Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Gefühl in Tönen - Familienkonzert „Beethovens Donnerwetter“ im Konzerthaus HeidenheimGefühl in Tönen - Familienkonzert „Beethovens Donnerwetter“ im Konzerthaus...Gefühl in Tönen -...

Gefühl in Tönen - Familienkonzert „Beethovens Donnerwetter“ im Konzerthaus Heidenheim

November 2021

Nach einer Tour durch elf Schulen im Landkreis Heidenheim fand das Projekt „Beethovens Donnerwetter“ mit dem Familienkonzert im dortigen Konzerthaus seinen krönenden Abschluss. Die Produktion der MUSIKWERKSTATT der Opernfestspiele Heidenheim in Kooperation mit dem Naturtheater Heidenheim und gefördert vom Programm BTHVN2020 der Bundesregierung zeigt, wie begeisterungsfähig die „Generation Tablet“ ist, wenn es um alte Klänge und große Meister geht.

 

Copyright: Oliver Vogel

Der zwölfjährige Jonas quengelt schon, bevor es losgeht: Konzert ist langweilig. Um sich zu beschäftigen, forscht er auf seinem Tablet nach Informationen zu Ludwig van Beethoven – und dann steht dieser plötzlich ganz leibhaftig vor ihm. Der gelungene Auftakt, beginnend im Zuschauerraum, bevor sich die Handlung auf die Bühne verlagert, holte die anwesenden Kinder im besten Sinne dort ab, wo sie sind, um sie in der folgenden Stunde mit Auszügen aus Beethovens 6. Sinfonie, Charme und viel Witz zu begeistern.

Zusammen mit den Schauspielern Jörg Schade, Carl-Herbert Braun und zwei Nachwuchstalenten des Naturtheaters (Finn Wiesenfahrt und Marie Durner, die sich bei den Schulaufführungen als Jonas/Lina abwechselten) bewies das wunderbare Streichsextett der Cappella Aquileia nicht nur seine musikalische Klasse, sondern auch schauspielerisches Talent. Mit sichtbarem Vergnügen spielten die Musikerinnen und Musiker sich selbst und bestürmten nach seinem überraschenden Auftritt den Komponisten, um ein Selfie mit dem Meister zu machen, was für herzhaftes Gelächter bei den rund 100 Zuschauern sorgte.

Spannend ging es weiter, denn Beethoven findet sich erstaunlich schnell damit ab, in unserer Zeit gelandet zu sein und beantwortet nicht nur Jonas‘ Fragen, sondern zeigt auch selbst großes Interesse an den neuen Möglichkeiten der Musik und den technischen Wundern, die ihm im Gegenzug von dem jungen Konzertbesucher erklärt werden. In den Dialogen zwischen Beethoven und Jonas – immer wieder unterbrochen vom herrlich verkrampften, überkorrekten Vater des Jungen (Carl-Herbert Braun) – zeigt sich die besondere Stärke der Inszenierung: Ein ganz selbstverständlicher Brückenschlag zwischen Alt und Jung, Vergangenheit und Gegenwart und hin zum Verständnis der Kompositionen Beethovens, den Jörg Schade mit fast kindlicher Neugier und liebenswert kauzig gibt.

Seine Erläuterungen zu den einzelnen Sätzen der 6. Sinfonie sind klar und bildhaft, die Kinder im Publikum werden konsequent mit einbezogen und angesteckt durch die unbefangene und natürliche Darstellung des Jonas von Finn Wiesenfahrt beteiligten sie sich rege. Belohnt wurde die Aufmerksamkeit mit dem Erleben einer faszinierenden Fantasiereise durch die Natur und einem furiosen Gewitter, bei dem das Publikum mit krachendem Donner und prasselndem Regen das Sextett zum Orchester ergänzen durfte.

Das zunächst deutlich größer für ein komplettes Orchester und viele tanzende Jugendliche geplante Projekt schrumpfte pandemiebedingt zur Musiktheaterinszenierung mit Streichsextett zusammen – dabei mag es an Größe eingebüßt haben, doch ganz sicher nicht an Qualität. Das Mitgenommen werden durch einen Gleichaltrigen und die emotionale Ansprache durch das Komponisten-Genie funktionieren hervorragend und machen Beethovens Pastorale als „Gefühl in Tönen“ erlebbar.

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 15 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

REIF UND ABGEKLÄRT -- Stuttgarter Philharmoniker mit Mozart und Bruckner in der Liederhalle STUTTGART

Leider fand die konzertante Aufführung von Puccinis "Madame Butterfly" aufgrund der Erkrankung des Chefdirigenten Dan Ettinger nicht statt. Es gab eine Programmänderung. Gleich zu Beginn faszinierte…

Von: ALEXANDER WALTHER

DIE SONNE ALS EINHEIT -- "Sonne/Luft" von Elfriede Jelinek im Kammertheater Stuttgart

Sonne und Luft stehen im Mittelpunkt dieses vielschichtigen Stücks von Elfriede Jelinek, das den Irrungen und Wirrungen des Menschen nachgeht. Der Umgang mit der Umwelt und dem Klimawandel spielt in…

Von: ALEXANDER WALTHER

ERGREIFEND UND TIEFGRÜNDIG -- Bach-Kantaten mit der Gaechinger Cantorey im Forum am Schlosspark Ludwigsburg

Das vorletzte Konzert der Reihe "Vision Bach" stand unter dem Motto "Zum Himmel wandern". Unter der inspirierenden Leitung von Hans-Christoph Rademann musizierte die Gaechinger Cantorey zunächst die…

Von: ALEXANDER WALTHER

EIN HAUCH VON RENAISSANCE -- "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" von Kurt Weill und Bertolt Brecht in der Staatsoper STUTTGART

Die Inszenierung von Ulrike Schwab wartet mit einer Überraschung auf, denn das "Jüngste Gericht" von Michelangelo ist Teil des einfallsreichen Bühnenbildes von Pia Dederichs und Lena Schmid. Die…

Von: ALEXANDER WALTHER

BEWEGENDE VISUELLE STEIGERUNG -- Stuttgarter Ballett mit Tschaikowskys "Schwanensee" in der Staatsoper Stuttgart

Unsterblich ist die Choreographie John Crankos zu Peter Tschaikowskys "Schwanensee"-Ballett aus dem Jahre 1963 geworden, die jetzt wieder in Stuttgart zu sehen ist. In Bühnenbild und Kostümen von…

Von: ALEXANDER WALTHER

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑