Die Freakshow

„Dreigroschenoper“ von Bertold Brecht im Düsseldorfer Schauspielhaus

Von Dagmar Kurtz
Der stadtbekannte Kleinkriminelle Macheath, immer gedeckt durch den Polizeichef Brown, heiratet heimlich die Tochter des Jonathan Jeremiah Peachum, Chef des organisierten Bettlersyndikats. Dieser zeigt sich mit dieser Liaison gar nicht einverstanden und bringt Macheath hinter Gitter. Die „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill ist seit ihrer Uraufführung 1928 ein Dauerläufer. Die schmissige Musik und die eingängigen Songtexte haben sich ins Gedächtnis eingebrannt. Brecht behandelt hier die Frage der Doppelmoral. Ironischerweise reklamieren gerade diejenigen ein moralisches Verhalten für sich, denen man gemeinhin einen Mangel an Moral attestiert.
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(c) Sandra Then

Andreas Kriegenburg hat die „Dreigroschenoper“ in der Spielzeit 2017/18 für das Schauspielhaus Düsseldorf neu inszeniert. Wegen des Umbaus des Stammhauses findet sie auf einer kleinen Ausweichbühne statt. Kriegenburg beschränkt sich daher beim Bühnenbild auf ein einziges Requisit, einen Käfig mit piefigen Leuchten und herumbaumelnden Duftbäumchen als Sinnbild der Spießigkeit, in dem die Musiker halb versenkt sitzen, und der auch später als Gefängnis dient. Die Bühnenränder sind mit beweglichen farbig beleuchteten Paneelen ausgekleidet. Die Schauspieler haben mit weiß geschminkte Gesichter und stecken in punkartigen, clownesken Kostümen, sie sind hier eher trendige gesellschaftliche Außenseiter als Lumpenproletariat. Serkan Kaya als Macheath ist eher Freak als Gangsterboss und erinnert an die Figur eines Jokers.Leider lässt sich in dieser Inszenierung ein klarer interpretatorischer Ansatz nicht erkennen, Kriegenburg setzt ganz auf Klamauk und müde Kalauer. Der Text wurde teilweise umgeändert mit dem in Düsseldorf scheinbar unvermeidlichen Lokalbezug wie Karneval und rheinischen launigen Sprüchen, mit Gekreische und übermäßigen Wiederholungen von Textpassagen, mit dezenten Publikumsbeschimpfungen. Fast war man dankbar, dass man wegen des Genuschels vom Text so wenig verstand.

Lou Strenger als Polly Peachum ist zwar stimmgewaltig, aber so ein ausdrucksloses Lied von der Seeräuberjenny hat man schon lange nicht gehört. Es ist eine Parade von einzelnen harmlosen Regieeinfällen, wie etwa den Huren als Puppen, dem Kuchenfressen, mit dem der Zickenkrieg zwischen Polly und Lucy endet. Überzeugend ist Claudia Hübbecker als ständig alkoholbedingt angeheiterte Frau Peachum. Dem Ensemble wurde viel abverlangt und es agierte mit äußerster Spielfreude. Das schien auch das Publikum zu überzeugen, das sich begeistert zeigte.

Besetzung
Jonathan Jeremiah Peachum: Rainer Philippi
Frau Peachum: Claudia Hübbecker
Polly Peachum, ihre Tochter: Lou Strenger
Macheath, Chef von Straßenbanditen: Serkan Kaya
Brown, Polizeichef von London: Thomas Wittmann
Lucy, seine Tochter: Tabea Bettin
Macheaths Leute, Straßenbanditen:
Trauerweidenwalter, Hakenfingerjakob, Münzmatthias, Jimmy, Ede: Konstantin Lindhorst, Wolf Danny Homann, Kilian Land, Jonas Friedrich Leonhardi, Cennet Rüya Voß
Filch, einer von Peachums Bettlern: Jonas Friedrich Leonhardi
Spelunkenjenny / Hure: Sonja Beißwenger
Ein Moritatensänger / Hure: Cennet Rüya Voß

Klavier (Musikalischer Leiter): Franz Leander Klee
Akkordeon: Petteri Waris / Heidi Luosujärvi
Posaune: Karsten Süßmilch / Henning Nierstenhöfer
Schlagwerk: Tobias Liebezeit / Pavel Beliaeu
Gitarre, Banjo: Leo Henrichs / Markus Wienstroer
Trompete: Olaf Krüger / Peter Büscher
Saxophone: Andreas Steffens / Frank Jacobi, Torsten Thomas / Julian Bossert
Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg

Kostüm: Andrea Schraad
Musikalische Leitung: Franz Leander Klee
Gesangscoach: Peter Nikolaus Kante
Licht: Jean-Mario Bessière
Puppenbau: Ulrike Mitulla
Dramaturgie: Robert Koall

Premiere am 11.11.2017 im Central, Große Bühne

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