Uraufführung: "Gesichter der Großstadt", Ballettabend in zwei Teilen von Reiner Feistel und Yiming Xu, Städtische Theater Chemnitz

Premiere: 29. Oktober 2016, 19.00 Uhr im Opernhaus Chemnitz. -----Eine hell erleuchtete Bar, drei Personen am Tresen, die scheinbar keine weitere Verbindung zueinander haben und ein Barkeeper, der seiner täglichen Arbeit nachkommt. Eine Szene, wie man sie bei einem Spaziergang spätabends in New York oder einer anderen Großstadt erleben kann. Der amerikanische Maler Edward Hopper hat genau solche Alltäglichkeiten – Nachtschwärmer in einer Bar, eine Bürosituation oder eine wartende Frau im Café – in seinen Bildern eingefangen.
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Jedes seiner Gemälde verführt dazu, für die abgebildete Szenerie eine Geschichte zu erfinden. Dieser Aufforderung kommt Reiner Feistel, Chefchoreograf und Künstlerischer Leiter des Balletts Chemnitz, in „Gesichter der Großstadt“ nach. Gemeinsam mit dem chinesischen Gastchoreografen Yiming Xu kreiert er einen zweiteiligen Ballettabend, der – inspiriert von den Bildern Edward Hoppers – Einblicke in die geheimnisvollen Seelenzustände, die Wünsche und Erwartungen der Menschen gibt.

Edward Hopper (1882-1967) erfasste in seinen Bildern Ereignisse mit dem Fokus auf Lichtverhältnisse und ihre Wirkung. Dabei erschuf er ein Abbild des amerikanischen Lebensstils und Empfindens. Die Interpretation seiner Kunst ließ er allerdings jedem Betrachter frei – seine Bilder sollten zu dem werden, was die Menschen darin entdeckten. So gehen auch Reiner Feistel und Yiming Xu mit dieser von Hopper geforderten Individualität und einer unterschiedlichen Lesart an die Thematik des Ballettabends „Gesichter der Großstadt“ heran.

Reiner Feistel erzählt in fünf solistisch angelegten Szenen Geschichten ganz verschiedener Menschen, deren Beziehungen zueinander und dem immanenten Zwiespalt von Wunsch und Realität. In Anlehnung an Motive des amerikanischen Künstlers erschafft er Räume und lässt die Figuren aus verschiedenen Hopper-Gemälden lebendig werden. Der Choreograf geht mit seinen Protagonisten in der Anonymität und Trostlosigkeit einer Großstadt auf die Suche nach den Momenten des Glücks. Ob sich ihre Hoffnungen erfüllen oder Erwartungen enttäuscht werden?

Für den aus der chinesischen Provinz Hebei stammenden Choreografen Yiming Xu bildet eine Szenerie von Hopper die Inspiration und den Rahmen für den zweiten Teil. Mit wenigen Elementen und einer groß angelegten Ensembleszene eröffnet er einen ganz eigenen Blick auf die moderne Welt und die darin lebenden Menschen.

Musikalisch geht es im ersten Teil in die Welt der Neuen Musik. Es erklingen Komponisten und Musiker des 20. und 21. Jahrhunderts wie Ludovico Einaudi, Joan Jeanrenaud oder David Lang. Dennoch gibt es immer wieder Kontraste – in den Werken selbst, aber auch durch provokante Unterbrechungen und Wechsel wie zu Frank Sinatras „I’ll never smile again“. Diese machen die emotionalen Konflikte und die Gefühlsachterbahn der dargestellten Figuren akustisch erlebbar. Wie die Lesart ist auch die Musikauswahl beider Choreografen divergierend. Yiming Xu wird für seine Choreografie Werke aus der Klassik, u. a. von George Gershwin, wählen. Damit rückt die Kunst Edward Hoppers als roter Faden des Abends in den Vordergrund.

Reiner Feistel (Chefchoreografie und Inszenierung)

wurde in Altenburg geboren und studierte an der Fachhochschule für Tanz in Leipzig. Nach dem Studienabschluss wurde er an die Staatsoper Dresden engagiert und tanzte ab 1984 an der Semperoper als Solist zahlreiche Haupt- und Nebenrollen. 1996 gab er an der Semperoper sein Debüt als Choreograf. 1997 wurde er als Ballettdirektor an die Landesbühnen Sachsen berufen. Für das Ensemble kreierte er in jeder Spielzeit u. a. zwei Ballettabende sowie Choreografien für den Dresdner Zwinger. Feistels künstlerisches Wirken für Radebeul wurde im Jahr 2008 mit dem Kunstpreis der Großen Kreisstadt Radebeul gewürdigt. Seit Beginn der Spielzeit 2013/2014 ist er Chefchoreograf und Künstlerischer Leiter des Balletts Chemnitz und hat hier u. a. die Ballette „Dornröschen – Ein Traumtanz“, „Eine Weihnachtsgeschichte“, „Giselle“ und die Uraufführungen „Die Schneekönigin“, „König Artus“, „Mozart-Briefe“ und „Eugen Onegin“ auf die Bühne gebracht.

Yiming Xu (Choreografie und Inszenierung)

wurde in Zhangjiakou in der chinesischen Provinz Hebei geboren. Er begann seine Tanzausbildung 1997 an der Beijing Runliang Dance School. Nach seinem Studium trat er 2001 der Guangzhou Song and Dance Company und der Beijing Modern Dance Company bei. Im Jahr 2005 war Yiming Xu Gründungsmitglied des BeijingDance/LDTX (Lei Dong Tian Xia). Seit 2013 ist er Lehrer des BeijingDance/LDTX Training Centers. Er stand als Tänzer bereits in verschiedenen Ländern auf der Bühne, u. a. in Australien, Kanada, Frankreich, Israel, Italien, Korea, Österreich, Deutschland und den USA. Für die BeijingDance/LDTX choreografierte er u. a. die Ballette „Dad“, „Head Against Earth“, „The Snail“, „Twi and Twa“ und „Waiting alone“. Im vergangenen Jahr zeigte er beim „Internationalen Festival für zeitgenössischen Tanz“ mit der Shan Xi DanceLand Company sein Tanzstück „The Encounter of Confucius“ in Chemnitz. Im Rahmen des Ballettabends „Gesichter der Großstadt“ kreiert er eine Choreografie für das Ballettensemble Chemnitz und arbeitet damit zum ersten Mal mit einer Company außerhalb seines Heimatlandes. Als Mentor und Dolmetscher bringt Yiming Xu den Leiter der LDTX Willy Tsao mit. Dieser prägte den modernen Tanz in China nachhaltig und steht seit dem „Internationalen Festival für zeitgenössischen Tanz“ im Jahr 2015 in engen, kooperativen Kontakt zum Ballett Chemnitz.

"Gesichter der Großstadt", Ballettabend in zwei Teilen von Reiner Feistel und Yiming Xu

nach Motiven von Edward Hopper

Musik von George Gershwin, Ludovico Einaudi, Joan Jeanrenaud, David Lang,

Frank Sinatra u. a.

Choreografie und Inszenierung: Reiner Feistel, Yiming Xu

Bühnen- und Kostümbild: Hans Winkler

Es tanzt das Ballett Chemnitz

Die nächsten Vorstellungen sind am 10., 12. und 18. November, je 19.00 Uhr im Opernhaus Chemnitz.

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