Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
BARTLEBY, DER SCHREIBER nach der Erzählung von Herman Melville im Schauspielhaus ZürichBARTLEBY, DER SCHREIBER nach der Erzählung von Herman Melville im...BARTLEBY, DER SCHREIBER...

BARTLEBY, DER SCHREIBER nach der Erzählung von Herman Melville im Schauspielhaus Zürich

Premiere: Freitag, 12.9.2014, 20.15 Uhr, Schiffbau/Box. -----

„I would prefer not to“ ging als der berühmteste Satz von Hermann Melvilles Protagonisten Bartleby nicht nur in die Literaturgeschichte ein, sondern findet sich in Form von bedruckten Kaffeetassen und Bleistiften auch in Büros und Amtsstuben heutiger Zeit wieder:

Als ein New Yorker Rechtsanwalt einen neuen Aktenkopisten sucht, erhält ein Schreiber namens Bartleby die Anstellung und zeigt sich bei der auch eintönigen, mechanischen Tätigkeit des Abschreibens zunächst fleissig und gewissenhaft. Jedoch beginnt er sich bald jeder anderen Tätigkeit

mit dem immer gleichen Satz „Ich möchte lieber nicht“, zu verweigern.

 

Die Geschichte des Leistungs- und Lebensverweigerers Bartleby spielt in einer New Yorker Anwaltskanzlei an der Wall Street des frühen 19. Jahrhunderts. Zunächst ist er als neuer Aktenkopist und Kollege der schrullig-verschrobenen Figuren Puter, Krabbe und Keks zwar schweigsam und zurückgezogen, aber äusserst fleissig. Zunehmend beantwortet er Aufträge jedoch mit dem immer gleichen Satz: „Ich möchte lieber nicht“ und scheint immer mehr in sich selbst zu versinken. Sein

völlig konsternierter Chef weiss sich nicht zu helfen und ist zugleich fasziniert von der Figur Bartleby. Als dieser sich schliesslich auch weigert, die Kanzlei zu verlassen, zieht er mit seinen anderen Mitarbeitern aus und lässt Bartleby im leeren Bürogebäude zurück.

 

Der berühmte Satz „I would prefer not to“ aus Herman Melvilles Erzählung wirkt zunächst wie ein natürlicher Schutzmechanismus eines Individuums gegen den beruflichen und gesellschaftlichen Leistungsdruck, der in Zeiten von ständiger Verfügbarkeit und Burnouts auch für heute neue Bedeutung gewinnt. Zunehmend wird aus dem Widerständigen aber eine verlorene Figur, die nichts mehr recht zu tun weiss, als das Leben als Ganzes abzulehnen.

 

Herman Melvilles absurde Welt voller verspielter Verweise und sprachlicher Vieldeutigkeiten überträgt die Schweizer Regisseurin Mélanie Huber in einer musikalischen Bearbeitung auf die Bühne.

 

Mélanie Huber, geboren 1981 in Zürich, absolvierte das Filmstudium an der Zürcher Hochschule der Künste (Regie, Dramaturgie & Drehbuch). 2009 bis 2011 war sie Regieassistentin am Schauspielhaus Zürich, wo auch eigene Regiearbeiten entstanden: „Dunkel lockende Welt“ von Händl Klaus und „Die Radiofamilie“ nach Ingeborg Bachmann (2014 eingeladen zum Festival „Radikal jung“ in München). 2012 inszenierte sie am Theater Stadelhofen in Zürich „Kleist in Thun – Porträt des Künstlers als

verzweifelter Kleist“ von Robert Walser und am Schauspielhaus Wien den 2. Tag von Paul Claudels „Der Seidene Schuh“ in einer Bearbeitung von Jörg Albrecht mit dem Titel „Wo du nicht bist“. Ihre eigenwilligen Bearbeitungen und musikalischen Umsetzungen entwickelt Mélanie Huber

häufig mit dem Autor Stefan Teuwissen und dem Musiker Pascal Destraz. Von der Zeitschrift „Theater heute“ wurde sie 2011 für ihre Inszenierung „Dunkel lockende Welt“ und 2013 für ihre Inszenierung „Die Radiofamilie“ als Nachwuchskünstlerin des Jahres im Bereich Regie nominiert.

 

BARTLEBY, DER SCHREIBER

nach der Erzählung von Herman Melville

Stückfassung von Stephan Teuwissen

Regie Mélanie Huber

Bühne Nadia Schrader

Kostüme Ramona Müller

Musik Pascal Destraz

Licht Markus Keusch

Dramaturgie Karolin Trachte

 

Mit:

Ludwig Boettger

Fritz Fenne

Steffen Link

Ingo Ospelt

Pascal Destraz (Perkussion)

Fortunat Häfliger (Trompete)

 

Weitere Vorstellungen im Schiffbau/Box

15./ 17./ 19./ 24./ 26./ 29./ 30. September, jeweils 20.15 Uhr

Weitere Vorstellungen sind in Planung.

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 17 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

„GESCHÖPFE“ von Ben J. Riepe im Tanzhaus NRW in Düsseldorf

Auf der dunklen Bühne stehen Bäume und Sträucher in Kübeln, die als erstes von einem Performer verrückt werden. An der rechten Bühnenseite finden sich aufgehäuft Körperteile von Schaufensterpuppen,…

Von: Dagmar Kurtz

Ein stilles Solo

Ein Wesen in silbern schimmerndem, folienartigem Gewand, der ganze Körper von Kopf bis Fuß verhüllt, bewegt sich aus dem Dunkel auf die Bühne. Es herrscht Stille und das Wesen erkundet langsam, fast…

Von: Dagmar Kurtz

"A First Date, Episode 1" in der Deutschen Oper am Rhein

Ein bisschen aufregend ist es schon: das erste Date. Vorfreude und Unsicherheit mischen sich mit unspezifischen Erwartungen. Wird es gut ablaufen? Folgen Erleichterung oder Enttäuschung?  

Von: Dagmar Kurtz

Liebesbande

Hinter tropischen Blumen befindet sich ein luxuriöses Anwesen mit Stahlträgern in offener Bauweise im Stil von Mies van der Rohes Barcelona Pavillon. Die Einrichtung ist im angesagten Midcentury…

Von: Dagmar Kurtz

Ein Hauch von Sehnsucht

Raimund Hoghes letztes Stück „Lettere amoroso“ handelte von Flucht und den sehnsuchtsvollen Briefen, die die Geflohenen schrieben. So weckt das Wort „Vietnam“ im Titel des neuen Stückes "Postcards…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

Folgen Sie uns auf:

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑