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"Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)" — von Elfriede Jelinek im Düsseldorfer Schauspielhaus

18.May 2017

- Kategorien: OperKritiken

Foto: Sebastian Hoppe

Einer von vielen Titeln, mit dem sich die Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens gerne schmückt, lautet "Modestadt", denn sie beherbergt die allseits bekannte Modemeile "Kö" und früher fand zweimal jährlich eine Modemesse statt. Eine gewisse Modeaffinität lässt sich auch bei Elfriede Jelinek finden, die scheinbar ein Faible für japanische Modedesigner hat. Als sie vom Schauspielhaus Düsseldorf um ein neues Theaterstück gebeten wurde, lag das Thema daher nahe. Es ist aber nicht der Spaß an der Mode, am Verkleiden, am Darstellen, am sich-Neu-Erfinden, sondern eher die Kompensationen und Frustrationen, mit denen sie sich wie in einem flutenden Gedankenstrom – nicht frei von Wiederholungen – ausein-andersetzt. Dieser wird durch sechs Schauspielerinnen hör- und sichtbar gemacht, die in die Rolle von Konsumentinnen schlüpfen, aber auch die Bühnenfigur Elfriede Jelinek sowie Kant und Heidegger darstellen, die den philosophischen Überbau garantieren sollen. Wenn sie dem Modewahn entfliehen wollen, treten sie in großen Plüschkostümen als Hase, Bär und Fuchs auf. Ebenfalls treten auf: ein DHL-Bote und ein frühreifes Kind (als himmlischer Bote?).

Ausgangspunkt für "Licht im Kasten" ist die Werbung eines bekannten Bekleidungs-Discounters, der für Bikinis mit dem Model Gisèle Bündchen im Lichtkasten wirbt. Das Bühnenbild – ein schicker Bungalow mit großen Glasschiebetüren und wenigen Designermöbeln in vertrockneter Landschaft – greift diese Idee auf: es erinnert an Jeff Walls Fotografien, die er ebenfalls in Lichtbildkästen zu präsentieren pflegt. Was die Werbung suggeriert, nämlich schöner, jünger auszusehen und modisch auf dem Laufenden zu sein, scheitert an den Normalmaßen der Konsumentin. So ist die Enttäuschung groß, wenn der Wunsch nach optischer Perfektion zwangsläufig nicht in Erfüllung geht. Verkauft wird nicht die Ware als solche, sondern das Bild, das man sich von sich selbst - in ihr gekleidet - entwirft. Daher wundert es auch kaum, dass so viel Ungetragenes oder kaum Getragenes im Kleiderschrank hängt. Mitunter führt das zu dem Wunsch, sich zu verweigern und gar nicht mehr auf die Straße zu gehen.

Die erniedrigenden Erfahrungen vor dem Spiegel der Umkleidekabinen kann man sich dank Internet jetzt ersparen. Ständig wird bestellt und gleich wieder zurückgeschickt. Die Untragbarkeit der Laufstegmode wird bejammert. Vom rauschhaften Verhalten der westlichen Konsumenten mit dem Slogan des "ich shoppe, also bin ich" geht es zu den furchtbaren Arbeitsbedingungen der Fabrikarbeiterinnen in Bangladesch und der Baumwollanbauer in Indien. Als Vision werden die Modefrauen schließlich von den Arbeiterinnen niedergemetzelt.

Hinter dem scheinbar oberflächlichen Modethema verbergen sich die Themen von Eitelkeit und Vergänglichkeit, das Altern und die damit verbundene Empfindung der Unsichtbarkeit der älteren Frauen in der Gesellschaft, aber auch grundlegende Fragen gesellschaftlicher Verantwortung.

Die vehemente Leidenschaftlichkeit des Textes, die wirklich alle Facetten zum Thema Mode beleuchtet, hat Jan Philipp Gloger in seiner Inszenierung mit Witz auf die Bühne gebracht, so dass man dem assoziativen Gedankenstrom gerne folgt, und auch die Schauspielerinnen agieren mit sichtbarer Freude. Eine gelungene Bühnenadaption, die vom Publikum sehr goutiert wurde.

Besetzung:

Manuela Alphons, Tabea Bettin, Judith Bohle, Claudia Hübbecker, Karin Pfammatter, Lou Strenger, Julia Berns/Tanja Vasiliadou

Regie: Jan Philipp Gloger

Bühne: Marie Roth

Kostüm: Esther Bialas

Musik: Kostia Rapoport

Dramaturgie: Felicitas Zürcher

Premiere 14.01.2017