Der Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik 2018 geht an Sören Hornung für sein Stück „Sieben Geister“.

Die Entscheidung wurde bei der Jurysitzung einstimmig getroffen.

Die fünfköpfige Jury, bestehend aus Andrea Czesienski (Henschel Verlag), Laura Linnenbaum (Regisseurin), Johannes Schulze (Vorsitzender des Theaterfördervereins), René Schmidt (Dramaturg Schauspiel Chemnitz) und Kathrin Brune (Dramaturgin Schauspiel Chemnitz), wählte das Preisträgerstück aus 34 Einsendungen aus.
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Der mit 5000,- € dotierte Preis ist mit einer Uraufführung am Schauspiel Chemnitz verbunden. In der Regie von Laura Linnenbaum feiert „Sieben Geister“ am 11. Mai 2018 im Ostflügel des Schauspielhauses Premiere. Am gleichen Tag findet auch die offizielle Preisverleihung an den Autor Sören Hornung statt.

Der Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik versteht sich als Nachwuchs- und Förderpreis und lädt junge Autorinnen und Autoren dazu ein, Formen auszuprobieren und meinungsstark Position zu beziehen. Der Preis wird 2018 zum fünften Mal vergeben. Die vorherigen Gewinnerstücke waren „Die Erben des Galilei“ von Martin Bauch (2014), „Zerstörte Seele“ von Jan Peterhanwahr (2015), „die zärtlichkeit der hunde“ von Uta Bierbaum (2016) und „InnerOuterCity“ von Azan Garo (2017). Der Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik wird unterstützt vom Förderverein der Theater Chemnitz.

Uraufführung
Sieben Geister
Von Sören Hornung
Gewinnerstück des Chemnitzer Theaterpreises für junge Dramatik 2018
 

  • Premiere: 11. Mai 2018, 20.00 Uhr im Schauspielhaus Chemnitz / Ostflügel
  • Regie: Laura Linnenbaum
  • Bühne und Kostüme: Valentin Baumeister


Oma ist tot. Zeit, schmutzige Wäsche zu waschen. Es ist der Tag ihrer Beerdigung und die Soljanka längst kalt. Als Omas Lieblingssohn Frank eintrifft, ist er unausstehlich. Offen provoziert er seine Schwester Elise und legt sich mit dem dementen Onkel Wolfgang an. Mit Kanonen auf Spatzen? Nur scheinbar. – Elise hatte zuletzt die Mutter voller Selbstaufgabe gepflegt, Frank als Werbefilmer notwendiges Geld beigesteuert, Onkel Wolfgang sich in die Ferne verdrückt und Franziska, Franks Tochter, sich leidlich mit Drogen über Wasser gehalten. Geredet wurde kaum, das quasselnde Schweigen der ständige Begleiter der Familie, die ganze Verbogenheit ihres Lebens unter der Decke gehalten von Oma, dieser starken Frau. Doch viel wäre zu erzählen gewesen: von der Besetzung Deutschlands durch die Russen, vom Aufbau der DDR und seiner notwendigen Grenze, von Franks Freundin Bettina, die ums Leben kam, von Onkel Wolfgangs Unschuld und Oma Ursulas mitleidloser Härte.

Sören Hornungs neues Stück „Sieben Geister“ spannt anhand dreier Generationen einen Bogen von 1945 bis heute. Es erzählt aus der Perspektive einer Familie vom Erbe sprachloser Geschichte, vom haltlosen Leben ohne Erfahrung. Seine genau gezeichneten Figuren – allesamt Erben des Unglücks – sind in Gefahr zu verblassen oder auf die falschen Feinde loszugehen. Erst die Enkelgeneration revoltiert, zunächst mit Selbstzerstörung, dann mit der konkreten Frage nach der Ursache der familiären Aggressivität und Lethargie. Und sie holt die Leichen aus dem Keller, stellt vehement die Altvorderen in Frage.

Die deutsche Geschichte steht exemplarisch für das verdrückte Schweigen allerorten, das sich als Krankheit in Körper und soziale Beziehungen schreibt. Völlig egal, ob es sich um den im Stück benannten deutschen Krieg handelt, einen jugoslawischen, finnischen oder ukrainischen. Wenn (zutiefst verletzende) Erfahrungen nicht ausgesprochen und im besten Fall verarbeitet werden können, vererben sie sich. Irgendwann und irgendwo platzen die Wunden wieder auf. Wer sich in Europa nicht für Abschottung und die Verschärfung von Konflikten entscheiden will, wird um sehr sensible Aussprache nicht umhin kommen.

Der Autor Sören Hornung
Sören Hornung wurde 1989 in Berlin geboren und arbeitet als Regisseur, Autor und Performer. 2010 war er als Regieassistent bei der Fernsehserie „Schloss Einstein“ und inszenierte erstmalig am Schlossplatztheater Berlin. 2012 gründete er mit Paula Thielecke das KOLLEKTIV EINS und war 2014 an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg Mitbegründer und Festival-koordinator des „ManieFest“. Seine Inszenierung von Ibsens „Ein Volksfeind“ wurde zum Körber Studio Junge Regie 2015 eingeladen. 2016 absolvierte er sein Regiestudium an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg. 2017 war er für den Osnabrücker Dramatikerpreis nominiert und mit der Produktion „Die Zauberin von Oz“ bei dem Festival „Spieltriebe 7“ am Theater Osnabrück mit dem KOLLEKTIV EINS vertreten. Seine Inszenierungen waren bisher u. a. zu sehen am Schauspiel Stuttgart, am Theater Rampe in Stuttgart, am Thalia Theater Hamburg, am Theater Augsburg und am Volkstheater Rostock. Dort ist auch die aktuelle Inszenierung „Laika – Das Chaos sei willkommen, denn die Ordnung versagt“ vom KOLLEKTIV EINS zu sehen.

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