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Berliner Theatertreffen 2012: Die Auswahl

Rund 430 Inszenierungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden in den vergangenen Monaten von der Theatertreffen-Jury gesichtet und diskutiert. Auf der Schlusssitzung am 16. Februar, haben die sieben Theaterkritikerinnen und -kritiker ihre Auswahl der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der letzten Saison getroffen. Am Freitag, den 4. Mai 2012, wird das Theatertreffen 2012 im Haus der Berliner Festspiele eröffnet.

 

Die zehn ausgewählten Inszenierungen für das Theatertreffen 2012 sind:

 

-- „Before Your Very Eyes“ von Gob Squad. Gob Squad / Campo, Gent / Hebbel am Ufer, Berlin u.a.

-- „Faust I+II“ von Johann Wolfgang von Goethe. Regie Nicolas Stemann. Salzburger Festspiele /Thalia

Theater, Hamburg

-- „Gesäubert / Gier / 4.48 Psychose“ von Sarah Kane. Regie Johan Simons. Münchner Kammerspiele

-- „Hate Radio“ von Milo Rau. International Institute of Political Murder, Berlin, Zürich / Hebbel am Ufer,

Berlin u.a.

-- „John Gabriel Borkman“ von Henrik Ibsen. Regie Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin / Nordwind Platform und Festival u.a.

-- „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“von René Pollesch. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-

Platz, Berlin

-- „Macbeth“ von William Shakespeare. Regie Karin Henkel. Münchner Kammerspiele

-- „Platonov“ von Anton Čechov. Regie Alvis Hermanis. Burgtheater, Wien

-- „Die [s]panische Fliege“ von Franz Arnold und Ernst Bach. Regie Herbert Fritsch. Volksbühne am

Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

-- „Ein Volksfeind“ von Henrik Ibsen. Regie Lukas Langhoff. Theater Bonn

 

Zur Jury gehören in diesem Jahr die Theaterkritikerinnen und -kritiker Vasco Boenisch, Anke Dürr, Ulrike Kahle-Steinweh, Ellinor Landmann, Christoph Leibold, Christine Wahl und Franz Wille.

 

Für Yvonne Büdenhölzer, neue Leiterin des Theatertreffens, beweist die Auswahl die Vielfalt der deutschsprachigen Bühnenlandschaft: „Das Theatertreffen 2012 ist ein Festival der Neuzugänge und Extrempositionen. Mit den Regisseuren Milo Rau, Alvis Hermanis und Lukas Langhoff sowie dem deutsch-norwegischen Regiekollektiv Ida Müller / Vegard Vinge / Trond Reinholdtsen und der Performancegruppe Gob Squad geben viel diskutierte Künstler ihr Theatertreffen-Debüt, die mit ihren künstlerischen Handschriften die aktuelle Theaterlandschaft prägen. Sie alle stellen auf jeweils eigene Art Fragen nach Beteiligung und Rezeptionshaltung: So untersucht Milo Rau mit seinem verstörenden Reenactment Ursachen des ruandischen Völkermords, Alvis Hermanis schafft hypernaturalistische Welten hinter der vierten Wand und Müller / Vinge / Reinholdtsen zeigen in ihrer zehnstündigen Ibsen-Saga einen radikal-exzessiven Zugriff auf John Gabriel Borkman.“

 

Ein vielfältiges Programm mit Diskussionen, Preisverleihungen, Konzerten und Partys begleitet die zehn ausgewählten Inszenierungen. Die Förderung von Nachwuchskünstlern ist ein Hauptanliegen des Theatertreffens: Stückemarkt, Internationales Forum und Theatertreffen-Blog sind bewährte Plattformen des Austauschs und der Vernetzung für Theatermacher aus dem In- und Ausland. Die meisten Veranstaltungen der Fachmesse, wie Podiumsdiskussionen mit Künstlern und Experten, sind (nach Anmeldung) öffentlich.

 

Zum ersten Mal geht das Theatertreffen-Blog sowie die neue Blogger-Redaktion bereits mit der Jury-Verkündung online und lädt schon vor dem Festivalbeginn zum Diskutieren ein: www.theatertreffen-blog.de.

 

Die Zusammenarbeit mit 3sat geht in ihr 17. Jahr. Ausgewählte Inszenierungen werden im Mai auf 3sat ausgestrahlt und in Form eines Public Viewing auf der Großbildleinwand im Sony Center am Potsdamer Platz gezeigt.

 

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Die zehn ausgewählten Inszenierungen:

 

„Before Your Very Eyes“ von Gob Squad. Gob Squad / Campo, Gent / Hebbel am Ufer, Berlin / FFT, Düsseldorf / Noorderzon, Grand Theatre, Groningen / Next Festival / Eurometropole Lille-Kortrijk-Tournai+Valenciennes / Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt / La Bâtie-Festival de Genève. Uraufführung Berlin 28. April 2011

Sieben Leben im Fast Forward. Sieben Kinder an der Schwelle zur Pubertät in einem Glascontainer werden mit Videointerviews von sich selbst konfrontiert, aufgenommen, als sie noch zwei Jahre jünger waren. Was damals wichtig war – der kuschelige Stoffeisbär etwa –, ist heute uninteressant. Was einst unvorstellbar schien – Rauchen –, ist nun gelebte Erfahrung. Wie schnell sich ein Leben verändert. Von da ab geht es mit Kostümen und Zeitsprüngen in die Zukunft, von der Gothic-Jugend über die Midlifecrisis bis zum Senioren-Turnen und in den Tod. Aus dem Potential der Kindheit („Ich kann dies und jenes…“) wird der Konjunktiv des Erwachsenenalters („Ich hätte dies oder jenes machen können“). Entscheidungen wurden getroffen, Chancen vergeben. Dabei ist es eine gezielte Gemeinheit, dass das Performer-Kollektiv Gob Squad Kinder ins Spiel des Lebens schickt, voll großer Erwartungen, noch ohne Vorstellung von den unvermeidlichen Ernüchterungen. Zugleich gewinnen die letzten Dinge aus ihrer Perspektive spielerische Leichtigkeit. Das Leben wäre furchtbar traurig, wenn es nicht so ungemein komisch wäre.

 

„Faust I+II“ von Johann Wolfgang von Goethe. Regie Nicolas Stemann. Thalia Theater, Hamburg / Salzburger Festspiele. Premiere Salzburg 28. Juli 2011 / Premiere Hamburg 30. September 2011

So konzentriert und opulenzarm ging es in Fausts Studierstube selten zu: Die erste Stunde des Dramas klopft der Schauspieler Sebastian Rudolph in einer Art Goethe-Labor im Alleingang ab. Zueignung, Vorspiel auf dem Theater, Osterspaziergang – alles ersteht aus einem einzigen grandiosen inneren Monolog, der keinen gedanklichen Kontext und keine moderne Kulturtechnik auslässt. Nicolas Stemann geht es in seinem neunstündigen Faust-Marathon nicht um Illustration, sondern um eine dezidierte Text-Befragung – und zwar mit allen Ingredienzien des postdramatischen Theaters. Statt festgelegter Rollen gibt es sechs Schauspieler/innen, die bei ihrer so klugen wie unterhaltsamen Dramen-Durchquerung gleichermaßen Faustische, Mephistophelische oder hellenische Anteile entdecken. Im ersten Teil bewusst reduziert, im zweiten expressiv bis zur Party-Stimmung, untersuchen sie, welche Motive heute überhaupt noch brauchbar erscheinen; dünnen hier aus, entdecken da zeitgeistige Vorgarten-Ehe-Höllen und lagern schließlich dort – zum Beispiel mithilfe von Leinwänden herabdozierender „Faust“-Exegeten – Sekundärdiskurse bzw. Metaebenen an. Und allerspätestens, wenn ein Greis im schönsten Wiener Dialekt retrospektiv von seiner genialsten Erfindung – dem postdramatischen Theater – schwärmt, bevor ihm eine Krankenschwester einen Einlauf macht, ist klar: Diese Inszenierung, die sich so lässig über sich selbst lustig machen kann, stellt gleichzeitig immer auch ihre Mittel – mithin ihre eigene Vorläufigkeit – zur Disposition und dringt damit denkbar unverkrampft zu den neuralgischen Punkten des Mediums schlechthin vor.

 

„Gesäubert / Gier / 4.48 Psychose“ von Sarah Kane. Regie Johan Simons. Münchner Kammerspiele. Premiere 21. Januar 2012

Kindlich, witzig, schön – das sind nicht die Assoziationen, die einem zuerst einfallen bei den folterblutigen, zornig zerklüfteten und todtraurigen Stücken von Sarah Kane, der Schmerzensikone der modernen Dramatik. Dreizehn Jahre nach ihrem Freitod wagt Johan Simons ein bemerkenswertes Neu-Arrangement. Er steckt die Amputationsexzesse aus „Gesäubert“ ins Schnipp-Schnapp-Struwwelpeter-Kostüm einer infantilen Therapiegruppe, deren unschuldige Grausamkeit grundsätzlicher an unser Menschenbild rührt als alle 90er-Jahre-Dystopie mit Gruselkliniken und Rattengosse. Er dirigiert das identitätsverlorene Erinnerungsfetzenquartett „Gier“ zum stupenden Sprachkonzert, das Kane als subtile Situationskomikerin entdeckt. Und er veredelt den suizidalen Fiebertraum „4.48 Psychose“ zu einer elegischen Solosymphonie mit Kammersextett, in der das lyrische Ich – in Person der brillanten Schauspieler Thomas Schmauser und Sandra Hüller – unsentimental Œuvre und Ängste rekapituliert, bis alle gängigen Zuordnungen von Patient und Therapeut zerfallen. Opfer, Täter, Zuschauer – der Kane’sche Dreiklang umschmeichelt das Publikum in Johan Simons’ Trilogie auf kunstfertige Weise völlig neu. Er emanzipiert die Literatin von der Leidenden – nachhaltig.

 

„Hate Radio“ von Milo Rau. International Institute of Political Murder, Berlin/Zürich / Kigali Genocide Memorial Centre / Hebbel am Ufer, Berlin / Migros-Kulturprozent, Schweiz / Kunsthaus Bregenz / Schlachthaus Theater Bern / Beursschouwburg, Brüssel / Migros Museum für Gegenwartskunst Zürich / Kaserne Basel / Südpol Luzern / Verbrecher Verlag Berlin / Ishyo Arts Centre Kigali. Premiere Berlin 1. Dezember 2011

Ein Blick zurück auf den Völkermord. „Hate Radio“ ist ein Reenactment einer guten Stunde aus dem Sendestudio des kigalesischen Radiosenders RTLM während des Genozids an den Tutsi im April 1994. Nette Moderatoren, cooles Musikradio, dazwischen muntere Ansagen inklusive rassistischer Mordaufrufe. Alles ganz entspannt und hochauthentisch nachgespielt nach Originalquellen, Interviews und Gerichtsprotokollen von fünf ruandisch/belgischen Schauspielern. Davor und danach kurze Statements von Opfern und Tätern, aber garantiert unpädagogisch und ohne VHS-Informationsanspruch. Wie überbrückt man den Abstand vom Heute in die noch junge Vergangenheit? Am besten gar nicht. Das International Institute of Political Murder macht ihn stattdessen produktiv. Milo Raus radikaler historischer Illusionismus verführt die Zuschauer gerade nicht, sich in die Köpfe der damaligen Täter und Opfer einzufühlen oder hineinzuverstehen wie in einen alten russischen Roman. Die Distanz bleibt bewahrt. Die historische Theaterinstallation sucht im Gegenteil die Konfrontation: Die Gegenüberstellung einer hinter Glas wie im Terrarium aufbereiteten Rekonstruktion mit heutigen Zuschauern. Dabei kann sich jeder im Publikum die entscheidende Frage selbst beantworten: Wie hätte man wohl damals reagiert auf den geballten Charme des Genozids?

 

„John Gabriel Borkman“ von Henrik Ibsen. Regie Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin / Nordwind Platform und Festival / Norsk Kulturråd. Premiere 27. Oktober 2011

Vegard Vinges und Ida Müllers Parforceritt durch „John Gabriel Borkman“ ist die passionierteste Selbstverausgabungssession der Theatersaison. Ungewöhnlich genug, dass sich Akteure und Publikum hier bestens gelaunt mit Requisiten duellieren! Aber die Pappmaché-Steine sind bei weitem nicht das Radikalste, was im Laufe dieses bis zu zwölf Stunden dauernden Ibsen-Marathons durch die vierte Wand fliegt. Um die theatralen Grundfragen – Repräsentation, Darstellbarkeit, Fake, dramatische Masterpläne und ihre performative Durchkreuzung – neu auszuloten, überschreiten Vinge und sein Team alle theaterüblichen Schmerzgrenzen und stoßen sich dabei durchdacht von einem hyperkünstlichen Szenario ab. Eher der Gleichförmigkeitsdramaturgie aktueller Computerspiele als der Poetik des Aristoteles folgend, bewegen sich die weiß maskierten Akteure wie Avatare durch ein komplexes Pappmaché-Kunstwerk zwischen Geisterbahn, Rocky Horror Picture Show und Augsburger Puppenkiste auf Speed. Ibsens Text schnurrt auf wenige, mit elektronischem Stimmenverzerrer gesprochene und loopartig wiederholte Kernsätze zusammen: Vinge und Müller übersetzen das psychologische Drama um den straffällig gewordenen Banker in einen Horrortrip der frei laufenden Symptome, der – auch in Reaktion auf Borkmans Gesellschaftsvisionen – keine Gewaltfantasie des 20. und 21. Jahrhunderts auslässt. Statt die Neurosen und Verdrängungen verbal auszubuchstabieren, werden sie in einer genial trügerischen Kinderzimmertheaterwelt physisch ausagiert; und zwar jeden Abend anders. So hat man Ibsen noch nie gesehen.

 

„Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“ von René Pollesch. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin. Uraufführung 18. Januar 2012

„Kill your Darlings“ stützt sich auf das flexibelste Netzwerk der Theatersaison: Ein Bewegungschor junger Berliner Turnerinnen, den der Solo-Akteur Fabian Hinrichs grinsend als „Chor der Kapitalisten“ vorstellt, weiß jedweden Ausstiegsversuch feinakrobatisch zu vereiteln.

Nicht nur klug, sondern auch bestechend lässig stößt sich René Pollesch von Bertolt Brechts „Fatzer“-Fragment ab und deutet das extrem störanfällige Verhältnis des Individuums zum Kollektiv unter heutigen Vorzeichen um. So prägnant und gleichzeitig ebenenreich kam noch keiner vom „Untergang des Egoisten Fatzer“ zum unmöglichen Abgang des Individualisten Hinrichs. Denn Brechts Arbeiterchor- und Klassenkampf-Rhetorik mitsamt ihren Ausläufern ins Gegenwartstheater ist nur eine mögliche Folie, auf der man den komplexen Abend lesen kann. Auf einer zweiten, einer visuellen Ebene, setzen sich klassische szenische Zitate zu einer Art Retrospektive theatraler Repräsentations- und Revolutionsanstrengungen schlechthin zusammen. Auf einer dritten Ebene packt uns Pollesch bei unserem ausschließlichen Liebesbegehren, und auf einer vierten seilt sich der grandiose Fabian Hinrichs, der dem Pollesch-Sound völlig neue Töne abgewinnt, diskursfit vom Schnürboden ab. Dass der Netzwerksport bei aller Metaebenen-Akrobatik auch noch zuverlässig als Antidepressivum wirkt, ist zwar keinesfalls politisch korrekt. Aber es ist großartig.

 

„Macbeth“ von William Shakespeare. Regie Karin Henkel. Münchner Kammerspiele. Premiere 18. Juni 2011

Karin Henkel macht die Unsicherheit zum Prinzip. Nur Jana Schulz darf allein Macbeth spielen, die vier weiteren Schauspieler teilen sich den Rest des Personals. Und zwar so, dass es zumindest nach landläufigen ethischen Gesichtspunkten möglichst wenig zusammenpasst. Aus dem vordergründigen Gut und Böse des Stücks werden moralische Kippfiguren, jederzeit umsturzgefährdet. Und Jana Schulz lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, welche Anstrengung es für den glücklich überlebenden Kriegsheimkehrer Macbeth bedeutet, Denken und Fühlen noch zu einer halbwegs funktionierenden Einheit zusammenzubringen. Sie zeigt ein von ein paar angestrengten Männer-Posen zusammengehaltenes Schlotterbündel, dem das Hauen und Morden der Schlachten so tief unter die Haut gefahren ist, dass jedes sichere Selbstgefühl verdampft. Nach knapp zwei pausenlosen Stunden ist ein anderer „Macbeth“ erzählt als das übliche Schurkenstück: nämlich eine schrille Moritat von traumatisierten Kriegern, denen jeder moralische Kompass abhanden gekommen ist und denen man daraus nicht einmal einen Vorwurf machen kann.

 

„Platonov“ von Anton Čechov. Regie Alvis Hermanis. Burgtheater, Wien. Premiere 7. Mai 2011

Fast hat man das Gefühl, in einen Big-Brother-Container zu blicken – trügen die Schauspieler nicht Gehröcke, steife Hemdkrägen und gestärkte Blusen. Hatten Generationen von Theatermachern ihren ganzen Ehrgeiz darauf verwendet, die unsichtbare vierte Wand einzureißen, stellt Alvis Hermanis sie wieder auf – in einer vielleicht noch nie dagewesenen Radikalität. Wie eingesperrt hinter Glas, ersteht so in detailverliebter Ausstattung, scheinbar zufälligen, dabei virtuos choreografierten Gesellschaftstableaus, großen Schauspielermomenten und perfekter Lichtstimmung die längst versunkene Welt eines finanziell wie moralisch heruntergekommenen russischen Landadels aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert - mit dem zynischen Dorfschullehrer Platonov, der die leere Mitte dieser Gesellschaft besetzt hält. Mitleidlos und mitreißend ist diese Inszenierung, kühl der Blick von Alvis Hermanis auf Čechovs verlorene Seelen, der den Zuschauer gleichermaßen auf Distanz hält und mit hineinversetzt in eine ferne Welt und Zeit.

 

„Die [s]panische Fliege“ von Franz Arnold und Ernst Bach. Regie Herbert Fritsch. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin. Premiere 29. Juni 2011

Da tobt Frank Castorfs alter Panzerkreuzer am Rosa-Luxemburg-Platz vor Vergnügen! Bürgerlichstes Unterhaltungstheater von Arnold und Bach mit dem großartig gesellschaftskritischen Titel „Die spanische Fliege“. Und was gibt’s zu sehen? Wilhelminischen Wohlstandsindividualismus in schönster Blüte: vollmechanische Bürgerpuppen, die nur an Geld und Sex denken, hinter ehrbarsten Anständigkeitsfassaden. Leute, die immer über Gefühl und Liebe reden, sich dabei aber benehmen wie Roboter. Vertrauenserweckende Charakterdarsteller, die sich gegenseitig jeden Betrug und jede Niederträchtigkeit der Welt zutrauen. Deformierte Seelenfreaks, die miteinander die allergeschmacklosesten und brutalsten Scherze treiben. Und das Publikum jubelt in seligem Einverständnis. Herbert Fritsch hat den Nerv der Hauptstadt getroffen.

 

„Ein Volksfeind“ von Henrik Ibsen. Regie Lukas Langhoff. Theater Bonn. Premiere 16. September 2011

Kaum hat Falilou Seck im glitzernden Entertainer-Frack ein paar müde Anbiederungen ins Publikum geschlenzt, da vergeht ihm die Lust. Der dunkelhäutige Schauspieler mit der Afro-Krause leiht sich ein paar knappe Verse aus Heiner Müllers „Landschaft mit Argonauten“, die Ibsen ins Heute kippen. Sein „Volksfeind“ hat Migrationshintergrund, scheint bestens assimiliert und bleibt trotzdem ein unberechenbarer Fremdkörper im biederen Städtchen. Lukas Langhoff setzt knappe, scharfe Schlaglichter. Der beflissene Stockmann, wie er die Stadthonoratioren daheim devot zum Rotwein empfängt, während seine anspruchsvolle Gattin hinterrücks den Bürgermeister knutscht. Die berufsfröhliche Tochter Petra, eine Lehrerin, deren pädagogischer Eros aus eisern durchgedrücktem Kreuz und ins Gesicht gefrorenem Optimismus besteht. Die Herren der Stadt, schmierige 70er-Jahre-Gespenster, eiserne Interessenvertreter ihrer selbst und Sachwalter einer stehengebliebenen Zeit. Dazwischen Stockmann, der es jedem recht machen will und von allen wie ein gutmütiges Haustier behandelt wird. Dabei ist dieser Volksfeind moralisch auch nicht respektabler als die anderen. Der biedere Badearzt sonnt sich in peinlichen Träumereien von allgemeiner Anerkennung und glüht vor süßlicher Bescheidenheit. Diesem Wahrheitssucher geht es auch nur um sich selbst.

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.berlinerfestspiele.de

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