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Theater Biel Solothurn: „Die Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill

Solothurn: 3. September 2011, 19.00 Uhr, Stadttheater

Biel: 16. September 2011, 19.30 Uhr, Stadttheater. -----

„Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“: Wer kennt ihn nicht, diesen provozierenden Satz. „Und der Haifisch der hat Zähne“: Wer kennt sie nicht, diese berühmte Moritat.

 

 

Erzählt wird vom Geschäftsmann Jonathan Peachum, der in London ein Bettlerunternehmen betreibt, und seinem Widersacher Mackie Messer, dem König der Verbrecher, der heimlich Peachums Tochter Polly heiratet und damit den Galgen riskiert.

 

Bertolt Brecht kritisiert in seiner „Dreigroschenoper“ die zweifelhaften Werte einer bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Er beschreibt diese als Haifischbecken, in dem nur überleben kann, wer sich ohne Skrupel durchzusetzen weiss. Die Uraufführung von 1928 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin wurde zu einem Grosserfolg, und das Werk avancierte bald zum erfolgreichsten deutschen Theaterstück des 20. Jahrhunderts. Bereits in der Spielzeit 1928/29 verzeichnete man weltweit über 200 verschiedene Inszenierungen mit insgesamt rund 4000 Aufführungen: Ein Jahrhundertrekord.

 

„Die Dreigroschenoper“ ist im Londoner Stadtteil Soho, dem heutigen Vergnügungsviertel, angesiedelt. Zum Zeitpunkt der Handlung, der viktorianischen Zeit im 18. Jahrhundert, wird Soho von Ganoven, Kriminellen und Prostituierten bevölkert. Im Stück selber ist keine Zeit angegeben; meist wird aber 1728, also das Entstehungsjahr der Vorlage, angenommen.

 

Die Handlung kreist um zwei zwielichtige Geschäftsleute: Jonathan Peachum, den Kopf der Londoner Bettelmafia, der Bettler erpresst und sie so ausstattet, dass sie das Mitleid der Passanten erregen, und den Gangsterboss Mackie Messer, der dank guten Beziehungen zum Polizeichef von London unbehelligt seinem Handwerk nachgehen kann.

 

Mackie Messer verführt die hübsche Polly, die Tochter von Peachum, und heiratet sie heimlich auf einer improvisierten Hochzeitsfeier. Mit dabei ist auch sein alter Kumpel Tiger-Brown, der inzwischen Polizeichef von London geworden ist.

 

Peachum drängt Polizeichef Brown, Mackie Messer festzunehmen. Er unterstreicht seine Forderung mit einer Drohung: Er will am Tag der Krönungsfeierlichkeiten, für deren Ablauf Tiger-Brown verantwortlich ist, alle seine Bettler auf die Strasse schicken, um die Feier zu stören. Die von Peachum bestochene Prostituierte Spelunkenjenny verrät Mackie Messers Versteck.

 

Doch Polizeichef Brown bringt es nicht übers Herz, seinen Freund, der ihm in der Armee einst das Leben gerettet hatte, an den Galgen zu bringen. Mackie wird aber erneut verhaftet, und diesmal sieht es wirklich schlecht für ihn aus. Doch kurz vor der Exekution durch den Galgen rettet ein Bote des Königs den Verurteilten: Die Königin lässt an ihrem Krönungstag Gnade vor Recht ergehen – und schenkt Mackie Messer obendrein einen Adelstitel, ein Schloss und eine lebenslange Rente.

 

Die „Dreigroschenoper“ ist nach der „Beggar's Opera“ von John Gay (1685-1732) aus dem Jahre 1728 entstanden. Brecht zielt auf die Entlarvung der korrupten Bourgeoisie. Auf der einen Seite erscheint der Bettlerkönig Peachum als Musterbeispiel eines Geschäftemanns, für den Not und Armut nichts anderes sind als Mittel zum Zweck; auf der anderen Seite entpuppt sich der skrupellose Verbrecher Mackie Messer als Prototyp bürgerlicher Solidität. Das Fazit des Stücks ist ernüchternd: Die grossen Verbrecher werden nie geschnappt, weil sie mit den Mächtigen unter einer Decke stecken.

 

Die Handlung des Stückes hat einen historischen Hintergrund. Im 18. Jahrhundert gab es in London eine gut organisierte Verbrecherbande, deren Anführer Jonathan Wild war. Die Bande hatte mehrere Abteilungen, die einerseits Diebstahl und Raub betrieben, andererseits den Opfern die Beute wieder zum Kauf anboten. Wild wurde 1725 hingerichtet. Diese Konstellation griff Gay für seine „Beggar’s Opera“ auf; Peachum ist in der Oper Jonathan Wild nachgestaltet.

 

Kurt Weill hat für das Stück passende Lieder komponiert, auch um die Theaterhandlung aufzulockern. Er mischte in seiner Musik Elemente aus Jazz und Tango, aus Blues und Jahrmarkts-Musik, und garnierte sie mit ironischen Seitenhieben auf Oper und Operette.

 

Brecht und Weill wollten gemeinsam eine neue Form des Musiktheaters entwickeln. Gemäss dem von Brecht erarbeiteten neuen Darstellungsprinzip des ‚epischen Theaters’ soll das Geschehen auf der Bühne dem Zuschauer nicht eine illusionäre Welt zeigen, sondern sie zur kritischen Reflexion über die gesellschaftlichen Zustände anregen.

 

„Die Dreigroschenoper“ suggeriert dem Publikum, dass auf dieser Welt nur das Unrecht überlebensfähig ist. Gezeigt wird mithin die Auflösung jeder menschlichen Ordnung. Das Ambiente des Stücks, in dem Bettler, Huren und Räuber auftreten, stellt die dunkle Seite der grossstädtischen Welt dar. Auf die Bühne gekommen ist das Stück zu einer Zeit, in der Massenarbeitslosigkeit und grassierende Inflation das Tagesgeschehen beherrschten.

 

„Die Dreigroschenoper“ ist keine Oper, aber auch kein normales Theaterstück. Es ist eine neue Form des epischen Theaters, ein Schauspiel mit hauptsächlich kommentierenden, gesellschaftskritischen Songeinlagen.

 

1933 wurde die „Dreigroschenoper“ von den Nazis verboten. Bis dahin war das Stück aber bereits in 18 Sprachen übersetzt und über 10’000 Mal an zahlreichen europäischen Bühnen aufgeführt worden. „Die Dreigroschenoper“ gilt auch heute noch als eines der wichtigsten Stücke der Deutschen Theatergeschichte.

 

„Die Dreigroschenoper“ ist mehrmals verfilmt worden; etwa 1931 von Georg Wilhelm Pabst mit einigen der Originaldarsteller der Bühnen-Uraufführung, und 1962 von Wolfgang Staudte mit Curd Jürgens als Mackie Messer, Hildegard Knef als Jenny und Gert Fröbe als Peachum.

 

Ein Stück mit Musik in einem Vorspiel und acht Bildern von Bertold Brecht

Nach John Gays „The Beggar’s Opera“ übersetzt aus dem Englischen von Elisabeth Hauptmann.

Musik von Kurt Weill

 

Inszenierung Katharina Rupp

Musikalische Leitung Andres Joho

Bühne und Kostüme Cornelia Brunn

Choreographie Teresa Rotemberg

 

Macheath Günter Baumann

Jonathan Jeremiah Peachum Mario Gremlich

Frau Peachum Barbara Grimm

Polly Peachum Margit Maria Bauer

Brown, Polizeichef Daniel Hajdu

Lucy Lea Whitcher*

Spelunkenjenny Katja Tippelt

Münzmatthias Jan-Philip Frank

Hakenfingerjakob Daniel Seniuk

Trauerweidenwalter Eric Förster

Sägerobert Matthias Schoch

Filch Luzian Hirzel*

Moritatensänger Eric Förster

Smith, Bettler Reto Portmann

Pastor Kimball, Konstabler, Bettler Franz Grimm

Konstabler, Bettler Sam Kuenti

Huren Milena Zaharieva Esposito, Tabitha Frehner,

Andrea Renata Lehmann, Hanna Marti, Pia Sypniewski

 

*Studierende der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK

 

Orchester in Zusammenarbeit mit der Hochschule der Künste Bern HKB

Studienbereich: Swiss Jazz School

9 Musiker auf 22 Instrumenten

 

 

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