Schauspiel Stuttgart: Autorenwochenende "GEGEN-WELTEN"

Vom Freitag, 11. bis Sonntag 13. April 2008 Freitag, 11. April 2008, 18.00 Uhr, Kammertheater:Vor der Sintflut von den Brüdern Presnjakow22.00 Uhr, DepotUraufführung. Showtime: Trial & Terror von andcompany&Co

Heiner Müllers "Hamletmaschine" wird im theatralen Selbstversuch zu einem Spiel: Auf der Bühne steht ein Glücksrad, der Zufall bestimmt die Dramaturgie des Abends - und ein Showmaster, der die Texttreue der Spielenden auf die Probe stellt.

Die Darbietung ist Konzert und kollektive Lektüre zugleich, Spaziergang durch den Text und Geisterfahrt durch die Geschichte. Im bürgerlichen Wohnzimmer geraten die Dinge allmählich außer Kontrolle: Wände verschieben sich, Sofas greifen an, der Schrank wird zur Mördergrube, ein einsames Herz blutet vor sich hin und singt zum Abschied leise Servus.

"end of drama, begin of game" lautete eine Notiz Heiner Müllers. Die Performancegruppe andcompany&CO, die vergangene Spielzeit im DEPOT mit "Little red (play): herstory" gastierten, gehört mit ihrer sinnlichen Theatersprache und spielerischen Herangehensweise zu den Shooting-Stars und Geheimtipps auf vielen internationalen Festivals. In Stuttgart sind sie mit ihrem neuesten Versuchslabor für nur 4 Vorstellungen zu sehen.

Regie/Konzept: andcompany&Co (Alexander Karschnia, Nicola Nord, Sascha Sulimma) Dramaturgie: Frederik Zeugke

Mit: Sarah Günther, Alexander Karschnia, Nicola Nord, Sebastian Suba, Sascha Sulimma & Co.

Samstag, 12. April 2008,18.00 Uhr, Depot

Premiere "Knock-out" von Katharina Schmitt

"Knock-out" ist inspiriert von Gerhard Richters Bildzyklus '18. Oktober 1977', der sich mit der Baader-Meinhof-Gruppe beschäftigt. Der Zyklus funktioniert als formaler Ausgangspunkt, als Rahmen des Textes: die Szenen des Stückes tragen die gleichen Titel wie die Bilder. "Knock-out" ist dabei kein Stück über die RAF, es geht um das Kämpfen, um die Anziehungskraft der Kämpfer und um die Grenze zwischen Kampf und Terror." Diese Anmerkung stellt Katharina Schmitt ihrem Stück voran. In 9 Szenen, in denen jeweils nicht mehr als zwei Darsteller auftreten, wird das Thema ausgelotet: Geiselnehmerin und Opfer, Gefängniswärter unter sich, Vater und ungehorsame Tochter, der isolierte Häftling, die Witwe eines Opfers - immer ist die Bedrohlichkeit der Situation deutlich zu spüren, der Einsatz der Figuren hoch. Die konkreten Situationen besitzen dadurch eine große szenische Spannung und beleuchten gleichzeitig Mechanismen und Kodifizierungen des Kampfes − gegen ein System, gegen einen Kontrahenten, gegen sich selbst. Vom Kinderspiel über Disziplinierungsmaßnahmen bis hin zum Einsatz des eigenen Körpers als Waffe führt der Text an die Grenze zwischen geregeltem Kampf und anarchistischem Terror und schafft es dabei, allzu einfache Dichotomien zu vermeiden.

"Knock-out" wurde 2006 mit dem Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis für Dramatik ausgezeichnet.

Regie: Clemens Kaiser, Bühne Simone Steinhorst, Kostüme: Elena Gaus,

Dramaturgie: Christian Holtzhauer. Mit: Markus Lerch und Claudia Renner

ab 20.30 Uhr, Depot: Lesenacht

Es lesen (gemeinsam mit SchauspielerInnen unseres Ensembles)

die ProsaautorInnen* Daniela Danz, Tobias Hülswitt, Björn Kern und Jagoda Marinić sowie die DramatikerInnen* Juliane Kann, Rebekka Kricheldorf, Philipp Löhle, Oleg und Wladimir Presnjakow und Johannes Schrettle.

Die Musik für diesen Leseabend komponiert der Musiker Putte.

Sonntag, 13. April 2008, 11.00 Uhr, Depot

Vortrag: "Inszenierte Wirklichkeit" Professor Joachim Fiebach

& Podiumsdiskussion „Wieviel Drama braucht das Theater?“

mit der Regisseurin Claudia Bauer, der Dramaturgin Beate Seidel, Alexander Karschnia (andcompany&Co). Moderation: Kekke Schmidt

Joachim Fiebach, 1934 geboren, Honorarprofessor für Theaterwissenschaften an der Freien Universität Berlin, Lehrstuhlinhaber für Theorie und Geschichte des Theaters an der Humboldt-Universität zu Berlin bis 1999, forscht hauptsächlich zu darstellerischen Kulturen des 20. Jahrhunderts in Europa und Afrika. Als Gastsprofessor lehrte er in Tansania, Nigeria, USA, Kanada und Österreich.

Buchpublikationen (Auswahl): Kunstprozesse in Afrika. Literatur im Umbruch, Berlin 1979; Die Toten als die Macht der Lebenden. Zu Theorie und Geschichte des Theaters in Afrika, Berlin/Wilhelmshaven 1986; Insel der Unordnung. Fünf Versuche zu Heiner Müllers Theatertexten, Berlin 1990; Von Craig bis Brecht, Berlin 31991; Keine Hoffnung Keine Verzweiflung. Texte zur Theatralität und Theaterkunst, Berlin 1998; Herrschaft des Symbolischen. Bewegungsformen gesellschaftlicher Theatralität. Europa - Asien - Afrika, Berlin 2002 (Hg. mit Antje Budde); Manifeste Europäischen Theaters. Grotowski bis Schleef, Recherchen 13, Berlin 2003. REALITY STRIKES BACK - Tage vor dem Bildersturm. Eine Debatte zum Einbruch der Wirklichkeit in den Bühnenraum Hg. von Kathrin Tiedemann und Frank Raddatz, Berlin 2008.

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