Arbeitslosen,...

Schule der Arbeitslosen, Theaterprojekt im Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen:

Premiere 30. Mai, 17 Uhr im Burgtheater. -----

 

Zum inzwischen vierten Mal gibt es ein Theaterprojekt in Zusammenarbeit mit dem Amt für Arbeit und Soziales, dem Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen und dem Fachkräftenetzwerk Oberlausitz.

 

Seit Monaten arbeiten Jugendliche gemeinsam mit den beiden Schauspielern Heike Ostendorp und René Erler an der Inszenierung „Schule der Arbeitslosen“.

 

Das Thema ist näher an den jungen Menschen dran, als manch einem lieb ist. Denn die jungen Laien-Schauspieler sind selbst arbeitslos. Einer der größten und gleichwohl in der Literatur vernachlässigten Schrecken unserer Zeit ist die Arbeitslosigkeit. Mit dem schneidig deklarierten Kampf gegen die Arbeitslosigkeit - in Wahrheit ein demütigender Kleinkrieg um Vermittlung und Eingliederung - wird in Joachim Zelters neuem Roman "Schule der Arbeitslosen" Ernst gemacht: bitterer Ernst.

 

Wie nähert man sich in diesem speziellen Fall so einem Thema?

Heike Ostendorp: Zunächst einmal muss gesagt werden, dass wir es mit Menschen zu tun haben, von denen sich kaum jemand freiwillig dazu entschieden hat, Theater zu spielen. Die meisten Menschen werden nachvollziehen können, dass es nicht Jedermanns Sache ist, auf einmal auf der Bühne stehen zu sollen. Insofern beschäftigen wir uns in der ersten Zeit damit, das „Spielen“ überhaupt schmackhaft zu machen. Unsere Teilnehmer kommen aus den unterschiedlichsten Lebenssituationen und werden für die Maßnahme bunt zusammengewürfelt, so dass wir, neben der Beschäftigung mit den Schicksalen der einzelnen Jugendlichen, gemeinsam daran arbeiten müssen eine Gruppe zu werden.

 

Nachdem wir in den ersten drei Monaten durch verschiedene Übungen, Spiele und Improvisationen hindurch gegangen sind, stellt sich irgendwann die Frage: Wollen wir überhaupt ein Stück auf die Bühne bringen? Denn uns ist es immer wieder sehr wichtig zu betonen, dass niemand zum Theaterspielen gezwungen werden darf. Wenn sich die Gruppe dann dafür entscheidet - wobei auch diejenigen im Projekt bleiben können, die nicht auf der Bühne stehen wollen - geht es daran, ein passendes Stück zu finden. Wir stellen verschiedene Stücke zur Auswahl und unsere diesjährige Gruppe hat sich dann für die „Schule der Arbeitslosen“ entschieden.

 

René Erler: Diese Anti-Utopie, die das Stück beschreibt, ist letztlich nicht so weit von unseren heutigen Bedingungen entfernt, insofern wissen Alle, was wir verhandeln. Denn auch im Theaterprojekt soll es ja eigentlich darum gehen zu im System funktionierenden Menschen zu werden, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Auch in unserer Gesellschaft definiert sich ja der Wert eines Menschen über seinen Arbeitsplatz, denn wenn man nicht erwerbstätig ist, hat man kein Geld und wenn man kein Geld hat, darf man eben nicht so leben, wie man will. Es ist krass: Einem Bankmanager, der Millionen auf Kosten Anderer verdient, wird mehr Menschenwürde zugestanden, als einem Jugendlichen, der sich erst einmal in der Gesellschaft orientieren muss und vielleicht aufgrund seines sozialen Hintergrundes nicht die Möglichkeit hatte, eine Elite-Bildung zu erfahren und deshalb seine Träume nicht verwirklichen kann. Dabei wird jeder sehen, dass wir tolle Menschen in unserem Projekt haben. In diesem Jahr haben wir uns einen echten „Klopper“ ausgesucht, denn die effektive Probenzeit ist nicht länger, als es uns Profis im Theater gegeben wird. Vor allem die Texte sind nicht einfach und es sind oft alle gemeinsam auf der Bühne, so dass wir wenig parallel probieren können.

 

Was motiviert die Jugendlichen am Theaterspiel?

Heike Ostendorp: Wir glauben, die Motivation entsteht daraus, dass niemand irgendetwas tun „muss“ und das Theater eben nicht aus „richtig“ und „falsch“ besteht. Wir versuchen, eine Atmosphäre zu schaffen in der jeder das Vertrauen haben kann, alles auszuprobieren und danach zu reflektieren. Jeder hat die Möglichkeit, sich mit seinen Fähigkeiten einzubringen. Und gerade in den Improvisationen merken unsere Teilnehmer, dass in jedem eine „Spielmaus“ steckt. Dann kommt das Feedback von der Gruppe und wir denken, es tut gut, auch mal etwas Positives über sich zu hören. denn:jeder hat etwas Besonderes, etwas ganz eigenes, was sich lohnt zu zeigen! Natürlich wird dann die reale Arbeit am Stück eine große Herausforderung und die Teilnehmer müssen sicher oft über ihre Grenzen gehen.

 

Welche Erfahrungen machen beide Seiten bei dieser Arbeit?

René Erler: Als Schauspieler sind wir immer wieder damit beschäftigt, uns Gedanken zu machen über ein Stück, eine Figur und wie wir das Ganze auf der Bühne zum Leben erwecken können. Und manchmal vielleicht etwas zu sehr. Ob ich zufrieden oder gar glücklich bin, hängt dann davon ab, ob das Publikum am Abend oder der Regisseur bei den Proben oder wenigstens ich selbst mich auf der Bühne mag. Läuft es mal nicht so gut, bin ich trotzig, verunsichert – und sehr mit mir beschäftigt. Dabei vergesse ich manchmal, was für ein Glück ich eigentlich habe. Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen, habe einen Arbeitsplatz, bekomme ein Gehalt, von dem ich mir meine Miete, Lebenskosten und noch manchen kleinen Luxus leisten kann. Ich kann wohnen, wo und wie ich will, auch mal in den Urlaub fahren, und muss im Supermarkt nicht jeden Cent herum drehen. Was ich habe, ist Wohlstand.

 

Wenn ich im „Bautzener Theatermodell“ mit arbeitslosen Jugendlichen zusammen komme, ein wenig Einblick in ihre Lebenssituationen erhalte, dann wird mir bewusst, wie gut es mir eigentlich geht. Mir wird bewusst, dass ich mich und das Theater manchmal vielleicht etwas zu ernst nehme, dass es manchmal einfach wichtigere Dinge gibt, über die es zu reden gilt.

Gleichzeitig erlebe ich aber auch, was in der Theaterarbeit ganz wichtig wird. Respekt, Rücksichtnahme, Miteinander reden, Einander zuhören – gepriesene Tugenden unserer Gesellschaft, doch allzu oft vernachlässigt – für unser Projekt jedoch die einzige Chance überhaupt Vertrauen aufzubauen: die Jugendlichen zu uns, wir zu den Jugendlichen. Denn ohne Vertrauen, zu den Mitspielern, die mich nicht fallen lassen, zu den Zuschauern, die mich nicht auslachen werden, kann ich kein gutes Theater machen. Stück für Stück erleben die jungen Leute, wie es sich anfühlt, gemeinsam etwas „über die Bühne zu bringen“. Niemand bleibt allein zurück.

 

Am Ende werden alle in der ersten Reihe stehen, arbeitslose Jugendliche als Schauspieler, und den Leuten den Spiegel vorhalten. Und sie werden ein Glück erfahren, dass man wiederum nur auf der Bühne findet: Das Publikum ist da nur wegen uns. Es ist gebannt nur wegen uns. Es applaudiert nur für uns. Dieses Selbstvertrauen, das daraus erwachsen kann, hilft vielleicht, seine Träume zu verwirklichen.

 

 

 

 

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 32 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

„GESCHÖPFE“ von Ben J. Riepe im Tanzhaus NRW in Düsseldorf

Auf der dunklen Bühne stehen Bäume und Sträucher in Kübeln, die als erstes von einem Performer verrückt werden. An der rechten Bühnenseite finden sich aufgehäuft Körperteile von Schaufensterpuppen,…

Von: Dagmar Kurtz

Ein stilles Solo

Ein Wesen in silbern schimmerndem, folienartigem Gewand, der ganze Körper von Kopf bis Fuß verhüllt, bewegt sich aus dem Dunkel auf die Bühne. Es herrscht Stille und das Wesen erkundet langsam, fast…

Von: Dagmar Kurtz

"A First Date, Episode 1" in der Deutschen Oper am Rhein

Ein bisschen aufregend ist es schon: das erste Date. Vorfreude und Unsicherheit mischen sich mit unspezifischen Erwartungen. Wird es gut ablaufen? Folgen Erleichterung oder Enttäuschung?  

Von: Dagmar Kurtz

Liebesbande

Hinter tropischen Blumen befindet sich ein luxuriöses Anwesen mit Stahlträgern in offener Bauweise im Stil von Mies van der Rohes Barcelona Pavillon. Die Einrichtung ist im angesagten Midcentury…

Von: Dagmar Kurtz

Ein Hauch von Sehnsucht

Raimund Hoghes letztes Stück „Lettere amoroso“ handelte von Flucht und den sehnsuchtsvollen Briefen, die die Geflohenen schrieben. So weckt das Wort „Vietnam“ im Titel des neuen Stückes "Postcards…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑