"Die Meistersinger von Nürnberg" von Riochard Wagner im Theater Erfurt

Premiere: 29. Mai 2016, 16 Uhr, Großes Haus. -----Eva, die Tochter des Meistersingers Pogner, möchte Walther von Stolzing heiraten. Der kann sie aber nur bekommen, wenn er im Sängerwettstreit siegt. Doch Stolzing ist auf die Hilfe des Schusters Hans Sachs angewiesen, um die komplizierten Regeln des Meistergesangs zu erfüllen, zumal ihm die Seele überfließt und sein natürlicher Ausdruck eben diesen Regeln zuwiderläuft.
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Sein Konkurrent ist Beckmesser, ein Kleingeist, der zwar das Reglement beherrscht, es aber nicht mit Geist und Seele zu füllen vermag. Die vielschichtige Figur des Hans Sachs vermittelt zwischen dem menschlichen Bedürfnis, sich frei auszudrücken und dem gesellschaftlichen Bedürfnis nach Normen.

Die Meistersinger von Nürnberg ist eine Oper der Superlative, sie gilt als die längste aller Opern, von mehrtägigen Zyklen wie etwa dem Ring des Nibelungen abgesehen. Die reine Spieldauer der Musik beträgt etwa 4½ Stunden, mit Pausen dauert die Aufführung ca. 5½ Stunden. Es ist zugleich aber auch Wagners einzige mehr oder minder heitere Oper, doch „die Meistersinger sind das Werk eines Humors, dem nicht zu trauen ist“ (Dahlhaus). Die dargestellte Gesellschaft ist eben nicht nur harmlos heiter, sondern hat eine destruktive, aggressive Kehrseite. Den Rahmen einer komischen Oper sprengt Wagner mit diesem Werk, das ganz auf seiner eigenen Erfindung basiert, zudem durch eine Tendenz zur Festoper mit dezidiert politischer Botschaft.

Für das Theater Erfurt markiert die erste Meistersinger-Inszenierung seit 1963 einen besonderen Höhepunkt in der Geschichte des neuen Opernhauses. Noch dazu ist es erstmals möglich geworden, eine Operninszenierung gemeinsam mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar als Koproduktion zu realisieren. Bei den Meistersingern stehen Solisten beider Theater ebenso gemeinsam auf der Bühne wie die Damen und Herren der beiden Opernchöre. Nach der ersten Aufführungsserie in Erfurt, bei der das Philharmonische Orchester Erfurt mit Unterstützung der Thüringen Philharmonie Gotha unter der Stabführung der Erfurter GMD Joana Mallwitz spielen wird, folgt Ende des Jahres eine Aufführungsserie in Weimar, dort dann mit der Staatskapelle Weimar und unter der musikalischen Leitung des dortigen neuen GMD Kirill Karabits.

Die Regisseurin Vera Nemirova wurde in Sofia geboren, lebt seit 1982 in Deutschland und studierte Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin, assistierte bei Ruth Berghaus und war Meisterschülerin von Peter Konwitschny. Seit 1998 ist sie international tätig. Sie inszenierte u. a. am Theater Basel, an der Staatsoper Berlin, bei den Salzburger Festspielen, an der Wiener Staatsoper, an der Semperoper Dresden und zuletzt an der Deutschen Oper Berlin (Vasco da Gama). 2006 / 07 gab sie mit Tannhäuser ihr Debüt an der Oper Frankfurt, wo sie von 2010 bis 2012 auch Wagners Ring des Nibelungen auf die Bühne brachte. 2000 gewann sie den „Ring-Award“ und 2002 den Förderpreis der Akademie „Musiktheater heute“ der Kulturstiftung der Deutschen Bank, 2006 wurde sie mit dem Kunstpreis der Berliner Akademie der Künste ausgezeichnet.

Dem Regieteam um Vera Nemirova ist es wichtig, die Geschichte der Oper nah und aktuell zu erzählen, jedoch zugleich mit einem klaren Bekenntnis zum Werk und seiner Rezeptionsgeschichte. Wagners – wenn überhaupt nur vordergründig heitere – Oper wird als ein starkes Plädoyer für die Bewahrung der Kunst als utopisches Gesellschaftsmodell gesehen. Zeitlich angesiedelt im Mittelalter des Schusters und Poeten Hans Sachs, erzählen Die Meistersinger von Nürnberg von einer Gemeinschaft, die ihre Probleme mittels Kunst löst, die sich Regeln gibt und diese zu ändern bereit ist, sobald sie sich in ihrer persönlichen Freiheit beschnitten fühlt. Doch ist darin auch von den Schwierigkeiten die Rede, sich als Mensch über die Kunst zu definieren. Die Person des Hans Sachs verkörpert die Vision eines humanistisch denkenden Künstlers von einem Gesellschaftsmodell, dessen höchstes Gut die Kunst und ein tolerantes Miteinander sind. Doch scheitern solche Visionen immer wieder an machtpolitischen Interessen und Ideologien. Aber auch an einer diffusen Angst vor dem Anderen, dem Fremden, der Veränderung, die eine Konstante der deutschen Geschichte bildet.

Die Suche der deutschen Nation nach ihrer Identität ist ein zentrales Thema in Wagners Meistersingern und spiegelt sich vor allem in deren Wirkungsgeschichte. Das Paradoxe ist, dass die Deutschen mit ihrem Willen, das, was „deutsch und echt“ ist, in einem tausendjährigem Reich zu bewahren, ausgerechnet jene Moderne erst herbeigebombt und möglich gemacht haben, die sie so sehr fürchteten. Vera Nemirovas Inszenierung setzt daher in der Stunde Null an: Ein Volk muss sich neu erfinden. Gerichtet von der Welt, baut man die Städte verschämt wieder auf. Das weggebombte Fachwerk wird ersetzt durch schmucklose Fassaden mit großen Fenstern, man will sich öffnen und von dem Alten lösen, doch fußen die neuen Fundamente auf den alten Strukturen und Grundrissen. Vor diesem Hintergrund wird die Geschichte der Oper beklemmend aktuell, denn tief verwurzelt in unserer Gesellschaft ist diese deutsche Mentalität, gespalten zwischen Gestern und Morgen, Angst und Hybris, Feigheit und Selbstüberschätzung, aber auch die starke Sehnsucht nach der Atmosphäre des Wohl-Bekannten.

Koproduktion mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar

Text vom Komponisten

Musikalische Leitung Joana Mallwitz

Inszenierung Vera Nemirova

Bühne Tom Musch

Kostüme Marie-Thérèse Jossen

Hans Sachs, Schuster Frank van Hove

Veit Pogner, Goldschmied Vazgen Ghazaryan /

Daeyoung Kim

Kunz Vogelgesang, Kürschner Artjom Korotkov

Konrad Nachtigall, Spengler Andreas Koch

Sixtus Beckmesser, Stadtschreiber Bjørn Waag

Fritz Kothner, Bäcker Alik Abdukayumov /

Juri Batukov

Balthasar Zorn, Zinngießer Richard Carlucci

Ulrich Eisslinger, Gewürzkrämer Ks. Jörg Rathmann

Augustin Moser, Schneider Alexander Günther /

Thomas Paul

Hermann Ortel, Seifensieder Yong-Jae Moon /

Siyabulela Ntlale

Hans Schwarz, Strumpfwirker Gregor Loebel

Hans Foltz, Kupferschmied Vazgen Ghazaryan /

Daeyoung Kim

Walther von Stolzing, junger Ritter Heiko Börner

David, Sachsens Lehrbube Jörn Eichler

Eva, Pogners Tochter Larissa Krokhina /

Ilia Papandreou

Magdalene, Evas Amme Stéphanie Müther /

Sayaka Shigeshima

Ein Nachtwächter Sebastian Campione /

Máté Sólyom-Nagy

(Doppelbesetzungen in alphabetischer Reihenfolge)

Opernchor des Theaters Erfurt und

Opernchor des DNT Weimar

Philharmonisches Orchester Erfurt

Thüringen Philharmonie Gotha

Weitere Aufführungen in Erfurt

Fr, 03.06. | So, 05.06. | Mi, 08.06. | Sa, 11.06.2016

Weitere Aufführungen in Weimar

Sa, 05.11. | So, 13.11. | So, 04.12. | So, 25.12.2016 | Sa, 07.01.2017

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