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CARMEN von Georges Bizet im Salzburger Landestheater

Premiere: 24.02.2007 um 19 Uhr im Haus für Mozart.

 

 

CARMEN in Salzburg ist radikale Reduktion der Handlung auf den Kern der Geschichte, ist veristisches Kammerspiel. Nichts Äußerliches, nichts eigentlich nicht zur Handlung Gehörende soll von den seelischen Konflikten der vier Protagonisten ablenken.

Keine Folklore also, kein Lokalkolorit: Der zentrale Konflikt des Stückes ist raum- und zeitlos, alles kann sich zu jeder Zeit und überall ereignen. Die Stierkampfarena, die Stätte des Kampfes wird Symbolraum der Handlung, in dem die Protagonisten ihren Kampf auf Leben und Tod austragen.

 
Und wer sind die Protagonisten?

Escamillo, der selbstgefällige Stierkämpfer, ist der Vertreter einer Männergesellschaft (Furchtlosigkeit, Stärke, Disziplin, Kraft zum Töten), in der die Rolle der Frau Unterwerfung und Bewunderung des Helden (und dessen Lustobjekt) ist. Michaela, die Naive, ist Opfer der Männergesellschaft. Weit davon entfernt, die ihr aufgezwungene Rolle zu erkennen, träumt sie vom kleinen, vom kleinbürgerlichen Glück mit Versorgungsanspruch. Don Jose, der Außenseiter zwischen Pflicht und Neigung, gerät zwischen die Fronten von bürgerlicher Konvention und der Faszination freier Liebe, absoluter Freiheit. Im alles entscheidenden Moment siegen seine patriarchalischen Herrschaftsphantasien: seine kleinbürgerlichen Besitzansprüche, die er mit Liebe verwechselt, reißen ihn (und alle mit ihm) ins Verderben.

 
Und wer ist Carmen? Sie ist weder Femme Fatale, noch Hure. Carmen ist anders. Ihr Kennzeichen ist der Anspruch auf absolute Freiheit. Sie will nicht Objekt sein, sondern Subjekt, nicht ausgewählt werden, sondern auswählen. Auch in der Liebe. Liebe ist für sie uneingeschränkte Freiheit der Gefühle ohne beengende Konvention, moralischen Bindung oder Besitzanspruch. Liebe existiert nur im Hier und Jetzt, nicht im Morgen oder Übermorgen. Damit verletzt sie die männliche Ordnung der Männergesellschaft, in der sie lebt – und erkennt, dass sie in ihr nicht leben, nicht frei atmen kann. Ihr Anderssein in einer Gesellschaft, die dies nicht akzeptieren, nicht zulassen kann und darf, ohne sich selbst in Frage stellen zu müssen, treibt sie in den Tod. So ist das Thema ins Allgemeine, Zeitlose gewendet: CARMEN ist die Tragödie einer Frau, die in einer Männergesellschaft ein freies, selbst bestimmtes Leben führen will, an diesem Versuch scheitert und den Freitod wählt, weil sie erkennen muss, dass nur im Tod die absolute Freiheit ist. Der Tod ist die einzige Instanz, die diese Frau akzeptiert, ihm unterwirft sie sich, er darf Besitzansprüche an sie stellen. Er ist ihr Schicksal.
Ola Rudner

 

 

Musikalische Leitung : Ola Rudner

Inszenierung: Ulrich Peters

Ausstattung: Christian Floeren

Choreinstudierung: Karl Kamper

Dramaturgie: Michael A. Sauter

Musikalische Einstudierung/Dirigat: Kai Röhrig

 
Don José: Jorge Perdigon

Escamillo: Dario Solari

Remendado: Franz Supper

Dancairo: Juan Carlos Navarro

Zuniga: Krysztof Borysiewicz

Moralès: Rainer Brandstetter

Carmen: Andrea Meláth

Micaéla: Francesca Sassu (Premiere) / Nina Berten

Frasquita: Erin McMahon / Hege Gustava Tjønn

Mercédès: Astrid Hofer

 Chor, Extrachor und Kinderchor des Salzburger Landestheaters

Mozarteum Orchester Salzburg

 

 

 

 

 

 

 

 


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