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Seelenlandschaften

"b41" („Forgotten Land“ von Jiří Kylián, „Lamentation“ und „Steps in the Street” von Martha Graham, „Cellokonzert“ (Uraufführung) von Martin Schläpfer) in der Deutschen Oper am Rhein

Stockfinstere Nacht, das Meer mit hohen, sich türmenden Wellen, der Wind tost, Paare am Strand. Die „Sinfonia da Requiem“ op. 20 von Benjamin Britten setzt ein. Sie ist die musikalische Grundlage von Jiří Kyliáns 1981 in Stuttgart uraufgeführter Choreographie „Forgotten Land“. Aber nicht nur diese an das rauhe Meer gemahnende Musik, die ursprünglich als Auftragswerk für die japanische Regierung entstanden ist und dann aufgrund der Ablehnung als Trauermusik für Brittens verstorbene Eltern fungierte, hat Kylián inspiriert; sondern auch Edvard Munchs Gemälde „Der Tanz des Lebens“ aus dem Zyklus „Lebensfries“.

 

Copyright: Gert Weigelt

Eine Frau in drei Stadien ihres Lebens wird dargestellt. Leben und Sterben wie das Meer zwischen Ebbe und Flut: zwischen Leidenschaft, Lieben, Angst und Frieden, Sterben, Tod und Trauer. Die Seelandschaft als Seelenlandschaft. Die Bewegungen mal zart, mal kantig spiegeln ebenso markant wie das von John F. Macfarlane entworfene Bühnenbild und die schwarzen und roten Kostüme die Atmosphäre wider. Eine eindrucksvolle und bezaubernde Choreographie.

Kaum begonnen, schon vorbei: „Lamentation“ ist ein sehr, sehr kurzes Solostück, aber welch eine Petitesse! Es wurde 1930 von Martha Graham, der Ikone des modernen amerikanischen Tanzes, zu Zoltán Kodálys Klavierstück op. 3, Nr. 2 kreiert. Eine Tänzerin sitzt einsam auf einer Bank. Sie ist von einem violetten dehnbaren Schlauchstoff umfangen, aus dem sie sich zu befreien versucht, mit dem sie ringt, mit dem sie sich umhüllt. Ihre Bewegungen wirken manieristisch und lassen sie zugleich skulptural erscheinen. Sie kämpft mit ihren tiefen Emotionen der Trauer, Virginia Segarra Vidal als mater dolorosa, eine einzige Wehklage!

Etwas länger ist ein weiteres Stück von Martha Graham, „Steps in the Street”, das 1936 zu Wallingford Rieggers Komposition „New Dance“ entstanden ist und zu den Chronicels gehört. Es wurde angeregt durch die politischen Umbrüche dieses Jahres: den Beginn des spanischen Bürgerkrieges und Grahams Ablehnung an den olympischen Spielen in Berlin teilzunehmen. Eine Frau schleppt sich rückwärts über die leere Bühne. Trostlosigkeit, Isolation, die Wunden die der Krieg hinterlässt, Ohnmacht und Aufbegehren werden durch die kraftvollen, erdverbundenen Bewegungen der Tänzerinnen verdeutlicht.

„Cellokonzert“ ist Martin Schläpfers letzte Uraufführung für das Ballett am Rhein, bevor er mit Ende der Spielzeit 2020 nach Wien wechselt. Zum Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2 g-Moll op. 126 von Dmitri Schostakowitsch wird das komplette Ballettensemble auf der Bühne eingesetzt. Noch einmal sieht man Schläpfers typische Ballettsprache, allerdings moderat eingesetzt: das aggressive Hacken und Stampfen mit der Spitze, die im rechten Winkel abgespreizten Füße.

Ein Paar allein auf der Bühne, sie hat ihren gebeugten Kopf an die Brust des Mannes gelehnt, eine Position, die alles zwischen Hingabe, Verzweiflung, Trauer und Resignation bedeuten kann, genau das, was auch Schostakowitschs Musik zum Ausdruck bringt zwischen Hellem und Tragischem. Nach einem Pas de deux füllt sich allmählich die Bühne mit den anderen Tänzern, ein fließendes Kommen und Gehen mit mehr Bodenhaftung als sonst bei Schläpfer, aber auch mit humoristischen Einlagen. Als Reminiszenz an einen großartigen Balletttänzer hat sich Nijinskys expressiver Faun in Gestalt von Marcos Menha in das Stück verirrt. „Cellokonzert“ ist ein leises Nachdenken über die Möglichkeiten des Tanzes, die Bewegung im Raum und des Ausdruck von Emotionen. Ein leiser Abschied von Düsseldorf.

Forgotten Land Jiří Kylián
MUSIK Sinfonia da Requiem op. 20 von Benjamin Britten
Choreographie: Jiri Kylian
Musikalische Leitung: Axel Kober
Bühne & Kostüme: John F. Macfarlane
Licht und technische Produktionsleitung: Kees Tjebbes
Einstudierung: Cora Bos-Kroese, Elke Schepers
Paar in Schwarz: Feline van Dijken, Rashaen ArtsPaar in Rot: Aleksandra Liashenko, Orazio di Bella
Paar in Grau: Alexandra Inculet, Philip Handschin
Paar in Weiss: Wun Sze Chan, Marcos Menha
Paar in Pink: Sonia Dvořák, Brice Asnar
Paar in Beige: Tessa Vanheusden, Alexandre Simões
Düsseldorfer Symphoniker

Lamentation Martha Graham
MUSIK Klavierstück op. 3 Nr. 2 von Zoltán Kodály
Choreographie & Kostüm: Martha Graham
Licht: Beverly Emmons
Einstudierung: Elizabeth Auclair
Klavier: Eduardo Boechat
Tänzerin: Virginia Segarra Vidal

Steps in the Street Martha Graham
MUSIK New Dance op. 18b von Wallingford Riegger
Choreographie: Martha Graham
Musikalische Leitung: Axel Kober
Licht: Beverly Emmons

Premiere Sa 23.11.2019, 19.30, Opernhaus Düsseldorf

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