"Wir sind keine Barbaren!", Schauspiel von Philipp Löhle, Theater Heilbronn

Premiere am 3. Oktober 2015, 19.30 Uhr, Großes Haus. ----- Löhles Stücke kommen anfänglich so leicht und spaßig daher, bis sie sich im Laufe der Dinge als bitterböse Farce entpuppen. Er selbst nennt seine Stücke „Kommentare zur Wirklichkeit“.
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Bereits vor zwei Jahren zeigte das Theater Heilbronn die Globalisierungskomödie „Das Ding“ in den damaligen Kammerspielen. Jetzt kommt „Wir sind keine Barbaren!“ auf die Bühne des Großen Hauses, ein Stück für vier Darsteller und einen Heimatchor, das Intendant Axel Vornam inszeniert. Premiere ist am Tag der Deutschen Einheit, dem 3. Oktober, um 19.30 Uhr.

Uraufgeführt wurde „Wie sind keine Barbaren!“ 2014 in Bern, in der Schweiz. Es war ein Auftragswerk zur Zeit der Zuwanderungsdebatten in der Schweiz und der nachfolgenden Volksabstimmung. Angesichts der rasant anwachsenden Flüchtlingsströme aus den Krisenregionen Europas, Afrikas und Asiens hat das Stück eine geradezu beängstigende Aktualität erfahren. Krieg, Zukunftslosigkeit und Armut vertreiben immer mehr Menschen aus ihrer Heimat in die reichen Länder Europas. Dieser Prozess scheint nicht mehr umkehrbar. Was wird aus Europa, aus Deutschland? Wie werden sich die europäischen Zivilgesellschaften verändern und verändern müssen. Diesen Fragen geht Löhle nach.

Die globalen Probleme landen im Mikrokosmos des Privaten, in den Wohnungen zweier deutscher Vorzeigepaare.

Zum Inhalt

Da wären zum Beispiel Barbara (Katharina Leonore Goebel) und Mario (Oliver Firit). Sie ist Köchin in einem veganen Restaurant. Er entwickelt den Sound für Motoren von Elektroautos, damit die auf der Straße etwas her machen. Es geht ihnen gut. Nebenan weihen geräuschvoll die neuen Nachbarn das Schlafzimmer ein. Wenig später lernt man die Neuen kennen, Linda (Bettina Burchard), die Fitnesstrainerin, und Paul (Joachim Foerster), den merkwürdigen Typen von dem man nicht weiß, was er macht.

Mit Prosecco, Rosé-Wein und Leitungswasser für Linda (viel zu kalkhaltig, wie diese gleich bemängelt) wird die neue Nachbarschaft begossen. Man mag sich nicht wirklich, das ist schnell klar, heuchelt aber gegenseitiges Interesse. Eine Nachbarschaftsidylle, wie sie im Buche steht. Zum Geburtstag schenkt Mario seiner Frau (oder vielmehr sich selbst) einen riesigen Flachbildfernseher, obwohl Barbara so gut wie gar nicht fernsieht. Doch bevor es deswegen zum Eklat kommt, klopft es an der Tür. Ein dunkelhäutiger Mann, völlig durchnässt, steht davor und begehrt Einlass, nachdem Linda und Paul ihm diesen schon verwehrt haben. Weil Barbara Geburtstag hat, erklärt sie Mario, sie könne einladen, wen sie will, setzt sich gegen seine Ablehnung durch und lässt den Fremden ein.

Wochen später ist er immer noch da. Unfassbar für Linda und Paul und auch Mario fühlt sich nicht so recht wohl dabei. Barbara richtet ihm ein Zimmer ein, meldet ihn in der Volkshochschule an, gibt ihm zu essen und verteidigt dies vehement gegenüber den Nachbarn und dem Ehemann, denn der Fremde, dessen Namen sie noch nicht mal weiß, ist ein „Pars pro toto für die Unterdrückten dieser Welt“. „Gutmenschensch…“, echauffiert sich ihre Nachbarin, auch wenn Linda mit der Zeit Bobo oder Klint oder wie er auch immer heißen mag, zumindest körperlich immer anziehender findet. Eines Tages ist Barbara verschwunden…

Philipp Löhles brillanter Kunstgriff: der Flüchtling tritt während des ganzen Stücks nicht auf, sondern man erfährt von ihm immer nur aus den Gesprächen Dritter. Diesen stellt der Autor einen „Heimatchor“ zur Seite, eine Gruppe der Wohlanständigen, der Milchkaffeetrinker und braven Mülltrenner, die für eine sich regelmäßig sprachgewaltig zu Wort meldende öffentliche Meinung stehen und das WIR in Großbuchstaben behaupten: „WIR sind viele; Kein Platz mehr sonst … Die Abgründe in unserm Innern sind tief, unheimlich tief, unheimlich konservativ.“ Unter dem Deckmantel der anständigen Bürger stecken Ressentiments und diffuse Ängste vor allem Fremden. Keiner von diesen Bürgern würde sich selbst als fremdenfeindlich einstufen und trotzdem sind sie von der Furcht getrieben: Was passiert, wenn die „Festung Europa“ fällt?

Festung Europa

Das Bühnenbild von Tom Musch steht für die „Festung Europa“ – eine Wand 14 Meter breit, sieben Meter hoch, mit unterschiedlich geformten, sogenannten tanzenden Fenstern und einer teflonartig abweisenden Oberfläche. Hinter den Fenstern hat sich auf der sicheren Seite der 25 Mann starke Heimatchor versammelt, der aus sieben Schauspielern und 18 Bürgerinnen und Bürgern der Stadt besteht. Die Bühne macht Front, hier gibt es kein Durchkommen und keine Einladung zum Eintreten, dafür aber einen spannenden Spielraum für Philipp Löhles rabenschwarze Gesellschaftssatire.

Philipp Löhle

Geboren 1978 in Ravensburg. Studium der Geschichte, Theater- und Medienwissenschaft und deutschen Literatur in Erlangen und Rom. Erste Theaterstücke entstanden noch während des Studiums. Außerdem journalistische und filmische Arbeiten (Kurzfilme, Dokumentarfilme, Praktika). Für Genannt Gospodin wurde der Autor mit dem Förderpreis des Bundesverbandes der Deutschen Industrie ausgezeichnet. 2007 gewann Philipp Löhle den Werkauftrag des Theatertreffen-Stückemarktes, gestiftet von der Bundeszentrale für politische Bildung. Lilly Link wurde 2008 mit den Jurypreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet. Er war mehrfach für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert: 2008 für Genannt Gospodin, 2012 für Das Ding, das mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, und 2014 für Du (Normen). Philipp Löhle war Hausautor am Maxim Gorki Theater in Berlin, am Nationaltheater Mannheim und am Staatstheater Mainz.

Regie: Axel Vornam

Ausstattung: Tom Musch

Dramaturgie: Andreas Frane

Video: Kevin Graber

Es spielen: Bettina Burchard (Linda), Katharina Leonore Goebel (Barbara/Anna); Oliver Firit (Mario), Joachim Foerster (Paul)

Heimatchor: Stefan Eichberg, Thomas Fritsche, Rolf-Rudolf Lütgens, Ingrid Richter-Wendel, Sabine Unger, Ute von Stockert, Katharina Voß

Statisterie: Gertrud Anies, Bianca Büttner, Bianca Deli, Julia Fuchs, Kerstin Haberling, Fabienne-Deniz Hammer, Ursula Hammer, Cem Hamparoglu, Dirk Hofmann, Hardy Jürgens, Karin Petereit, Andreas Pfeiffer, Anna-Luise Preiszler, Gabor Remenyi, Luise Sander, Claudia Taglialeta, Melissa Yilmaz

Weitere Vorstellungstermine: 8.10., 13.10., 16.10., 20.10., 21.10., 23.10., 7.11., 14.11., 15.11., 11.12., 16.12., 10.01., 14.01., 30.01., 12.02., 17.02. – immer um 19.30 Uhr

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