Uraufführung: "Sag mal, dass wir nicht zu Hause sind" von Rashid Novaire im Ballhaus Naunynstraße Berlin

Premiere 11.12.2013, 20 Uhr. ----- Eigentlich hätte Aydın Bayad allen Grund, sich zu freuen. Hat doch ein Verleger ausgerechnet ihm, dem noch unbekannten Nachwuchsautor, die allerletzte Subvention angeboten, um über seine Herkunft zu schreiben. Da muss sein geplanter Roman über die letzten Scherenschleifer auf Grönland eben noch warten.
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Widerstrebend lässt Aydın sich ein auf die unterschiedlichen Fäden, die in die Vergangenheit seiner Familie gesponnen werden können. Zwischen Berliner Altersheim, kurdischer Bergluft und vergilbten Familienfotos stößt er auf ungeahnt Erzählenswertes. Ausgerechnet zwischen den ganz hinten im Schrank verstauten Stapeln der ehemals weißesten Wäsche von Brandenburg.

In Zusammenarbeit mit der ostpreussisch-kurdischen Regisseurin Bêrîvan Kaya hat der niederländische Autor Rashid Novaire seinen Roman Afkomst (Herkunft) für die Bühne adaptiert. Mit dieser poetischen Geschichts-Science Fiction setzen sie ihre langjährige Zusammenarbeit fort und präsentieren eine längst überfällige Gegenwartsbewältigung als musikalische Bühnenreise.

Rashid Novaire veröffentlichte mit 19 seine erste Kurzgeschichtensammlung Reiher in Kairo, die sich laut Presseberichten liest „wie eine Reise um die Welt und in den eigenen Schädel zugleich“. Diese Reisen haben ihm seitdem vier Romane, Musiktheaterstücke und Nominierungen für zahlreiche prestigereiche Preise eingebracht.
 Erst nach seinem fiktiven Porträt der chinesischen Chang-Dynastie (11. Jh.v.Chr.) und dem Amsterdam des 19. Jahrhundert durch die Augen eines umherziehenden transsexuellen Jungen machte sich Rashid Novaire auf die Suche nach einer autobiographischen Geschichte. Durch eine Begegnung mit der Regisseurin und Schauspielerin Bêrîvan Kaya auf einer Tournee mit europäischen Schriftstellern wurde ihm der Wert seiner familiären Wurzeln bewusst sowie der Umstand, dass man als "fremd" behandelt wird, und dabei doch die großen Fragen jüngster europäischer Geschichte innerhalb der eigenen Familie teilt: mit seiner Großmutter aus Bottrop, die in der undurchsichtigen Vergangenheit schwelgte, an der ihre Brüder aktiv beteiligt gewesen waren. Oder mit seinem marokkanischen Vater, der früher als Schauspieler in "Nathan der Weise" auf der Bühne stand und kaum erklären konnte, wie seine arabische Jugend ausgesehen hatte. Oder all die vielen Male, wo er denken musste, „Sag mal, dass wir nicht zuhause sind“.


Bêrîvan Kaya studierte Tanz in München und Rio de Janeiro, hospitierte u.a. bei Ariane Mnouchkine in Paris und absolvierte dann ihre Schauspielausbildung an der staatlichen Hochschule für Musik und Theater Hannover. Neben zahlreichen Auftritten in Film und Fernsehen (im Kino zuletzt u.a. in "Almanya – Willkommen in Deutschland", 2009) und im Theater (Arbeit u.a.mit Christoph Schlingensief, Volksbühne Berlin und Dieter Dorn, Münchner Kammerspiele) ist Berivan Kaya auch als Musikerin und aktiv, u.a. mit ihrer Band Absolut schön und kleinkariert. Seit rund 10 Jahren inszeniert sie auch selbst. Die Projekte der ostpreussisch-kurdischen Schauspielerin/Sängerin/Regisseurin beschäftigen sich mit Reibungspunkten, Grenzgängen, Zwischenräumen, in denen Welten aufeinander prallen. Sie inszenierte u.a. Das ungeschriebene Buch der Kurden (2003, Roter Salon der Volksbühne, Berlin) und Undine (2007, i-camp, München). Seit Gegenreise-Returning (2009, Marstallbühne, München) und Hikiko Mori Goes Utopia (2010, Marstallbühne, München) arbeitet sie intensiv mit dem Schriftsteller und Performer Rashid Novaire zusammen.

Regie: Bêrîvan Kaya

Bühne/Kostüm: Peter Schultze

Musik: Elyas Khan

Dramaturgie: Nora Haakh,

Dramaturgieassistenz: Philipp Khabo Koepsell

Mit:

Vernesa Berbo,

İsmail Deniz,

Ferhat Keskin

12.-14.12.2013, 20 Uhr

Eine Produktion von Kultursprünge im Ballhaus Naunynstraße gemeinnützige GmbH, gefördert durch die Interkulturelle Projektförderung des Landes Berlin und die Maria-Wimmer-Stiftung. Mit freundlicher Unterstützung der Botschaft des Königreichs der Niederlande und des Niederländischen Literaturfonds.

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