Zwei Schauspielpremieren - Städtische Theater Chemnitz

"Der Prozess" nach dem Roman von Franz Kafka, Bühnenfassung von Bogdan KocaPremiere: 21. Oktober 2016, 20.00 Uhr im Schauspielhaus Chemnitz, Kleine Bühneund"Penthesilea", Trauerspiel von Heinrich von KleistPremiere: 22. Oktober 2016, 19.30 Uhr im Schauspielhaus Chemnitz, Große Bühne
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Der Prozess

Nach dem Roman von Franz Kafka

Bühnenfassung von Bogdan Koca

Premiere: 21. Oktober 2016, 20.00 Uhr im Schauspielhaus Chemnitz, Kleine Bühne

Regie, Bühne, Kostüme und Musik: Bogdan Koca

mit: Wolfgang Adam (Josef K.), Ulrike Euen (Frauen in seinem Leben), Christian Ruth (Männer in seinem Leben)

Zum Inhalt

Als Josef K. vom Klingeln an seiner Haustür geweckt wird, ahnt er noch nicht, dass sich sein Leben von jetzt auf gleich auf fatale Weise ändern wird. Vor seiner Tür stehen zwei Wärter, die ihm die Nachricht seiner Verhaftung überbringen. Das Delikt wird nicht benannt. Josef K. ist sich keiner Schuld bewusst, er hat gegen kein Gesetz verstoßen, es muss sich also um ein Missverständnis, gar um eine Verleumdung handeln. Trotz der formellen Verhaftung kann Josef K. weiterhin in „Freiheit“ leben und seinem Beruf nachgehen. Doch nach und nach gerät er in den Sog mysteriöser Ereignisse. Seine Versuche, Informationen über Anklagepunkte oder seine Richter herauszufinden, scheitern. Das Gericht bleibt eine namen- und gesichtslose Instanz, deren bürokratische Strukturen sich ihm als eine monströse Maschinerie offenbaren. Der Prozess gewinnt eine dominierende Macht über sein Leben und verschlingt mit zermalmenden Zähnen alle Sicherheit, jeglichen Halt und Josef K.s Lebensenergie. Immer enger und enger zieht sich die Schlinge. In einem Dom trifft Josef K. auf einen Priester, der ihm die Parabel vom Türhüter erzählt. Darin geht es um einen Menschen, dem es nicht gelingt, Eintritt in das Gesetz zu bekommen und der stattdessen sein Leben vor dieser Instanz verwartet. Josef K. verkennt die Bedeutung dieser Parabel und wird eines Morgens von zwei Gesandten des Gerichts abgeholt, in einen Steinbruch geführt und hingerichtet.

Zur Inszenierung

Der australisch-polnische Autor und Regisseur Bogdan Koca hat den Roman für die Bühne bearbeitet und die umfangreiche Personage auf drei Schauspieler verteilt. Diese komprimierte Bühnenfassung gleicht einem Panoptikum aus polyphonen Stimmen und surrealen Figuren, die auftreten, verschwinden und sogleich in anderer Gestalt wieder auftauchen. Mit Josef K. (Wolfgang Adam) schafft er eine durchgehende Identifikationsfigur, dessen Wahrnehmung von Realität zunehmend brüchig wird und die auf schmerzliche Weise mit Erfahrungen von Entfremdung, Isolation und Ich-Zerfall konfrontiert ist.

Als eine Art Gesamtkunstwerk hat Koca für diese Inszenierung eigens eine stücktragende Musik komponiert und zeichnet darüber hinaus auch für Bühne und Kostüme verantwortlich.

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Penthesilea

Trauerspiel von Heinrich von Kleist

Premiere: 22. Oktober 2016, 19.30 Uhr im Schauspielhaus Chemnitz, Große Bühne

Regie: Johanna Schall

Bühne: Horst Vogelgesang

Kostüme: Jenny Schall

mit: Katka Kurze (Penthesilea), Stefan Migge (Achill), Maria Schubert (Prothoe), Susanne Stein (Oberpriesterin der Diana), Dirk Glodde (Odysseus), Jan Gerrit Brüggemann (Diomedes)

Zum Inhalt

Auf dem Schlachtfeld vor Troja stehen die Griechen mitten im Kampf gegen König Priamos, als plötzlich Penthesilea, Tochter des Ares und Königin der Amazonen, mit ihren Kriegerinnen über sie herfällt. Allein aus Frauen gründet sich der Staat der Amazonen: Regelmäßig erwählen sie ein Volk, um es im Kampf zu erobern. Siegreich kehren die Amazonen mit den gefangenen Männern nach Hause zurück, um mit ihnen zum Rosenfest ihre Nachkommen zu zeugen, die Jungen zu töten und die Mädchen zu neuen Kämpferinnen heranzuziehen. Die Partnerwahl erfolgt jedoch nie aus Liebe, sondern entscheidet sich allein auf dem Schlachtfeld.

Auf diesen heiligen Traditionen basieren Macht und Fortbestand der Amazonen. Penthesilea aber trifft eine Wahl: Wieder und wieder verfolgt sie Achill, einen jungen griechischen Krieger, sucht ihn im Kampf, zieht ihm entgegen und verliebt sich in ihn. Doch als Königin muss sie die Gesetze achten. Als Mensch, der fühlt, befragt sie diese und bäumt sich zugleich gegen ihre

Gefühle auf. Und auch Achill liebt sie und hält dagegen. Wie Wölfe fallen die beiden übereinander her und haben sich längst ineinander verbissen. Zweimal unterliegt Penthesilea und Achill lässt ihr das Leben. Schließlich fordert er sie ein weiteres Mal heraus – bereit, ihr den Sieg zu schenken und sein Schicksal in ihre Hände zu legen. Doch Penthesilea fühlt sich betrogen und zieht wild und blind vor Wut mit Streitross, Elefanten und Hunden in die finale Schlacht.

Zum Autor

Heinrich von Kleist wurde 1777 in Frankfurt/Oder als Sohn einer preußischen Offiziersfamilie geboren. 1792 trat er in das Potsdamer Garderegiment ein und nahm am Rheinlandfeldzug gegen Napoleon teil. In dieser Zeit lernte er Otto August Rühle von Lilienstern und Ernst von Pfuel kennen und verkehrte im Haus Marie von Kleists, einer Vertrauten der preußischen Königin Luise, die ihn später immer wieder finanziell unterstützte. 1799 quittierte Kleist seinen Dienst und begann zu studieren. Die Lektüre philosophischer Schriften (u. a. von Kant) stürzte ihn schließlich in eine erste Lebenskrise. Er gab seine Studien auf und begann zu reisen. Während er in Paris noch an seinem „Robert Guiskard“ scheiterte und das Manuskript verbrannte, entstand in der Schweiz „Der zerbrochne Krug“, zu Lebzeiten Kleists das bekannteste Werk des Autors. Nach längerer Krankheit und Aufenthalten in Weimar, Leipzig und Dresden trat er 1805 in den preußischen Staatsdienst ein – eine Anstellung, die ihn nicht erfüllte und die er wenige Jahre später, immer wieder unterbrochen von längeren Krankheitsphasen und ausgedehnten Reisen, zugunsten der Schriftstellerei endgültig aufgab. Mit dem militärischen Zusammenbruch Preußens geriet Kleist 1807 zwischen die Kriegsfronten und für mehrere Monate in französische Gefangenschaft. Hier schrieb er u. a. an seinem Trauerspiel „Penthesilea“, das er 1807 in Dresden vollendete und 1808 in Druck gab.

Gemeinsam mit dem Staatstheoretiker und Philosophen Adam Heinrich Müller gründete Kleist in Dresden die Monatsschrift „Phöbus. Ein Journal für die Kunst“, deren erste Ausgabe 1808 mit Auszügen aus „Penthesilea“ erschien. Das Vorhaben wurde allerdings – wie auch die „Berliner Abendblätter“, eine der ersten Tageszeitungen, die Kleist ab 1810 in Berlin herausgab – schon nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Es häuften sich derartige Misserfolge und finanzielle Fehlplanungen. Zugleich war der Vormarsch Napoleons in Europa ungebrochen, während sich der antinapoleonische Widerstand erst langsam formierte. Unter dem Eindruck der schwierigen politischen Verhältnisse schrieb Kleist noch „Die Hermannsschlacht“ und „Prinz Friedrich von Homburg“, sah sich aber als Schriftsteller gescheitert. Auch seine Versuche, wieder in den Staats- oder Militärdienst aufgenommen zu werden, blieben ohne Erfolg. Kleist nahm sich am 21. November 1811 gemeinsam mit seiner Bekannten Henriette Vogel am Kleinen Wannsee bei Berlin das Leben.

Zur Inszenierung

Kleists „tragisches Schicksal“ ist häufig beschworen worden. Aus den Zweifeln und Lebenskrisen heraus entwickelt er zwischen Reformansatz und Experiment seine Stoffe. Für „Penthesilea“ nutzt er die reiche Motivgeschichte der griechischen Mythologie als Parabel auf seine Zeit. Den darin formulierten inneren Kampf des Ichs zwischen Tun, Dürfen und Fühlen erfährt er selbst als radikalen Widerspruch, der im Leben keine Auflösung erfährt. Unvereinbar lässt Kleist in seinem Trauerspiel zwei Welten im Krieg aufeinanderprallen und zielt damit zugleich auf den Konflikt des Einzelnen gegenüber einer bestehenden gesellschaftlichen Ordnung, deren Gesetze und Ideologien längst nicht mehr das eigene Handeln motivieren und begründen können.

In der Regie von Johanna Schall stellen sich die sechs Spieler/innen dem Kleist‘schen Spannungsfeld. Die Fronten sind klar verteilt: auf Seiten Penthesileas und Achills stehen lediglich die engsten Vertrauten und Verbündeten, bemüht, in den Wirren des undurchsichtigen Kriegsgeschehens wieder eine Ordnung herzustellen und die eigenen Positionen zu sichern. Für Gefühle oder gar Liebe, die sich abseits des Schlachtfeldes gleichermaßen ihre Bahn brechen, ist hier kein Platz. Der Mensch steht dazwischen und zerbricht.

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