HomeBeiträge
GegensätzeGegensätzeGegensätze

Gegensätze

"Heisenberg " von Simon Stephens im Düsseldorfer Schauspielhaus

Copyright: Sebastian Hoppe

 

In Anlehnung an Heisenbergs "Unschärferelation", nach der sich Elektronen unbeobachtet anders verhalten als unter Beobachtung, unternimmt Simon Stephens in seinem Stück den Versuch, diese Theorie Heisenbergs auf das menschliche Miteinander anzuwenden.

 

Das Stück beginnt unmittelbar nachdem eine unerhörte Begebenheit stattgefunden hat: Georgie hat im Bahnhof den ihr bis dahin völlig fremden Alex auf den Nacken geküsst. Ihr ist es auch sofort furchtbar peinlich, und sie versucht, sich damit herauszureden, dass er sie an ihren verstorbenen Ehemann erinnere. Die Sache hat nur einen Haken: den Ehemann hat es nie gegeben. Georgie in glänzendem schwarzen Lackledermantel und buntem Rock mit Vasarely-Muster ist auch sonst sehr schrill, spontan, unermüdlich quasselnd, mit den Armen ihre Worte unterstreichend, aufdringlich, ständig in Bewegung, ganz Gefühl. Und sie ist sehr innovativ, was das Erfinden ihrer Lebensgeschichte betrifft. Alex ist das genaue Gegenteil: seit Jahrzehnten als Metzger am gleichen Ort ansässig, unscheinbar gekleidet, starre Gesten, glaubwürdig, zurückhaltend, fast scheu. Dass Gegensätze sich anziehen, ist ein gängiger Topos, nur über die Beständigkeit im Lauf des Alltags sagt er nichts.

 

Im Tempo einer Screwball comedy, aber anders als in dieser, - in der sich mehr oder weniger alles darum dreht, wie Frau sich einen Mann angelt (anhand witziger, geistreicher Repliken), und in der die Capricen der Frau und die Stoffeligkeit des Mannes nicht nur geduldet werden, sondern sogar erforderlich sind - zeigt Simon Stephens zwei Menschen, die unterschiedliche Strategien entwickelt haben, mit den Enttäuschungen des Lebens umzugehen. Hinter der Hyperaktivität von Georgie und der Zurückgezogenheit von Alex verbergen sich zwei Menschen in ihrer Verletzlichkeit und Einsamkeit. Wie sie zueinander finden, sich öffnen und eine Perspektive für die Zukunft entwickeln, zeigt Simon Stephens in diesem witzigen und zugleich anrührendem Stück. Und so kann es heißen: Gegensätze ergänzen sich. Und der Titel? Er spielt mit der Erwartungshaltung des Zuschauers und der Möglichkeit der Vorhersagbarkeit einer Entwicklung.

 

Das Bühnenbild bleibt zurückhaltend, nur zum Finale leistet Janina Audick sich ein wenig ironischen Zuckerguss mit einer kitschigen New York Kulisse. Das Düsseldorfer Schauspielhaus hat zwei Starschauspieler des deutschsprachigen Theaters und Films für "Heisenberg" engagiert: Caroline Peters als Georgie Burns und Burghart Klaußner als Alex Priest. Und hier erfüllt sich die Vorhersagbarkeit, denn beide spielen wie erwartet hervorragend. Lore Stefanek trifft in ihrer Inszenierung Ton und Tempo genau. Begeisterung beim Publikum.

 

Besetzung

Georgie Burns: Caroline Peters

Alex Priest: Burghart Klaußner

Junge: Benedikt Brogsitter / Joseph Herbert

 

Regie: Lore Stefanek

Bühne und Kostüme: Janina Audick

Musik: Primus Sitter

Video: Dario Stefanek

Licht: Jean-Mario Bessière

Dramaturgie: Felicitas Zürcher

 

Premiere am 21. Oktober 2016

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 14 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

Amerikanische Avantgarde

Mit gleich vier Stücken amerikanischer Choreographen der Moderne, die die amerikanische, aber auch die internationale…

Von: Dagmar Kurtz

Kein Ort. Nirgends.

Ein goldener Läufer, golden wie eine Rettungsdecke, nimmt die Mitte der Bühne ein. Im Hintergrund liegt ein Mensch in…

Von: Dagmar Kurtz

Ende einer Spaßgesellschaft

Eine reiche, leicht exzentrische Gesellschaft trifft sich in Hollywood zur Poolparty auf einem luxuriösem Anwesen. Sie…

Von: Dagmar Kurtz

Clubnacht

Die Bühne schwarz, der Bühnenboden mit dunkler Erde und Plastikbechern bedeckt. Eine Frau kommt aus dem Dunklen und…

Von: Dagmar Kurtz

Distanziert

Man hat sich fein gemacht für das Fest bei den Capulets, alles glänzt und glitzert, die Damen tragen weite Tellerröcke…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

Folgen Sie uns auf:

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

 

Hintergrundbild der Seite
Top ↑