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„Lessingtage – Um alles in der Welt“ im Thalia Theater Hamburg

18. Januar bis 4. Februar 2024

Fünfzehn Jahre „Lessingtage – Um alles in der Welt“, das ist eine Geschichte ganz eigener Art. Mehr denn je geht es aber nicht nur „Um alles in der Welt“, sondern um „das Alles der Welt“. Um eine Welt, die um eine lebenswerte oder überhaupt noch lebbare Zukunft ringt. Wie können wir eine wünschenswerte Zukunft konstruieren? Wie die Transformation unserer Lebensverhältnisse hinbekommen? Wie nehmen wir die Verantwortung für die Welt, in der wir leben, wahr?

 

Copyright: Thalia Theater Hamburg

Dies sind unser aller Fragen, besonders dringlich aber die einer neuen, jüngeren Generation in Europa, die mehr und mehr gestaltet und i h r e Zukunft sucht. Noch nie waren die Lessingtage so jung! Wir präsentieren Künstlerinnen und Künstler, die aus einer Perspektive der Veränderbarkeit auf die Welt blicken, und Kunst machen für eine Generation, die sich selbst als agents of change begreift.

Eine ganz besondere Stimme: Luisa Neubauer hält die Eröffnungsrede. Als deutsches Gesicht von „Fridays for Future“ schlägt sie das Generalthema an, das uns alle beschäftigt: die Zukunft unseres Planeten. Im Thalia wird sie sich auf neues Terrain wagen und ihre Botschaft musikalisch performen, gemeinsam mit dem Ensemble Resonanz! Zum Thema Klima startet auch Kübra Gümuşay ihr neues Gesprächsformat „Utopia Talks“ mit der Transformationswissenschaftlerin Maja Göpel.

Wer kommt? Und worum geht’s?

Gleich zu Beginn der Lessingtage kommt Publikumsliebling Yael Ronen mit „Planet B“ – einer aberwitzigen Castingshow mit hinreißender Musik über den bevorstehenden Weltuntergang. Mit Fragen über Transformation, Natur und Zukunft geht es auch weiter: Milo Rau, Schweizer Künstler und neuer Intendant der Wiener Festwochen, hat mit seiner belgischen Kompanie vom NTGent in Brasilien das Projekt „Antigone im Amazonas“ entwickelt: Ist Widerstand gegen Naturvernichtung möglich? Eine andere Art von Veränderung strebt ein Schaf an, in der poetischen Aufführung „The Sheep Song“ des belgischen Kollektivs FC Bergman. Weltweit auf allen Festivals unterwegs, aber fast nie in Deutschland, und coronabedingt bei den Lessingtagen 2022 ausgefallen, geht es in dieser bildgewaltigen Ballade ohne Worte tatsächlich um Schafe. Oder doch um Menschen? Ein Schaf möchte gern seine Herde verlassen und etwas anderes werden, dem Schicksal, den Gesetzen, der Physik trotzen… Mit dabei auf der Bühne: zehn echte Schafe!

 Erstmals in Deutschland: die 30­jährige belgische Regisseurin Lisaboa Houbrechts, Mitglied des radikal verjüngten Leitungsteams am Toneelhuis Antwerpen und kürzlich erstmals an die Comédie­Française in Paris eingeladen. Sie blickt in die dunkle Vergangenheit ihrer eigenen Familiengeschichte, der man nur schwer entrinnt, mit dem Ziel, dennoch zukunftsfähig zu werden. In „Grandpa Puss; or how God disappeared“ zeigt die junge Regisseurin mit ihrem Ensemble und der großartigen niederländischen Schauspielerin Elsie de Brauw emotional bewegendes musikalisches Theater über das Verschwinden von Gott als heilender Instanz, verwoben mit Bachs Johannes-Passion. Aus der Spirale der Gewalt auszubrechen suchen auch die Protagonistinnen von „Green Corridors – Vermessung eines Krieges“, erzählt mit einer brillanten ukrainisch­deutschen Besetzung von Frauen auf der Flucht nach Europa. Mit dieser Arbeit präsentier sich der jungn deutsche Regisseur Jan-Christoph Gockel (neuer Regie­-Fixstern in München und Berlin) erstmals in Hamburg. Eine weitere neue Regiehandschrift bei den Lessingtagen ist der cineastisch geprägte polnische Künstler Łukasz Twarkowski mit seinem Science­Fiction Thriller „The Employees“ von den Angestellten der Zukunft und den Humanoiden um sie herum. Welche zwischenartlichen Beziehungen entwickelt der Mensch zur KI?

Erstmals als Regieteam präsentieren sich auch Evgeny Kulagin und Ivan Estegneev mit der Uraufführung von „Apocalypse Tomorrow“, einer tanzchoreografisch­schauspielerisch geprägten Arbeit aus der im Aufbau befindlichen Truppe „Kirill & Friends“, rund um Thalia Artist­in­residence Kirill Serebrennikov. Was macht man ein paar Tage vor dem Weltuntergang?

Neben solch futuristischen Fragen sind wir gleichzeitig aufgefordert, sehr grundlegend Rechenschaft darüber abzulegen, wie wir mit den Ressourcen der Erde umgehen wollen. Wie ist eigentlich der biblische Satz „Macht euch die Erde untertan“ zu verstehen? Fing hier das Unheil an? Wie ist unser Verhältnis zur Natur? Dieser zentralen Frage gehen wir in der „Langen Nacht der Weltreligionen“ nach, schon seit 2010 ein beim Publikum beliebtes Erfolgsformat. Als besonders spannende Gäste haben sich Meeresbiologin Antje Boetius und Autor Philipp Blom angekündigt.

Das letzte Gastspiel in der Gaußstraße zeigt Hamburg-­Star Nino Haratischwili erstmals als Regisseurin am Thalia Theater! Je drei deutsche und drei georgische Schauspielerinnen aus Tbilisi spielen Aglaia Veteranyis legendären Roman „Warum das Kind in der Polenta kocht“ – ein Abend über das Fremdsein nach der Flucht, über den Versuch einer rumänischen Zirkusfamilie, im westlichen Exil zu überleben…

Am Anfang der Lessingtage aber stehen zwei Eigenproduktionen: mit Luk Perceval eröffnet ein früher Pionier der europäisch arbeitenden Regiegeneration das Festival. Seine Inszenierung von Falladas „Wolf unter Wölfen“ knüpft an seine berühmt gewordene Inszenierung „Jeder stirbt für sich allein“ an. Einen Tag später zeigt Mattias Andersson, Autor, Regisseur und Intendant des Stockholmer „Dramaten“, erstmals in Deutschland Ingmar Bergmans berühmten Film „Schande“ als Bühnenfassung. Dort verschanzt sich ein Künstlerpaar vor der Realität eines Krieges und wird von der Wirklichkeit gnadenlos eingeholt… Weggucken geht nicht! Intensiver denn je wissen wir, dass wir uns ändern müssen. Aber wie? Wie geht Transformation? Ein  neues, junges Europa ist da auf der Suche. Bei den Lessingtagen 2024.
Joachim Lux

Alle Infos: /www.thalia-theater.de/programm/thaliaplus/festivals/lessingtage/lessingtage-2024/

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