Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
August Strindberg, "Fräulein Julie" im Landestheater NeussAugust Strindberg, "Fräulein Julie" im Landestheater NeussAugust Strindberg,...

August Strindberg, "Fräulein Julie" im Landestheater Neuss

Premiere 07.03.2008 | 20:00 | Schauspielhaus

 

Die fatale Dreierkonstellation des 1888 entstandenen Stückes (Fräulein Julie, eine Adlige, Jean, ein Kammerdiener, und Kristin, eine Köchin) verspricht gehörigen erotischen Zündstoff und ist extrem aufgeladen durch Widersprüche, die immer noch hochaktuell sind, auch wenn die Gesellschaftsform eine andere ist, als zum Ende des 19. Jahrhunderts:

Herr/Knecht, Mann/Frau, reich/arm, Gefühl/Rationalität etc. Das Fräulein Julie und der Kammerdiener Jean treffen sich in der schwedischen Mittsommernacht in der Gesindeküche eines gräflichen Hauses. Sie provoziert den Mann, zieht ihn auf, ist kokett, beleidigend, herrisch, verführerisch. Er scheint gebildet, antwortet auf französisch, erzählt, dass er Bücher liest. Sie fordert ihn zum Tanz, in vollem Bewusstsein dieser Provokation, die über Geschlechter- und Standesgrenzen hinweg Jean zu einer Reaktion zwingt. Er hegt die widersprüchlichsten Gefühle Julie gegenüber - denn er begehrt sie bereits seit langem. Jedoch den Standesregeln entsprechend ist er mit der Köchin Kristin verlobt, die jeden Moment das prekäre tête-à-tête zu stören droht. Die feiernde Mittsommergemeinde nähert sich der Küche, beide ziehen sich zurück in Jeans Zimmer, wo sie sich, wohl gegenseitig, verführen. Danach, wieder unten in der Küche, scheinen die Vorzeichen umgekehrt: Jean schmiedet Pläne einer gemeinsamen Zukunft, er möchte, dass sie gemeinsam fliehen, um am Genfer See ein Hotel zu eröffnen, wobei er für das Geschäftliche, sie für das Repräsentative zuständig sein soll. Die Rollen haben gewechselt: er bestimmt nun, plant, entscheidet - und, so schreibt Strindberg, „er spricht aus, was ihm nützt, nicht, was wahr ist“. Julie ist klar, dass sie nicht mehr zurück kann, dass sie nicht zu ihm hinabgestiegen, sondern gefallen ist. Er fordert von ihr, grausam offen und ohne die frühere Sensibilität, die er nur vorspielte, das Geld für die gemeinsame Unternehmung, das sie aus der väterlichen Schatulle entwenden soll. Der Morgen rückt näher, das Haus erwacht, die Situation lädt sich immer mehr auf - doch da läutet der Graf nach seinen Stiefeln, und für Julie gibt es nur noch einen Ausweg.

 

Der schwedische Dramatiker August Strindberg (1849 - 1912) nennt sein Stück Fräulein Julie „ein naturalistisches Trauerspiel“. Strindbergs Definition weist auf eine neue Richtung, eine ganz neue Energie im Unterschied zur damals bekannten Dramatik. Seine Charaktere sind chaotisch, hysterisch, unsystematisch, sprunghaft, verzerrt - und er trifft damit genau den Nerv der Zeit: seiner wie unserer. Julie und Jean, die beiden Liebenden und Kämpfenden, sind wie Vampire, die sich aussaugen, sie dringen in den anderen ein wie ein Virus, um den anderen zu infizieren, sie genießen es, wie der andere unter den Angriffe leidet und sich windet und nicht adäquat reagieren kann. Strindberg selbst schreibt sich in diese Dialoge hinein: er ist ein Frauenhasser, ein Macho in höchstem Maße, doch hat er, sich selbst ausgeliefert, eine ungeheuer genaue Beobachtungsgabe, das Erlebte zu Theater zu machen. Deshalb nimmt er auch in seinen Stücken keine ideologische oder parteiische Position ein, er ist lediglich ein genauer Kenner der Materie. „Denke über mein Leben folgendermaßen: Ist es möglich, dass all das Schreckliche, das ich erlebt habe, für mich inszeniert wurde, damit ich Dramatiker werden und alle seelischen Zustände und Situationen schildern konnte?“

 

Inszenierung Inken Böhack

Bühne und Kostüme Peter N. Schultze

Mit Carmen Betker

Vera Kasimir

Anas Ouriaghli

 

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 18 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

DIE OPER ALS TV-DRAMA

Es war eine Premiere der besonderen Art an einem historischen Ort. Zum ersten Mal gastierte das Nationaltheater Mannheim im Pfalzbau Ludwigshafen - und die Mannheimer Erstaufführung der "Hugenotten"…

Von: ALEXANDER WALTHER

MIT DEM ROSS IN DEN HIMMEL

Marco Stormans Inszenierung stellt die Unsicherheit der Figuren in den Mittelpunkt. Es ist nichts mehr so, wie es war. Die gesellschaftlichen Verabredungen scheitern. Storman arbeitet in diesem…

Von: ALEXANDER WALTHER

Untiefen

Ein schwarzer kubistischer Hügel mit scharfen Graten ersetzt die schottische Landschaft. Ein erschöpfter Macbeth, blutbeschmiert nach der Schlacht, wird von drei Hexen, kahlköpfigen geschlechtlosen…

Von: Dagmar Kurtz

Forever young

Die Essenz zweier realer und eines fiktiven Lebens werden in dem Theaterstück "Dorian" von Darryl Pinckney und Robert Wilson miteinander verknüpft: die des Malers Francis Bacon, des Autors Oscar Wilde…

Von: Dagmar Kurtz

Ein Mythos erwacht zum Leben

Widersprüchlich und nicht ganz greifbar ist die historische Figur der Johanna von Orléans. Schier unglaublich, wie es einem einfachen Bauernmädchen im 15.Jahrhundert gelang, bis zum König…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑