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"Professor Bernhardi" von Arthur Schnitzler im Staatstheater Nürnberg

Premiere Samstag, 16.12.2006 19:30 Uhr im Schauspielhaus.

In einer Wiener Privatklinik liegt eine Patientin im Sterben. Vor dem Krankenzimmer kommt es zu einer folgenschweren Konfrontation zwischen Arzt und Priester.

Im Interesse der Patientin verweigert Professor Bernhardi dem Pfarrer Franz Reder den Zutritt. Die Patientin stirbt, ohne die heiligen Sakramente erhalten zu haben. Was die einen als die humanitäre Pfl icht des Arztes verstehen, ist für andere eine bewusste Verletzung von religiösen Gefühlen. Schnell wird aus dem Zwischenfall ein Politikum und eine Skandalgeschichte, die weite Kreise zieht und an deren vorläufi gem Ende Professor Bernhardi zu zwei Monaten Haftstrafe wegen „Religionsstörung“ verurteilt wird.

Arthur Schnitzler, feinsinniger Beobachter und scharfer Kritiker der Wiener Gesellschaft im frühen 20. Jahrhundert, entlarvt einen nur zur Schau getragenen Liberalismus, hinter dem religiöse Ressentiments und Antisemitismus ihren fruchtbaren Boden finden. Der äußerst angesehene und erfolgreiche jüdische Arzt Bernhardi wird hier zum Bauernopfer, seine Verurteilung soll der christlichen Bevölkerung Genugtuung verschaffen.

„Professor Bernhardi“ wurde 1913 von den Zensurbehörden verboten und kam erst 1920 zur Uraufführung. Zwar ist der Fall frei erfunden, Bezüge lassen sich aber zweifellos zu den Anfeindungen und Kränkungen finden, die Schnitzlers Vater als Gründer und Direktor einer Wiener Poliklinik erfahren hat. Das Stück, das
Schnitzler als Komödie untertitelt, hat ein imponierendes Personal: Rund zwanzig Figuren bietet der Autor auf. Er zeigt bis heute höchst brisante und äußerst aktuelle Macht- und Politikmechanismen auf und man fragt sich, was vor dem Hintergrund des „Karikaturenstreits“ ein muslimischer Arzt in einem Krankenhaus heute in einem solchen Fall zu erwarten hätte?

Arthur Schnitzler (1862-1931), einer der bedeutendsten österreichischen Autoren des 20. Jahrhunderts, provozierte durch seine kompromisslosen Darstellungen immer wieder Anfeindungen und Konflikte mit der Zensurbehörde. Man warf ihm Pornographie („Der Reigen“) oder Verletzung des militärischen Ehrenkodex („Leutnant Gustl“) vor. Er gilt als literarisches Pendant von Sigmund Freud, da seine Erzähltechnik auf neue Weise das Unterbewusstsein seiner Figuren zum Vorschein brachte.

Regie: Stefan Otteni
• Bühne: Peter Scior
• Kostüme: Sonja Albartus
• Dramaturgie: Maren Zimmermann

Tagesaktuelle Besetzung: Frank Damerius (Dr. Bernhardi), Heimo Essl (Dr. Ebenwald), Pius Maria Cüppers (Dr. Cyprian/Dr. Goldenthal), Stefan Lorch (Dr. Pflugfelder/Dr. Löwenstein), Michael Nowack (Dr. Tugendvetter), Thomas Klenk (Dr. Filitz/Dr. Schreimann), Jan Ole Sroka (Dr. Adler), Constantin Lücke (Dr. Kurt Pflugfelder/Dr. Oskar Bernhardi), Hartmut Neuber (Dr. Wenger), Thomas L. Dietz (Hochproitzpointner), Jochen Kuhl (Professor Dr. Flint), Thomas Nunner (Franz Reder, Pfarrer), Johan Heß (Assistent/Hofrat Dr. Winkler), Beatrice Zuber (Souffleuse/Ludmilla)

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