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Giacomo Puccinis LA BOHÈME, Wuppertaler Bühnen

Premiere am 19. September 2010 im OPERNHAUS

 

„Bereichert Euch!“ lautet die Devise, der sich vier Pariser Bohémiens verschrieben haben.

Vom französischen Premierminister Guizot einst als zynisches Credo der Julimonarchie des ‚Bürgerkönigs‘ Louis Philippe formuliert, verstehen der Dichter Rodolfo, der Maler Marcello, der Musiker Schaunard und der Philosoph Colline die Parole heute allerdings nicht mehr in einem materiellen, sondern in

einem ideellen und emotionalen Sinne. In einer zumeist unbeheizten Mansarde dem eisigen Winter trotzend, versuchen sie, reich zu werden an inspirierenden Erfahrungen, an revolutionären Ideen und überwältigenden Empfindungen.

 

Trotz drängender, existentieller Armut unterwandern sie damit die von Arbeit, Erwerb und Sparsamkeit geprägte bürgerliche Ordnung: sie verschwenden und verausgaben sich für ihre Kunst und ihr Gefühlsleben. Im gleichen Zuge werden die bürgerlichen Moralvorstellungen von ihnen höchstens instrumentalisiert, um sie gegen die Doppelmoral der ‚besseren‘ Gesellschaft zu wenden, zumeist aber ignoriert. Das eigene Liebesleben ist folglich eher bestimmt von emotionaler Effizienz, einem Spiel von Angebot und Nachfrage.

 

Der aus dieser Haltung resultierende Lebensstil gerät ins Wanken, als am Heiligen Abend die an Tuberkulose erkrankte Näherin Mimì das Atelier der Künstler betritt und dort auf den allein zurückgebliebenen Rodolfo trifft. In ihrer absichts- und planvollen Suche nach einer bedingungslosen, romantischen Liebe zieht sie den Dichter sogleich in ihren Bann, überwältigt und überfordert ihn aber schon bald durch die Ernsthaftigkeit ihrer Gefühle. Doch bevor Krankheit und Tod ihr Leben für immer verändern, feiern die Künstler gemeinsam Weihnachten und das frisch verliebte Paar sein junges Glück, das durch ein förmliches Treueversprechen beinahe bürgerliche Weihen erhält.

 

Die Pforten des luxuriösen Café Momus inmitten des Quartier Latin bleiben den Freunden allerdings trotz eines plötzlichen Geldsegens, den sie Schaunards Geschick verdanken, verschlossen. Während die Wohlhabenden im Warmen tafeln, bleibt den Künstlern und dem Liebespaar nur ein Tisch draußen vor der Tür. Mit dem Auftritt von Musetta, der Geliebten Marcellos, entfaltet ein zweites Paar mit seinem wohleinstudierten Spiel von Verführung, Anziehung und Zurückweisung das Gegenmodell einer durch individuellen Freiheitsdrang charakterisierten Beziehung.

 

Schon bald aber überschattet Rodolfos Eifersucht das romantische Liebesglück, macht das Zusammenleben immer unerträglicher und führt schließlich im Morgengrauen eines klirrend kalten Februartages zur Trennung. Als Musetta wenig später während des Karnevals die schon vom Tode gezeichnete Mimì in die Mansarde zurückbringt, müssen sich die Künstler plötzlich und unvorbereitet der Unausweichlichkeit und Endgültigkeit eines tragisch frühen Lebensendes und Rodolfo damit vor allem dem eigenen Unvermögen stellen.

 

Puccini wusste seit dem großen Uraufführungserfolg seiner „Manon Lescaut“ genau, was er von einem guten Libretto erwartete: schlüssige, situativ-psychologische Vorgänge. Zu ihnen erfand er eine neuartige ‚musikalische Szenographie‘, die unterschiedliche Situationen kontrastreich gegenüberstellt

und bei der Text und Musik eine Einheit bilden. Puccini wurde damit zu einem anti-idealistischen ‚Realisten des Gefühls‘. Er stellt mikroskopisch genaue Untersuchungen über seine Figuren an, zeigt, wie sie sich verlieren in ihre Gefühle, Nöte und Sehnsüchte. Und da er Realist ist, ist er im besten Sinne

amoralisch. Er zeigt nur, was ist. Dies gilt nicht zuletzt für Mimìs Sterben in der Mansarde, am gleichen Ort, an dem der Zuschauer ihre erste Begegnung mit Rodolfo beobachtet hat. Ihr Tod ist, wie Puccini ihn komponiert: erschreckend fahl, verklingend, fast prosaisch. Ein Leben endet und der Tod adelt es nicht.

 

Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa nach Henri Murgers „Scènes de la vie de bohème“

 

Musikalische Leitung: Hilary Griffiths

Inszenierung: Jan David Schmitz

Bühne & Kostüme: Carolin Roider

Choreinstudierung: Jens Bingert

Dramaturgie: Ulrike Olbrich

 

Mitwirkende

Rodolfo: Iago Ramos //// Mimi: Sylvia Hamvasi / Banu Böke //// Marcello: Kay Stiefermann / Thomas Laske //// Musetta: Elena Fink / Dorothea Brandt //// Schaunard: Olaf Haye / Miljan Milović //// Colline: Michael Tews / Thomas Schobert //// Benoit / Alcindor: Aldo Tiziani //// Parpignol: Jung-Wook Kim //// Sergente / Doganiere: Javier Zapata Vera

 

Chor, Extrachor und Kinderchor der Wuppertaler Bühnen

Statisterie der Wuppertaler Bühnen

Sinfonieorchester Wuppertal

Studenten der Hochschule für Musik und Tanz Köln, Standort Wuppertal

 

Die nächsten Vorstellungen sind am 26. September sowie am 02. / 23. und 30. Oktober 2010

im OPERNHAUS.

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