Mozart, "Idomeneo "– Kooperation von Zuflucht Kultur e.V. und den Ludwigsburger Schlossfestspielen

Premiere am Freitag, 8. Juli 2016, Forum am Schlosspark, Ludwigsburg. -----Eine künstlerische Entscheidung mit ungeahnten Folgen: Im Herbst 2013, bei der Probenplanung für Così fan tutte im Kloster Oggelsbeuren, regte Cornelia Lanz an, syrische Bürgerkriegsflüchtlinge in die Opernproduktion zu integrieren. Regisseur Bernd Schmitt setzte dies dramaturgisch-konzeptionell in die Tat um. Ohne es zu wissen, wurden sie damit zu Wegbereitern einer künstlerischen Willkommenskultur mit Modellcharakter.
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Es war vor allem die Gründung des Vereins Zuflucht Kultur e.V., die das Engagement von Cornelia Lanz und ihren Mitstreitern auf eine neue Ebene hob. Neben der Produktion einer zweiten Mozartoper, ZAIDE. EINE FLUCHT. sorgten die politisch-sozialen Auftritte des Chors Zuflucht national und international für Aufmerksamkeit. Ob bei der UN in Genf, beim Sommerfest des Bundespräsidenten, an Ostern am Place de la Bourse in Brüssel, bei etlichen Antirassismusveranstaltungen und politischen Events oder im Fernsehen bei Markus Lanz und Johannes B. Kerner – der vielstimmige Appell an die Menschlichkeit zeigte Wirkung.

Nun also: Idomeneo! Was hat Mozart mit den Bürgerkriegsflüchtlingen von heute zu tun? Viel mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Krieg und Flucht sind in Mozarts Oper ebenso wie in unserer heutigen Zeit die bestimmenden Themen. Und so ist es nur folgerichtig, Mozarts Stoff an der Jetztzeit zu spiegeln und in den aktuellen Kontext der Flüchtlingskrise zu stellen. Zuflucht Kultur freut sich sehr, diesen ganz besonderen Idomeneo mit den Ludwigsburger Schlossfestspielen als Koproduktionspartner zu realisieren.

Eine Oper der verlorenen Heimat, eine Oper der Sehnsucht: Idomeneo kehrt auf Irrwegen aus vier Jahren Trojanischem Krieg zurück. Er gerät in ein Unwetter auf See und bietet den Göttern für seine Rettung ein Opfer an. Sein Schwur, mit dem er ein Menschenleben über ein anderes stellt, steckt voller Hybris: Er werde das erste Wesen töten, das ihm auf Kreta begegnet. Es ist der eigene Sohn, Idamante. Die Figuren sind allesamt Gestrandete: Ilia, die verschleppte trojanische Königstochter, Idamante, der vor dem Zorn der Götter fliehen muss, und schließlich Elettra, die nach dem Muttermord zu Idomeneo geflohen ist und sich dort hoffnungslos in Idamante verliebt hat.

Der Besetzungszettel der neuen Produktion lässt keine Wünsche offen. Bernd Schmitt, der schon für die legendäre Così-Inszenierung verantwortlich zeichnete, wird wieder Regie führen. Als Orchester konnten die Macher das international besetzte Ensemble BandArt unter der Leitung von Gordan Nikolic, dem ersten Solo-Violinisten und Konzertmeister des London Symphony Orchestra, gewinnen. BandArt, die unter anderem mit La Fura dels Baus kollaborierten, wurden bekannt durch ihr unkonventionelles „Mitspielen“. Die Mitglieder des Orchesters bringen sich nicht nur als musikalische Begleitung ein, sondern wirken häufig auch aktiv am Bühnengeschehen mit. Die Titelrolle von Idomeneo übernimmt der gefeierte Tenor Maximilian Schmitt, dem die Zusammenarbeit mit Flüchtlingen ein besonderes Anliegen ist. Seinen Sohn Idamante singt Cornelia Lanz. Ilia wird von Josefin Feiler (Staatsoper Stuttgart) verkörpert; Elettra von der ukrainischen Sopranistin Tatjana Charalgina (ehemals Staatstheater Mainz).

Das Konzept von Regisseur Bernd Schmitt und der Bühnenbildnerin Birgit Angele zielt darauf, die mitwirkenden Flüchtlinge als gleichberechtigte Akteure zu zeigen, deren Partien ebenso wichtig sind wie die der Gesangssolisten. Sie werden in individuellen Monologen in die Handlung verwoben: Jeder Geflohene erzählt, singt, spielt anhand eines Gegenstandes aus seinem Heimatland seine eigene Geschichte, seine eigenen Erinnerungen. Die Tenorpartie des Arbace übernimmt der syrische Schauspieler Zaher Alchihabi. Der irakische Schauspieler Ayden Antanyos, der im wahren Leben tatsächlich auch Kameramann ist, überhöht das Geschehen an verschiedenen Stellen der Oper mit der Live-Kamera. Der Chor besteht aus Mitgliedern des Chors Zuflucht, der Asylsuchende und Flüchtlinge aus Afghanistan, Iran, Irak, Nigeria, Pakistan und Syrien vereint. Weitere Rollen werden ergänzt, darunter Idomeneos Schatten aus dem Krieg: der Oud-Spieler Samir Mansour, der Idomeneos Rezitative auf dem arabischen Zupfinstrument begleitet. Durch die hierarchiefreie Internationalität innerhalb des Ensembles bleibt die Regie stets nah an der Lebensrealität von Geflohenen und spürt den vielfältigen Bezügen zum aktuellen Diskurs in Mozarts Oper nach.

Mitwirkende

Maximilian Schmitt: Idomeneo

Cornelia Lanz: Idamante

Josefin Feiler: Ilia

Tatjana Charalgina: Elettra

Zaher Alchihabi (Syrien): Arbace

Mohsen Rashidkhan (Iran): Hoher Priester von Neptun

Samir Mansour (Syrien): Idomeneos Begleiter

Helen Sophie Schmitt: Tanz

Ayden Antanyos (Irak): Live-Kamera

Noorullah Azizi (Syrien): Ilias Vater

Severin Schmitt: Jungreporter

Chor Zuflucht

Philharmonia Chor Stuttgart

Christoph Heil: Chorleitung

BandArt

Gordan Nikolic: Musikalische Leitung & Violine

Bernd Schmitt: Regie

Birgit Angele: Bühnenbild & Kostüme

Bernd Schmitt und Birgit Angele: Idee & Konzept Videoinstallation

Steffen Hacker, Omar Zaror (Syrien), Ayden Antanyos (Irak), Karl Kiessl: Umsetzung Videoinstallation

Marina Bernt: Choreographie

Chor Zuflucht:

Afghanistan: Hafizallha Alizi, Hamed Azizi, Najibullah Jorei, Saif Yousifzai

Iran: Afridi Sharzad, Ahmad Zahiri, Fahimeh Baghnavi, Fariba Zarkhanli

Irak: Amar Alhayadi, Hassam Haschim, Hatem Arzo, Hossein Baghnavi, Sarmad Fouad Shakur

Nigeria: Francis Ezegbebe

Pakistan: Afzal Ahmed, Ahmad Bilal, Asif Mohammed, Bajwa Waqas, Butt Huzair Nazar, Noo Phil Hassan, Shazad Afridi

Syrien: Ahmad Abbas, Hossam Karbotly, Cookie Kaouther, Manar Alnan, Mazen Mohsen, Mohammed Falah, Muhanad Aljassm, Mustafa Alkahlani, Schokri Alturk, Uday Alturk, Wassim Alkadroush

Thomas Wördehoff: Intendant & Geschäftsführer Ludwigsburger Schlossfestspiele

Cornelia Lanz: Initiatorin & Gesamtleitung Zuflucht Kultur e.V.

Zuflucht Kultur e.V.

Idomeneo ist bereits das dritte Opernprojekt von Zuflucht Kultur e.V. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, mit und durch Kultur Brücken zwischen Flüchtlingen und der einheimischen Bevölkerung zu bauen. Er arbeitet zuallererst künstlerisch, organisiert mittlerweile aber auch eine Vielzahl von politisch-sozialen Auftritten eines eigens gegründeten Projektchors. Anfang September, kurz nach Öffnung der deutschen Grenzen für in Südosteuropa festsitzende Flüchtlinge, gastierte der Chor Zuflucht beim Bürgerfest des Bundespräsidenten auf Schloss Bellevue; außerdem war er im ZDF bei Markus Lanz und Johannes B. Kerner zu erleben. In diesen bewegten Zeiten erreichen die Macher laufend weitere Einladungen von Institutionen, die sich für Menschenrechte einsetzen: Unter anderem stand der Chor beim europäischen Konsultationstreffen des World Humanitarian Summit der Vereinten Nationen und bei der Eröffnung der 20. Generalversammlung der International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies auf der Bühne, beides in Genf. Mit Auftritten wie diesen gelingt es dem Verein Zuflucht Kultur und seinem Chor so auch auf internationaler Ebene, das viel diskutierte Thema Flüchtlinge mit einem starken, hoffnungsvollen Projekt zu verbinden.Der bislang schönste Erfolg der Arbeit von Zuflucht Kultur: Das ZDF-Format Die Anstalt erhielt für die Sendung mit dem syrischen Flüchtlingschor Zuflucht den Grimmepreis 2015 „für den Moment der Echtheit und Wichtigkeit“. Eben diese Ausgabe wurde noch ein zweites Mal geehrt. Die deutsche Sektion von Amnesty International zeichnete sie mit dem Marler Medienpreis für Menschenrechte 2015 aus.

Mehr Informationen: www.zufluchtkultur.de

Ludwigsburger Schlossfestspiele

In der Saison 2016 widmen sich die Festspiele dem Thema »Passagen – Erzählungen« und betrachten sich dabei als Begegnungsort für Künstler, die sich aufmachen, Neues zu entdecken. Lieder, Instrumentalwerke und Tanzstücke befinden sich auf dem Weg von einem zum anderen Genre und erzählen dabei ganz eigene Geschichten. Über 70 Veranstaltungen, darunter zahlreiche eigens für das Festival konzipierte Programme, finden zum Teil in historischen wie auch modernen Spielstätten in ganz Baden-Württemberg statt und sorgen für erfrischende und unverbrauchte Konzertmomente. So erklingt in den überwältigend prunkvollen Sälen des Residenzschlosses Ludwigsburg Musik aus verschiedenen Genres. Weltweit einzigartig sind dabei die Aufführungen im aufwändig restaurierten, historischen Schlosstheater mit seiner original erhaltenen Bühnentechnik aus dem 18. Jahrhundert und dem klassizistischem Zuschauerraum. Ein weiterer Höhepunkt der Ludwigsburger Schlossfestspiele ist das große Klassik Open Air & Feuerwerk in der unvergleichlichen Atmosphäre des Seeschlosses Monrepos. Zum krönenden Abschluss des Konzertabends wird über dem See ein funkelndes Feuerwerk entzündet.

Mehr Informationen: www.schlossfestspiele.de

weitere Aufführungen:

31. Oktober 2016 | Stadthalle Biberach

4./5. November 2016 | EUROPA-KULTURTAGE der EZB | Kurtheater Bad Homburg

Deutschland-Tour in Planung – unter anderem Radialsystem Berlin und Cuvilliés-Theater München

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