"Struwwelpeter (Shockheaded Peter)", Musical von „The Tiger Lillies”, Julian Crouch und Phelim McDermott - Städtische Theater Chemnitz

Premiere: 17. September 2016, 19.30 Uhr im Schauspielhaus Chemnitz. -----Grundlage sind die allseits bekannten Figuren aus dem „Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann (1809-1894) – der Titelheld, der Daumenlutscher, Suppenkasper, Hans Guck-in-die-Luft und Zappel-Philipp, der wilde Jäger, das arme Paulinchen etc. Die Autoren des Musicals, die britische Band „The Tiger Lillies“, rahmten ihre Geschichten mit einem morbiden Varieté-Setting und der Geschichte von Papa und Mama Biedermann, die sich sehnlichst ein Kind wünschen.
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Als der Storch den erhofften Sprössling in ihre Bilderbuchidylle bringt, entpuppt dieser sich als Struwwelpeter, und fortan wird das artige Weltbild der Eltern durch einen Theaterdirektor und diverse SängerInnen mittels der Struwwelpeter-Geschichten und Zitaten u. a. aus „Hamlet“ und „Richard III“ in Frage gestellt. Es sind also diesmal nicht die Kinder, die ihr Fett abkriegen, sondern die Eltern, die ihrem Nachwuchs nur ein hohles Erziehungsgebäude auf den Weg mitzugeben vermögen, weil sie sich ihren eigenen Ängsten nicht stellen. Unvorbereitet mit kindlicher Anarchie und Vitalität konfrontiert, erstarren sie in Aspik und Alkohol.

Zur Entstehungsgeschichte

Als der Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann 1844 seinem dreijährigen Sohn Carl ein eigenhändig geschriebenes und gemaltes Bilderbüchlein unter den Weihnachtsbaum legte, ahnte er nicht, dass es unter dem Titel „Struwwelpeter“ weltberühmt werden würde. Seither gibt es keine Generation, die ohne den Schauder des Buches aufwuchs. Und keine Pädagogengeneration, die nicht über den Inhalt gestritten hätte, denn derart mortale Konsequenzen für kindliches Fehlverhalten passen ganz und gar nicht ins Weltbild humanistisch-bürgerlicher Erziehung. Immerhin ertrinkt Hanns Guck-in-die-Luft im nahen Fluss, verbrennt das zündelnde Paulinchen mit Haut und Haar bis auf die roten Schuhe und werden dem Daumenlutscher die kleinen Finger mit der großen Schere abgeschnitten. Als pädagogische Drohschrift ist der „Struwwelpeter“ durchaus verwerflich und doch fasziniert das Buch bis heute. Seit seiner Entstehung gab es eine Vielzahl von Adaptionen und Nachdichtungen – vom „Struwwel-Hitler“ bis zum DDR-Struwwelpeter.

Die Londoner Band „The Tiger Lillies“ nahm sich der ursprünglichen Texte 1998 an und gaben ihnen den oben beschriebenen Rahmen sowie die wunderbare Musik. Seither wird diese fantastische Junk-Opera für Erwachsene weltweit mit großem Erfolg aufgeführt.

In der Chemnitzer Inszenierung von Schauspieldirektor Carsten Knödler wird kein Theaterdirektor mehr mit seinen Kommentaren durch den Abend führen. Der Regisseur verbindet vielmehr die Rahmenhandlung mit den „Struwwelpeter“-Geschichten, indem er das Erzählen der anarchischen Episoden vielen kleinen Struwwels überträgt. Längst tot erzogen und ums Leben gekommen, kehren sie als Untote oder dunkle Clowns zu ihren Eltern zurück. Mit dem weißen Engel, der mit seinem wohlmeinenden Geschwafel durchs Bild und die Niederungen des Irdischen schwebt, wollen die Struwwels nichts zu schaffen haben, denn die Welt ist wie immer herzlich schlecht. So treiben sie den Engel und die Eltern mittels ihrer „Struwwelpeter“-Geschichten in immer neuen Konstellationen vor sich her und geben ihnen gewaltig auf die Mütze. Solange, bis sich der enttäuschte weiße Engel finsterschwarz verfärbt und auf die Struwwels niederfährt.

Carsten Knödler und sein Team nehmen die Biedermeier-Idylle und die rechthaberische Seite gutmenschelnder Wichtigtuerei mancher Zeitgenossen aufs Korn, indem sie diese mit der dunklen Seite des Bewusstseins, mit unseren durchaus unreinen Gefühlen kontrastieren.

Die Autoren des Musicals

Die preisgekrönte Band „The Tiger Lillies“ gründete sich 1989 auf eine Anzeige des charismatischen Sängers Martyn Jacques hin und begeistert seitdem weltweit in Theatern und Szeneklubs. Wenngleich das Wort „Kult“ oft überstrapaziert wird, für eine Band wie „The Tiger Lillies“ ist es angebracht – immer ein Geheimtipp und immer für eine musikalische Überraschung gut. Stilistisch beheimatet irgendwo zwischen englischer Clownstradition, Punk und dem skandalösen Berliner Kabarett der 1920er Jahre wird ihr Sound von der wundervollen Falsettstimme Martyn Jacques‘ geprägt – klagend und sehnsuchtsvoll. Wie ein alter Mann, der mit Knabenstimme die Varietés, die Kaschemmen, die Häfen dieser Welt sowie das Leben durchschritten hat und davon wunderbar zu singen weiß.

Das Inszenierungsteam

Carsten Knödler (Regie)

absolvierte ein Chemiestudium, bevor er sich an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig zum Schauspieler ausbilden ließ. Anschließend engagierte ihn Herbert Olschok ans Chemnitzer Schauspiel. Carsten Knödler begann Regie zu führen und Theaterstücke zu schreiben. Ab 2003 freiberuflich tätig, inszenierte er u. a. am Staatsschauspiel Schwerin, am Pfalztheater in Kaiserslautern, in Gera, Greifswald, Rudolstadt, Heilbronn, Neustrelitz, in Leipzig und am Staatsschauspiel Dresden. Von 2009 bis 2013 leitete er als Schauspielintendant des Gerhart-Hauptmann-Theaters Görlitz-Zittau den Standort Zittau. Seit 2013 ist Carsten Knödler Schauspieldirektor am Theater Chemnitz. Hier inszenierte er u. a. „Romeo und Julia auf der Abbey Road“, „Einer flog übers Kuckucksnest“ und „Camino Real“.

Steffan Claußner (Musikalische Leitung)

studierte bei Rainer Lischka an der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ in Dresden Komposition. In seiner Heimatstadt Chemnitz ist er längst einer der Taktgeber der Musikszene: Er dirigierte 2006 anlässlich des „splash“-Festivals mit großem Orchester Hip-Hop, spielte in der Reihe „Musik im Black“ völlig im Dunkeln und organisierte mit dem „Forum Freie Musik“ einen Marathon, bei dem über 42,2 Stunden nonstop improvisiert wurde. Daneben spielt er als Schauspieler in der off-Szene, sammelt seltene Musikinstrumente und ist auf der Suche nach neuen Klängen. Als Freiberufler bereicherte der umtriebige Musiker zahlreiche Ballett-, Musiktheater- und Schauspielproduktionen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Schauspielkapellmeister am Schauspiel Chemnitz, wo er neben der Musik für viele Inszenierungen auch die NACHTSCHICHT-Formate „soundscape“ und „forum freie musik“ konzipiert.

Musik von Martyn Jacques

Deutsch von Andreas Marber

Regie: Carsten Knödler

Bühne und Kostüme: Stefan Morgenstern

Musikalische Leitung: Steffan Claußner

Es spielen: Marko Bullack, Magda Decker, Michel Diercks, Ulrike Euen, Dominik Förtsch, Andreas Manz-Kozár, Philipp von Schön-Angerer

Es musizieren: Tobias Brunn (Bass), Steffan Claußner (Akkordeon, Klavier), Gregor Kuhn (Posaune), Bernd Sikora (Schlagwerk)

Die nächsten Vorstellungen sind am 24. und 28. September, jeweils 19.30 Uhr im

Schauspielhaus Chemnitz.

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