Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
"Unschuld" von Dea Loher - Theater Heilbronn"Unschuld" von Dea Loher - Theater Heilbronn"Unschuld" von Dea Loher...

"Unschuld" von Dea Loher - Theater Heilbronn

Premiere am 25. April 2015, 19.30 Uhr, Großes Haus. -----

Eine Stadt irgendwo am Meer. Zwei illegale Immigranten stehen am Strand, blicken in eine unklare Zukunft und vermissen die Wüste. Plötzlich geht eine Frau ins Wasser, immer tiefer, wedelt mit den Armen. Ruft sie um Hilfe? Aber Elisio und Fadoul, die beiden Wüstensöhne, können nicht schwimmen.

Und ins Krankenhaus bringen könnten sie die Frau auch nicht, denn man würde die beiden Männer nach ihren Papieren fragen. Und dann ist die Frau im Meer versunken…

 

An einem anderen Ort in dieser Stadt besucht Frau Habersatt die Eltern eines ermordeten Mädchens und gibt sich als Mutter des Täters aus. Sie wolle um Vergebung bitten. Dass sie aus alten Schuldgefühlen und Einsamkeit so eine Last auf sich nimmt, können die Eltern des Mädchens nicht wissen …

 

Ein paar Straßen weiter quartiert Frau Zucker sich in der winzigen Wohnung ihrer Tochter Rosa ein. Deren Mann Franz hat sein Medizinstudium abgebrochen und nun endlich einen Job bei einem Bestatter bekommen. Je mehr Franz in seinem Beruf aufgeht, desto weniger interessiert er sich für Rosa. Frau Zucker indes hat keine Skrupel, sich in das Leben des jungen Paares zu drängen. Sie hat schlimmen Diabetes, und Rosa soll sich gefälligst um sie kümmern …

 

Die Philosophin Ella hat alle Bücher, die sie schrieb, ihren „Weltveränderungsentwurf“, verbrannt. Sie glaubt nicht mehr an die Kraft der Geisteswissenschaften, und ihr Mann, der Goldschmied, ist neben ihr verstummt. Das einzige Buch, das Ella nicht ins Feuer warf, ist das Herzstück ihrer Theorien. Es heißt „Von der Unzuverlässigkeit der Welt“ und ist das Lieblingsbuch von Absolut, einem blinden Mädchen, das es aber an der Bushaltestelle verloren hat. Wenn sie nicht ihre Bücher in Braille-Schrift liest, dann tanzt sie vor Männern in einer Bar. Fadoul beobachtet sie beim Suchen und spricht sie an. Er hat so eine schöne Stimme …

 

Die beiden Flüchtlinge ziehen durch die Stadt und damit wie ein roter Faden durch die 19 Szenen des Stückes. Dea Loher versammelt darin eine kleine Gesellschaft von Menschen, deren Lebensläufe sich zunächst nur lose berühren und dann zu einem immer dichteren Netz verwoben werden. „Unschuld“ ist ein farbiges Kaleidoskop aus Einzelschicksalen, voll feiner Ironie und großer Traurigkeit, voll Fatalismus und grotesker Komik.

 

Einsamkeit - die Krankheit der westlichen Zivilisation

Elisio und Fadoul begegnen auf ihrer Odyssee durch die kalte Stadt am Meer einer Reihe von Menschen, die auf die eine oder andere Weise „versehrt“ sind: Einsame, Unglückliche, Kranke. Ihr ganzes Denken und Reden kreist um ihre Krankheit, ihren Frust oder den Mangel, den sie in ihrem Leben empfinden und sie merken gar nicht, wie sie sich durch ihre negative Sicht auf die Dinge selbst isolieren. „Der eine Makel wird zum Träger der ganzen Kommunikation“, sagt Esther Hattenbach. Und in den Augen der Fremden, die Terror und Krieg entkommen sind, wirken die Figuren wie Zerrbilder.

 

Spiegel der Gesellschaft – im wahrsten Sinne des Wortes

Dass Dea Loher unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhält, nehmen Esther Hattenbach und ihre Bühnenbildnerin Geelke Gaycken wörtlich. Über die gesamte Bühnenbreite wird gleich hinter der Vorbühne ein 12x6 Meter großer Spiegel gespannt, der bei bestimmtem Lichteinsatz semitransparent ist und einen Blick auf die übrige Bühnenfläche gewährt. Eine Verortung der Szenen wird allein über den Text und das Spiel realisiert. Die von Alice Nierentz entwickelten Kostüme und Masken zeichnen die Figuren des Stücks als Panoptikum unserer Gesellschaft.

 

Inszenierung: Esther Hattenbach

Bühnenbild: Geelke Gaycken

Kostüme: Alice Nierentz

Musiker: Johannes Bartmes

Dramaturgie: Andreas Frane

 

Es spielen: Sylvia Bretschneider (Frau Habersatt), Bettina Burchard (Rosa), Stefan Eichberg (Eltern eines getöteten Mädchens/Selbstmörder), Joachim Foerster (Franz), Katharina Leonore Goebel (Absolut), Angelika Hart (Frau Zucker), Gabriel Kemmether (Eltern eines getöteten Mädchens/ Arzt), Frank Lienert-Mondanelli (Helmut/ Selbstmörder), Sabine Unger (Ella), Tobias D. Weber (Fadoul), Sebastian Weiss (Elisio)

 

Nächste Spieltermine: Do. 30.04.2015 19.30 Uhr; Mi. 13.05.2015 19.30 Uhr; Sa. 16.05.2015 19.30; Uhr; Fr. 22.05.2015 19.30 Uhr; Mi. 27.05.2015 19.30 Uhr; Sa. 30.05.2015 19.30 Uhr; Di. 02.06.2015 19.30 Uhr; Fr. 05.06.2015 19.30 Uhr; Mi. 10.06.2015 19.30 Uhr; Fr. 03.07.2015 19.30 Uhr; Di. 07.07.2015 19.30 Uhr; So. 19.07.2015 19.30 Uhr

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 21 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

BERÜHRENDE MOMENTE -- "Spatz und Engel" mit dem Tournee-Theater Thespiskarren (Produktion Fritz Remond Theater im Zoo, Frankfurt) im Kronenzentrum BIETIGHEIM-BISSINGEN

Edith Piaf und Marlene Dietrich stehen hier im Schauspiel mit Musik von Daniel Große Boymann und Thomas Kahry als zwei Göttinnen des Chansons im Mittelpunkt des Geschehens. Und es ist gar nicht so…

EIN ÜBERZEUGTER HUMANIST -- 5. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart in der Liederhalle Stuttgart

Das Stück "Felder...im Vorübergehen" für Streichorchester aus den Jahren 1993/94 von Bernhard Lang ist nicht so spektakulär wie seine Oper "Dora", besitzt aber durchaus charakteristische…

Von: ALEXANDER WALTHER

EIN BEWEGENDER FEUERREITER -- Liedmatinee - Verleihung der Hugo-Wolf-Medaille in der Staatsoper Stuttgart

Die New York Times bezeichnete das Liedduo Christian Gerhaher (Bariton) und Gerold Huber (Klavier) als "größte Liedpartnerschaft der Welt". Dies betonte Kammersängerin Christiane Iven in ihrer…

Von: ALEXANDER WALTHER

NEUE SPHÄREN IM LICHTKEGEL -- Sao Paulo Companhia de Danca im Forum am Schlosspark Ludwigsburg

Mit der Deutschen Erstaufführung von "The Eight" gedenkt der Choreograph Stephen Shropshire des 200. Geburtstags von Anton Bruckner. In den Kostümen von Fabio Namatame erklingt das Finale von…

Von: ALEXANDER WALTHER

REIZVOLLES SPIEL MIT KLASSISCHEN FORMEN -- Konzertabend beim deutsch-türkischen Forum mit Gülsin Onay und Erkin Onay im Hospitalhof STUTTGART

Sie ist Staatskünstlerin der Türkei und eine renommierte Pianistin: Gülsin Onay. Sie trat auch mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf. Zusammen mit ihrem Sohn Erkin Onay (Violine)…

Von: ALEXANDER WALTHER

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑