Uraufführung: "Lenz. Festung. Ich", Collage nach Georg Büchner - Städtische Theater Chemnitz

Premiere: 8. Oktober 2015, 20.00 Uhr im Schauspielhaus / Ostflügel. ----- Lenz, Student in einer Großstadt, möchte am liebsten auf dem Kopf gehen. Die Welt verkehrt sehen. Seine Beziehung ist zerbrochen, sein politisches Engagement erscheint ihm perspektivlos. Er findet keinen Platz in der Gesellschaft, vielleicht hat die Gesellschaft aber auch keinen Platz für ihn.
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Er sucht ein anderes Leben – aber welches und wo ist dieses Leben zu finden? Lenz löst eine Fahrkarte. Wohin die Reise gehen wird, das weiß er nicht. Der Weg wird zum Ziel und zur Auseinandersetzung mit einem fühlenden Ich, dessen schmerzliche Schreie an den Betonmauern der Häuser abprallen und von der Vielstimmigkeit der Großstadt verschlungen werden.

Ausgangspunkt des diesjährigen Studio-Projekts ist die Auseinandersetzung mit dem Dichter J.M.R Lenz (1751-1792). Er war ein Stürmer und Dränger, Zeitgenosse und Freund Goethes. Doch während Goethe bereits zu Lebzeiten ein angesehener Dichter war, der durch seinen Roman „Die Leiden des jungen Werther“ beachtliche Aufmerksamkeit erlangte, blieb Lenz dies verwehrt. In einer Zeit, als der Kult um das fühlende Ich in Europa Hochkonjunktur hatte, entsprach Werthers seelische Erschütterung dem zeitgenössischen Lebensgefühl. Auch Lenz lebte in dieser permanenten inneren Zerrissenheit, aber auch, anders als Goethe, in einem zermürbenden Spannungsverhältnis zur Gesellschaft und den herrschenden Konventionen.

Lenz war nicht fähig, auf der Klaviatur der Gesellschaft zu spielen, er beherrschte ihre Noten nicht. Deswegen wurde er zur tragischen Gestalt seines eigenen Lebens, aber gerade deswegen zur Kunstfigur in Georg Büchners 1835 erschienen Novelle „Lenz“. Büchner zeigt den jungen Dichter Lenz mit zum Teil surrealen Bildern in seiner ganzen Gefährdung: den Abgrund vor Augen und den Wahnsinn im Nacken. Wir finden keinen Lenz, der auf der Welle mitschwingt, sondern sich in Orientierungslosigkeit und tiefen Prozessen individueller Selbstfindung verstrickt. Diese Historie wollen Regieteam und Spieler huckepack nehmen und mit ihr auf unsere Gegenwart blicken. Es fragt sich, wo und wie wir Lenz treffen und ob wir ihn dann wiedererkennen – und uns in ihm.

Das Verdienst des Dichters Lenz, als dessen berühmtestes Drama das später u. a. von Bertolt Brecht bearbeitete „Der Hofmeister“ zu nennen ist, war es, Formen von Soziolekten in die deutsche Literatur eingeführt zu haben. Er schaute dem Volk aufs Maul und dachte und schrieb in soziale Risse hinein. Damit ist er deutlich vom ästhetischen Programm der Weimarer Klassik abzugrenzen. Der fast vergessene Lenz begründete eine Traditionslinie in der deutschen Literatur, die über Büchner bis zu Heiner Müller und darüber hinaus reicht, eine Dramatik, die aus vergleichsweise soziologischer Perspektive gesellschaftliche Entwicklungen/Verwerfungen/Leerstellen zu fassen sucht.

Schauspielstudio Chemnitz

In der Spielzeit 2015/2016 setzt das Schauspiel die lange Studiotradition fort, indem Schauspielstudierende ihr viertes und letztes Studienjahr hier am Haus verbringen. Mit der Kunstuniversität Graz und der Anton Bruckner Privatuniversität Linz konnten zwei exzellente Kooperationspartner gewonnen werden. Wie bisher erhalten die Studenten Schauspiel- und Sprechunterricht, sind in verschiedenen Produktionen des Spielplans zu sehen, präsentieren sich in der NACHTSCHICHT-Reihe „auf dem weg“ und erarbeiten mit „Lenz. Festung. Ich“ ihre eigene Studioinszenierung. Im Oktober werden die Studenten an den Heimathochschulen Abschlussprüfungen absolvieren und sich anschließend im Rahmen von Vorsprechen an den Theatern Europas bewerben.

In dieser Spielzeit gibt es eine Neuerung. Erstmalig stehen nicht nur Studenten auf der Bühne, sondern gestalten Studenten des Masterstudiengangs Bühnenbild/Szenischer Raum der Technischen Universität Berlin Bühnenraum und Kostüme. Bereits im vergangenen Sommersemester setzte sich der Jahrgang unter Anleitung von Prof. Frank Hänig, der in dieser Spielzeit „Der Menschenfeind“ und „Onkel Wanja“ am Schauspiel Chemnitz ausstatten wird, mit dem Lenz-Projekt auseinander. Die besten Entwürfe von Elena Bulochnikova und Katarina Holková werden nun im Rahmen der Inszenierung umgesetzt. Den Zuschauer erwartet eine groteske, poetisch-kraftvolle Bildsprache.

Regie

Kathrin Brune

Die Regisseurin und Dramaturgin wurde 1978 in Dortmund geboren. Sie studierte Theaterwissenschaften und Philosophie in Wien und Berlin. Als Regie- und Dramaturgieassistentin arbeitete sie u. a. am Stadttheater Dortmund, bei den Burgfestspielen in Bad Vilbel sowie am Volkstheater und am Schauspielhaus in Wien. Von 2011 bis 2013 war Kathrin Brune als Dramaturgin am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau engagiert, wo sie u. a. „Die Eisbären“ inszenierte. Seit der Spielzeit 2013/2014 gehört sie als Dramaturgin zum Leitungsteam des Schauspiels Chemnitz. Hier inszenierte sie bereits „Hautnah“, „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“, „Novecento. Die Legende vom Ozeanpianisten“ sowie „Taliban“ im Rahmen von „Vom Ende der Kindheit“. Als Gast inszenierte sie darüber hinaus in der freien Szene und mit großem Erfolg für das Ekhof-Festival „Turandot“ (2012) sowie „Was ihr wollt“ (2014).

Mit „Lenz. Festung. Ich“ geht sie ästhetisch neue Wege. Waren ihre bisherigen Arbeiten vergleichsweise realistisch geprägt, sucht sie für den Lenz-Stoff poetisch mehrdeutige Bilder und groteske Verzerrungen und ringt damit um eine neue Regiehandschrift.

Regie und Text: Kathrin Brune

Bühne: Elena Bulochnikova ***

Kostüme: Katarina Holková ***

mit: Stella Goritzki *, Shana Sophie Brandl **, Paul-Louis Schopf *, Christopher Schulzer *

* Studenten der Anton Bruckner Privatuniversität Linz

** Studentin der Kunstuniversität Graz

*** Studentinnen des Masterstudiengangs Bühnenbild / Szenischer Raum (TU Berlin)

unter Mentor Prof. Frank Hänig

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