Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Deutsches Schauspielhaus in Hamburg: "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" von Johann Wolfgang GoetheDeutsches Schauspielhaus in Hamburg: "Götz von Berlichingen mit der eisernen...Deutsches Schauspielhaus...

Deutsches Schauspielhaus in Hamburg: "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" von Johann Wolfgang Goethe

Premiere am Donnerstag, 18. November, 20 Uhr / Schauspielhaus

 

Wer war Götz von Berlichingen? Nein, nicht der Erfinder des populärsten Zitats der Weltliteratur (das war Goethe), sondern ein Ritter an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, mit Sitz in Jagsthausen (wo sommers regelmäßig Goethes Schauspiel gezeigt wird).

Eine historische Gestalt; der Kaiser, dem er untertan war, Maximilian, führte den Beinamen »Der letzte Ritter«. Eine Umbruchszeit also – ein bestimmter ge-sellschaftlicher Typus hatte ausgedient und nur die Wahl, sich den neuen Machtstrukturen, die sich heraus-bildeten, anzuschmiegen, also an den Hof eines der neuen Feudalherren zu gehen, oder zu versuchen, seine Unabhängigkeit gegen diese zu behaupten – ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt war.

 

Goethe schildert beide Varianten und führt sie gegeneinander: in der Figur des Höflings Adalbert von Weislingen, der dem Erzbischof von Bamberg zu Diensten ist, und eben des Götz, des Ritters mit der eisernen Hand, dessen körperliche Beschädigung auf seine gesellschaftliche vorausweist. Beide einstmals Jugendfreunde, jetzt Antagonisten eines historischen Konflikts, der auf der persönlichen Ebene seine Entsprechung findet: hier der wankelmütige, nicht sehr charakterstarke Karrierist, der zum Spielball fremder Interessen wird – und scheitert; ihm gegenüber der geradlinige, ehrliche »Kraftkerl« Götz, der sich und »seinen« Kaiser ge-gen die Zumutungen der Moderne verteidigt und, als er sich zu schlechter Letzt auch noch auf die Seite der rebellierenden Bauern schlägt, zwischen sämtlichen Mühlrädern zermahlen wird und – sinnlos, aber ergreifend – stirbt.

 

Hier schließt sich der historische Fall mit den aktuellen Interessen des jungen Dichters Goethe kurz; was später in der literarischen Registratur unter »Sturm und Drang« abgeheftet wurde, hat hier seine vitale Quelle. Eine Heldengestalt, die sich fern der höfischen Regelmäßigkeit des Klassizismus wie eine Urgewalt ihre Bahn bricht und darin von der beim bewunderten Shake speare entliehenen Dramaturgie nicht gebremst wird. Was die Zeitgenossen als umstürzlerische Neuheit sofort wahrnahmen, veränderte sich unter der Last deutscher Geschichte zunehmend, denn im Zuge allmählicher reaktionärer Verfinsterung trat dem treuen, aufrechten, »deutschen« Götz zunehmend deutlicher die (art-)fremde, moderne, »westliche«, verweichlichte, intrigante Zivilisation gegenüber, eine Lesart, die nach 1945 dem Bühnengötz das Leben schwer machte. Heinrich George dampfte überall.

 

Und heute? Ein tschechischer Regisseur ist es, der mit dem Blick von außen auf deutsche Verhältnisse schaut und seine deutsche Trilogie – Kleists »Hermannsschlacht«, Schillers »Kabale und Liebe«, Büchners »Dantons Tod« – mittels eines Satyrspiels zur Tetralogie erweitert. Der taumelnde Held.

 

Regie und Bühne Dušan David Parizek

Kostüme Kamila Polívková

Dramaturgie Michael Propfe

Licht Annette Ter Meulen

 

Mit Ute Hannig, Lukas Holzhausen, Markus John, Janning Kahnert, Hedi Kriegeskotte, Julia Nachtmann, Michael Prelle, Aleksandar Radenković

 

Weitere Termine:

22.11.2010, 20:00 Uhr

27.11.2010, 20:00 Uhr

06.12.2010, 20:00 Uhr

16.12.2010, 20:00 Uhr

29.12.2010, 20:00 Uhr

05.01.2011, 20:00 Uhr

 

[e]

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 14 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

Liebesbande

Hinter tropischen Blumen befindet sich ein luxuriöses Anwesen mit Stahlträgern in offener Bauweise im Stil von Mies van der Rohes Barcelona Pavillon. Die Einrichtung ist im angesagten Midcentury…

Von: Dagmar Kurtz

Ein Hauch von Sehnsucht

Raimund Hoghes letztes Stück „Lettere amoroso“ handelte von Flucht und den sehnsuchtsvollen Briefen, die die Geflohenen schrieben. So weckt das Wort „Vietnam“ im Titel des neuen Stückes "Postcards…

Von: Dagmar Kurtz

Liebe in Zeiten des Krieges

In Großbritannien findet ein Bürgerkrieg statt: die Puritaner unter Oliver Cromwell kämpfen gegen die katholischen Royalisten. Das private Glück ist in Gefahr.  

Von: Dagmar Kurtz

Der Überfall

Gerade ist man noch fröhlich herumgehopst, da, eine heftige Attacke, und schon streckt es einen nieder. Ein Virus oder ein Bakterium hat seinen Weg in den Körper gefunden. Nun werden alle Kräfte…

Wir müssen‘s wohl leiden

Wie die ursprünglichen revolutionären Ansprüche nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die die Abschaffung der Sklaverei, die Gleichberechtigung der Frauen, die Entmachtung des Adels beinhaltet,…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

Folgen Sie uns auf:

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑