NEUE SCHWEIZER DRAMATIK AUS DEM STÜCKLABOR

Das vom Theater Basel initiierte Förderprogramm „Stück Labor Basel. Neue Schweizer Dramatik“ präsentiert am 7. und 8. Mai 2015 die ersten beiden der drei diesjährigen Uraufführungen.
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Stücklabor ist ein 2008 vom Theater Basel initiiertes Förderprogramm für Neue Schweizer Dramatik. Seit 2011 ermöglicht es jährlich drei ausgewählten Schweizer Autorenpersönlichkeiten, eine Saison lang an je einem renommierten Theater der deutschsprachigen Schweiz zu arbeiten. Sie entwickeln dort in engem Austausch mit den Theaterschaffenden je einen neuen Theatertext, der am Ende der Spielzeit uraufgeführt wird. Im Rahmen der Hausautorenschaften können sowohl klassische Formen dramatischen Schreibens erprobt werden als auch ungewohnte Zugänge oder neue Wege der Textproduktion.

Drei neue Theatertexte von Wolfram Höll, Katja Brunner und Michèle Roten

Auch in dieser Stücklabor-Saison sind wieder drei überaus spannende, formal sehr unterschiedliche Theatertexte entstanden. Überraschend dabei: Obwohl weder verabredet, geschweige denn vorgeschrieben, berühren alle drei geförderten Autorinnen und Autoren in ihren neuen Arbeiten ähnliche Themenkomplexe: In ganz verschiedenen Tonarten, aus unterschiedlichsten Perspektiven und Ansätzen heraus erzählen sie Geschichten, die sich mit der Endlichkeit auseinandersetzen, mit dem Altern, mit dem Sterben, mit der Trauer der Hinterbliebenen –

Uraufführung: „Vom Verschwinden vom Vater!“ von Wolfram Höll

am 7. Mai am Theater Basel, Schauspielhaus

«Hier ist Mama. Papa hat Gallenkrebs.» Als Wolfram Höll die Nachricht erhält, werden scheinbar klare Vereinbarungen durcheinandergeworfen. Die Abnabelung, die Selbständigkeit des eigenen Lebens verfliegen und sein Denken kreist wieder nur um Papa und Mama. Höll ist selbst Vater, er ist vom Sohn zum Vater geworden und stellt nun fest, dass er wieder Sohn ist. Ein Sohn, dessen Welt sich nach dieser Nachricht verändert. In den darauffolgenden Monaten wird Höll Zeuge vom Sterben seines Vaters. Mehr als ein Jahr nach dessen Tod hat er sich daran gemacht, den Tod des Vaters zu rekapitulieren. Entstanden ist jetzt im Rahmen von Stücklabor ein sehr poetischer, persönlicher Text: Höll erzählt vom Verschwinden, vom Vergessen, vom Verenden vom Vater. Und damit schafft der Autor letztlich eine universelle Erzählung über eben dies: das Sterben.

Die Regisseurin Antje Schupp, die in Basel bereits Gesine Schmidt und Wolfram Lotz zur (Schweizer) Uraufführung gebracht hat, inszeniert Hölls Text und blickt dabei gemeinsam mit dem Autor auf dessen Geschichte, die immer auch Teil unserer eigenen ist.

Regie: Antje Schupp, Bühne: Christoph Rufer, Kostüme: Claudia Irro, Musik: Benedikt Brachtel, Dramaturgie: Eva Böhmer. Mit: Ariane Andereggen, Andrea Bettini, Claudia Jahn

Wolfram Höll wurde 1986 in Leipzig geboren, und wohnt in Biel/Bienne. Er hat Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut Biel und Theater an der Hochschule der Künste Bern studiert und arbeitet als freier Autor, Hörspielregisseur und -dramaturg beim Schweizer Radio und Fernsehen. Seine Texte komponiert er sehr sorgfältig. Fast wie ein Musikstück liest sich sein Schauspiel «Und dann», mit dem er 2012 sowohl beim Heidelberger als auch beim Berliner Stückemarkt ausgezeichnet wurde und für das ihm 2013 der Literaturpreis des Kantons Bern und 2014 der Mülheimer Dramatikerpreis verliehen wurde. «Hölls Theatertext kommt ohne Figurenrede aus», beschreibt die Journalistin Alexandra von Arx, «er arbeitet mit Textflächen, Leerstellen, rhythmischen Wortwiederholungen und -neuschöpfungen. Teilweise stehen auf einem Blatt nur ein Satz oder zwei Worte». «Ein grandioser Text» urteilte die Leipziger Volkszeitung nach der Uraufführung am Schauspiel Leipzig.

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Uraufführung: „Geister sind auch nur Menschen!“ von Katja Brunner am 8. Mai 2015 am Luzerner Theater

Mit einer «Masse an Stimmen» und einem «Arsenal am Altern Teilnehmender» wie Frau Simplon, Frau Grantl und Frau Heisinger sowie einigen Pflegenden bevölkert Katja Brunner ihr neues Stück – und «los geht ein SPRECHEN OHNE ZUKUNFT, DAHER FREI VON JEDER NÜTZLICHKEIT, daher freier als manch anderes Sprechen». Es geht um akute physische Notstände, auch in Geriatrie(selbsthilfe)gruppen, die Nöte des Alterns und Strategien des Überlebens dank eigenem Regelwerk für Betagte, gehäufte Ausfälle bei wechselnd bewölkten Namen, Kindersuche und Demenzdiagnose – voilà!

Regie: Heike M. Goetze, Bühne: Ricarda Beilharz, Musik: Malte Preuss, Dramaturgie: Ulf Frötzschner Mit: Christian Baus, Dagmar Bock, Jörg Dathe, Hans-Caspar Gattiker, Wiebke Kayser, Juliane Lang, Clemens Maria Riegler, Patrick Slanzi

Katja Brunner, 1991 in der italienischen Schweiz geboren, wuchs in Zürich auf. Mit ihrem Debüt «Von den Beinen zu kurz» gewann sie 2013 als jüngste Preisträgerin in der Geschichte dieses Wettbewerbs den Mülheimer Dramatikerpreis. Die Schauspielerin Wiebke Puls, Jurymitglied: «Katja Brunner hat mich zutiefst gepackt. Sie ist skrupellos, aber feinfühlig. Ihre Sprache ist gewaltig, rabiat, schamlos, hoch artifiziell. Es ist dünnes Eis, auf das sich die Autorin begibt – sie betritt es nicht nur, sie liegt unter diesem Eis, wirklich mitten im See.» Und Tobias Becker, Kulturredakteur des SPIEGEL, Jurymitglied: «Katja Brunner setzt die Moral aufs Spiel; es ist sehr heikel, was sie macht – aber genau für solche Texte brauchen wir das Theater. Zudem wurde sie in der Kritikerumfrage des Fachmagazins «Theater heute» zur Nachwuchsautorin 2013 gewählt.

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Dritte Stücklabor-Uraufführung von Michèle Roten und Stücklabor Abschlussveranstaltung im Juni 2015

Die dritte und letzte Stücklabor-Uraufführung wird am 5. Juni 2015 am KonzertTheater Bern zu sehen sein. Dann wird mit „Wir sind selig!“ das erste Stück der Autorin und Journalistin Michèle Roten in der Regie von Nina Gühlstorff in der Aussenspielstätte „Heitere Fahne“ uraufgeführt. Hierüber und über die geplante Stücklabor-Abschlussveranstaltung folgen im Juni rechtzeitig weitere Informationen.

Stücklabor Basel 2014/15. Neue Schweizer Dramatik.

Eine Kooperation von Theater Basel, Luzerner Theater und KonzertTheater Bern.

Mit der freundlichen Unterstützung von Pro Helvetia, Migros-Kulturprozent, Ernst Göhner Stiftung und Landis und Gyr Stiftung.

Alle Infos unter www.stuecklaborbasel.ch

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