„UNBEZAHLBAR! – 1. Berliner Kinderkongress“ im „GRIPS Klosterstraße“

24. – 26.10.11, 10 – 15 Uhr. -----100 Kinder aus vier Berliner Bezirken forschen nach Antworten auf die Fragen: „Was ist Armut? Was ist Reichtum? Was ist Glück?“
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Das GRIPS startet mit dem „1. Berliner Kinderkongress“ am 24.10.2011 ein neues Format der „Kulturellen Bildung“. 100 Kinder aus vier verschiedenen Bezirken treffen sich drei Tage lang im „GRIPS Klosterstraße“ (Podewil), um auf Entdeckungsreise zum Thema „Unbezahlbar! – Was ist Armut? Was ist Reichtum? Was ist Glück?“ zu gehen. In neun verschiedenen Workshops werden sie zu Forschern der Wirklichkeit, sie machen sich auf die Suche nach Fundstücken, Erfahrungen und Erkenntnissen zum Thema in ihrem Leben, ihrem Alltag und in ihrem Umfeld.

Autoren, Komponisten, Dramaturgen und Theaterpädagogen stellen ihnen unterschiedliche künstlerische Mittel und Methoden zur Verfügung, um den Ergebnissen eine Form zu geben. Spiele, Texte, Szenen, Songs, Filme, Fotos und Jingles, aber auch Kochrezepte und Ortungskoordinaten einer GPS-Schnitzeljagd werden zu Bestandteilen einer großen Collage, wie Armut, Reichtum und Glück von 10- bis 12-jährigen Kindern aus Kreuzberg, Staaken, Marzahn und Pankow wahrgenommen werden. Am Ende des dreitägigen Kongresses kommen alle 100 Kinder wieder zu einem gemeinsamen Abschlussplenum im Podewil zusammen, um sich gegenseitig und dem Ensemble von PÜNKTCHEN TRIFFT ANTON die Ergebnisse ihrer Abenteuerreise in die Wirklichkeit vorzustellen.

„ Zum GRIPSKonzept gehört es ja schon lange, dass wir immer einen engen Kontakt zu Kindern und Jugendlichen haben, egal, ob wir in den Schulen theaterpädagogisch arbeiten, Projektarbeit mit Kindern machen oder zu unseren Stücken recherchieren, dadurch sind wir immer ganz dicht an der Lebenswelt Kinder und Jugendlicher.“ so Philipp Harpain, Leiter der GRIPS‐Theaterpädagogik und Koordinator des Kinderkongresses. Und Stefan Fischer‐Fels, der neue Künstlerische Leiter des GRIPS Theaters ergänzt: „Mit dem Kinderkongress möchten wir Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben, tief in ein Thema einzutauchen und mit künstlerischen Mitteln sich selbst zu äußern.“ Was dabei entdeckt werden wird, darauf ist er jetzt schon sehr gespannt, denn das Thema des Kongresses steht im engen Zusammenhang mit der großen Kinderproduktion PÜNKTCHEN TRIFFT ANTON, die Ende Oktober im GRIPS uraufgeführt wird. Volker Ludwig, dem die Kästner‐Erben alle Freiheiten der Bearbeitung gegeben haben, verlegt die Geschichte der Freundschaft zwischen einem reichen Mädchen und einem armen Jungen aus den 20er Jahre in das gegenwärtige Berlin. Aus diesem Grund nimmt das gesamte „Pünktchen“‐Ensemble am Abschlussplenum des Kinderkongresses am 26. Oktober teil, um sich mit beteiligten Kindern direkt auszutauschen. Genau vier Wochen können die Erfahrungen dann in der Probenarbeit wirken, die Uraufführung von PÜNKTCHEN TRIFFT ANTON ist am 26. November 2011 im „GRIPS Hansaplatz“.

Für Stefan Fischer‐Fels ist Kulturelle Bildung, u.a. in Form des Kinderkongresses, das Kernstück seiner Arbeit: „Ein Theater, das sich mit dem Gegenstand von Kindheit und Jugend beschäftigt, hat heutzutage nicht nur die Aufgabe, für diese Zielgruppe künstlerische Arbeiten zu entwickeln, die sie als Rezipienten erleben, sondern ihnen auch Plattformen der Partiziptation zu bieten, bei denen sie sich selbst aktiv künstlerisch mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit auseinandersetzen. Darüber hinaus muss ein Theater auch immer wieder ethnologische Forschungsreisen in das unbekannte Terrain der

Kindheit und Jugend machen, weil es herausfinden muss, was Kinder und Jugendliche wirklich bewegt, und zwar aus ihrer Sicht der Dinge und auf ihrer Augenhöhe, bevor man daraus wiederum Stücke für Kinder und Jugendliche macht. Das ist die Grundlage für professionelle Autoren, Schriftsteller, Regisseur, und Schauspieler. Das mit einem jährlichen Format dem Kinderkongress zu institutionalisieren, ist die Absicht.“

Generell werden alle Projekte im GRIPS Theater auch auf ihre Nachhaltigkeit überprüft, so auch beim neuen Format des Kinderkongresses. „Wir haben mit den beteiligten Schulen vereinbart, dass es nach dem Kongress in den Schulen einen Rahmen geben wird, indem die Kongressteilnehmer als eine Art Botschafter in ihren Schulen von ihren Erlebnissen berichten werden.” so Philipp Harpain. “Das kann sein, dass sie die Parallelklasse einladen, bei einer Projektwoche berichten, mit dem Quartiersmanagement zusammen arbeiten und vieles mehr. Dazu werden die KinderkongressBotschafter auch von uns eine filmische Dokumentation in die Hand bekommen”.

Neben der Nachhaltigkeit ist den GRIPS‐Leuten auch eine Vielfältigkeit der Inhalte und Formen wichtig, die Unterschiedlichkeit der neun geplanten Kongress‐ Workshops garantiert eine große Bandbreite. So ist u.a. eine GPS‐Schnitzeljagd rund um den Alexanderplatz an Orte der Armut und des Reichtums geplant, „Uns interessiert, was den Kindern unterwegs zu dem Thema auffällt. Uns als Erwachsene würde vermutlich ein Obdachloser bei ‚Armut’ auffallen, aber das muss es ja nicht unbedingt aus Sicht der Kinder.“ mutmaßt der GRIPS‐Dramaturg Winfried Tobias, der diesen

Workshop betreut. Im „Moderationstraining“ bekommen die Kinder Tipps, Tricks und Fähigkeiten in die

Hand gegeben, um das Abschlussplenum selbst zu gestalten und moderieren zu können. In einem Kochworkshop wird das Essen für das Abschlussplenum geplant, und es wird ausprobiert, wie man mit wenig Geld dennoch gut und gesund kochen kann.

Der Film‐ und Theaterkomponist Hans Haffner wird in seinem Musik‐Workshop gemeinsam mit den Kindern Musikjingles für das Abschlussplenum produzieren und musikalisch mit den Texten zu arbeiten. Der Theaterautor Lorenz Hippe wird eine Dokumentationsgruppe leiten, die die anderen Gruppen beobachtet und die Erlebnisse dokumentieren wird. Die GRIPS‐Theaterpädagogin Nora Hoch hat sich den Workshop „Die gerechte Schule“ ausgedacht, ein Ergebnis der Vorrecherchen: „Schule ist ja der Selektionsort schlechthin, täglich geht es im Schulalltag um Ausgrenzung und Teilhabe, also wer wird zum Geburtstag eingeladen, wer darf zum Theater mitgehen, wer kann zur Klassenfahrt mitfahren, wer bekommt Mittagsessen. Das sind alles ganz subtile Selektionsmechanismen, die bei der Gruppe „Gerechte Schule“ in Frage gestellt werden.“ stellt Stefan Fischer‐ Fels den Workshop vor. „Gleichzeitig interessiert uns: ‚Was macht euch glücklich? Was sind für Euch Bedingungen des Glücks?’ Was wir jetzt schon in den Vorrecherchen mitbekommen haben, ist, dass Glück für Kinder sehr viel mit FüreinanderZeithaben zu tun hat.“

Stefanie Kaluza, GRIPS‐Theaterpädagogin, greift diese Gedanken in ihrem

Workshop „Das gute Leben“ auf. Überhaupt waren die Vorrecherchen für die Beteiligten für die Konzeptionierung des Kongresses sehr wichtig. Die Erkenntnis, dass Armut mit all seinen Auswirkungen

einen großen Platz im Alltag von Kindern einnimmt, hat die Beteiligten sehr berührt. „Scham ist da beispielsweise ein großes Gefühl beim Thema Armut, auch schon beim Thema Kinder. Wenn du dich outen musst, wenn du dir was nicht leisten kannst, dann geht das an die Grundfesten des Selbstbewusstseins heran.“ stellte Stefan Fischer‐ Fels fest. „Die Würde ist sehr dicht mit Geld verbunden, Kinder erfühlen das sehr deutlich und versuchen das oft mit allen Mitteln zu verhüllen. Und die 100 Kinder, die beim Kongress mitmachen, bringen natürlich auch ihre eigenen Befindlichkeiten und

Lebenssituationen mit, so dass wir hochsensibel und klug damit umgehen müssen, damit

wir wirklich niemanden bloßstellen werden.”

Die Geschichte vom „Nicht‐Esser‐Tisch“, die Philipp Harpain sehr in Erinnerung geblieben ist, ist ein Beispiel dafür, dass Armut auch im Schulalltag keine Randerscheinung mehr ist: „In einer Schule gab es in der Mensa einen Tisch, an dem die Kinder saßen, deren Eltern für das Essen nicht gezahlt haben. Die hatten dennoch Hunger. Die anderen Kinder haben sich dann solidarisch erklärt und für die NichtesserKinder einfach einen Nachschlag geholt. Woraufhin das Essensgeld erhöht werden sollte, was wiederum die ganze Schule mit Lehrern und Eltern in Aufruhr versetzte.“

So kann man gespannt sein, was über 100 Kinder in drei Tagen zusammen tragen werden – und wie das in ihren Schulen nachwirken wird. Und in der großen GRIPSKinderproduktion PÜNKTCHEN TRIFFT ANTON.

Informationen zum KINDERKONGRESS

24.10.11 – 26.10.11, 10 – 15 Uhr

Abschlussplenum am 26.10., ab 15 Uhr

ORT: „GRIPS Klosterstraße“ im Podewil“

Klosterstr. 68, Berlin‐Mitte, direkt U‐Bhf. „Klosterstraße“

Die 100 Kinder kommen von folgenden Schulen:

o CarlHumannGrundschule

(Staaken)

o ChristianMorgensternGrundschule

(Spandau)

o GalileiGrundschule

(Kreuzberg)

o Grundschule unter dem Regenbogen (Marzahn)

PÜNKTCHEN TRIFFT ANTON

Theaterstück für Menschen ab 9

von Volker Ludwig

nach Erich Kästner

mit Musik von Wolfgang Böhmer

Regie: Frank Panhans

Bühne und Kostüme: Jan A. Schroeder, MariaAlice

Bahra

Dramaturgie: Stefan FischerFels

Die große Kinderproduktion des GRIPS Theaters mit dem gesamten Ensemble und einer vierköpfigen Band. Ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung vom HAUPTSTADTKULTURFONDS und GASAG.

In Berlin geschehen erstaunliche Dinge: Ein reiches Mädchen bettelt am Bahnhof Friedrichstraße – und ein armer Junge bringt einen Verbrecher zu Fall. Volker Ludwigs Neufassung von Kästners Klassiker über eine wunderbare Kinderfreundschaft spielt hier und heute, zwischen Wohlstandsverwahrlosung und Armut, mitten unter uns.

1931 schrieb Erich Kästner mit »Pünktchen und Anton« während der Weltwirtschaftskrise einen der ersten realistischen Großstadt‐Romane für Kinder. Zwei seelisch unbehauste Kinder stürzen sich – unbemerkt von ihren ahnungslosen Eltern – kopfüber in die Abenteuer der großen Stadt Berlin. In der Version von Volker Ludwig erscheint diese Geschichte aktueller denn je. Es geht um die Frage der Gerechtigkeit aus der Sicht von Kindern, in einer Welt, in der die Schere zwischen Arm und Reich

immer eklatanter auseinandergeht.

Workshop-Liste

Folgende Workshops sind beim „1. Berliner Kinderkongress“ geplant:

„MODERATION“

(Leitung: Philipp Harpain, Leitung GRIPS‐Theaterpädagogik)

Kinder gesucht, die Lust haben sich mit der Moderation des gesamten Kinderkongresses zu beschäftigen. Dazu gehört eigene Texte erfinden, Fragen stellen, die Klassen und Workshop‐Ergebnisse ankündigen sowie Mikrofonsprechen und vor der Kamera stehen.

„GERECHTIGKEIT MACHT SCHULE“

(Leitung:Nora Hoch, GRIPS‐Theaterpädagogin)

Ihr werdet zu kreativen Schultestern. Gemeinsam macht Ihr Euch auf die Suche nach Arm & Reich in Eurer Schule, nach Orten an denen Geld keine Rolle spielt und nach Vorschlägen für eine gerechtere Schule. Mit selbstgeschriebenen Texten und Vorträgen werdet Ihr zu Experten für Eure Schul‐Utopien und zeigt auf der Bühne, was möglich sein sollte.

„CACHE! EINE SCHATZSUCHE“

(Leitung:Winfried Tobias, GRIPS‐Dramaturg)

Wie bewegt man sich mit, wie ohne Geld durch die Stadt? Mit der Geschichte von „Pünktchen und Anton“ im Gepäck begeben wir uns auf die Suche rund um GRIPS Klosterstraße und Alexanderplatz, und stellen eine Schnitzeljagd für nachfolgende Schatzsucher zusammen.

„WELT OHNE GELD – SCHREIBWORKSHOP“

(Lorenz Hippe, Theaterautor)

Wir schreiben: Geschichten, Gedichte und Texte von einem Leben ohn e Geld. Wir fragen (uns und andere): Wann warst Du das letzte Mal richtig glücklich? Was würdest Du tun in einer Welt ohne Geld? Wir beschweren uns: manchmal stinkt Geld eben doch! Bei der Präsentation stellen wir eine Auswahl der entstandenen Texte und Ergebnisse vor.

„JUST FEEL GOOD“

(Leitung: Kirstin Hess, GRIPS‐Dramaturgin)

Am ersten Tag experimentieren wir mit Mikrophonen, Musik, Dunkelheit und Licht. Wie wirkt Geräusch, Klang, Hell und Dunkel? Könnt ihr damit Angst, Geborgenheit, Glück, Einsamkeit, Überforderung produzieren? Wie kann man diese Gefühle verändern? Am zweiten Tag gehen wir raus und machen Fotos, die Armut oder Reichtum darstellen und interviewen Menschen auf der Straße mit Fragen nach Glück, was für sie Reichtum bedeutet und wo sie sich arm fühlen.

„GLÜCK, DAS NICHTS KOSTET“

(Leitung: Aida Bernal, Schauspielerin und Theaterpädagoin aus El Salvador)

Wir werden mit Hilfe von theatralen Mitteln die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Geld, Zeit und Glück in Deutschland und anderen Ländern untersuchen. „WIE KOSTET GLÜCK? / AUF DEN

„WIE KOSTET GLÜCK? / AUF DEN GESCHMACK GEKOMMEN!“

(Leitung: Laura Klatt, GRIPS‐Theaterpädagogin)

Gemeinsam werden wir uns mit ess‐ und trinkbaren Köstlichkeiten beschäftigen. Wir werden gemeinsam kochen und ein theatrales Essen für alle Kongressbeteiligten entwickeln. Unsere unterschiedlichen Sinne setzen wir ein, um zu überlegen wie unserer Meinung nach Glück schmeckt (kostet). Zum Abschluss werden wir ein gemeinsames Essen entwickeln, vom Kochen bis hin zur Tischrede, an dem alle Kinder teilnehmen.

„SO KLINGT GLÜCK“

(Leitung: Hans Haffner, Film‐ und Theaterkomponist)

Wie klingt Reichtum? Wie klingt Armut? Kann man Glück hören? Wir experimentiern mit Klängen und Sounds. Außerdem arbeiten wir eng mit der Moderationsgruppe zusammen, da wir beispielsweise Jingles produzieren werden.

„DAS GUTE LEBEN“

(Leitung: Stefanie Kaluza, GRIPS‐Theaterpädagogin)

In diesem Workshop wollen wir gemeinsam ein Spiel entwickeln, dessen Ziel das gute Leben für alle ist. Dabei machen wir uns Gedanken darüber, was für uns persönlich ein gutes Leben wäre, was Glück für uns bedeutet und welche Gegebenheiten dieses Glück vielleicht einschränken. Das Spiel soll so gestaltet werden, so dass es überall gespielt werden kann!

www.grips-theater.de

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