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Landestheater Detmold: „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt

Premiere: Samstag, 30. August 2008, 19.30 Uhr, Stadttheater Herford

 

Die große Abrechnung: Mord. Mord aus Rache - Gewalt ist als Mittel der Konfliktlösung so alt wie die Menschheit selbst und kann dementsprechend auf eine lange Erzähltradition zurückblicken.

 

Und dabei liefert materielle Gier zwar oft den Grund für Gewalt, wird jedoch weit weniger akzeptiert als das archaisch blutrünstige Bedürfnis, sich für ein erlittenes Unrecht zu rächen. Nichts scheint das Verlassen gesellschaftlicher Übereinkünfte so leicht zu legitimieren wie das Motiv der Rache.

 

„Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird“, hieß es in Der Pate von Mario Puzo, als altes klingonisches Sprichwort in Star Trek 2, schließlich war der Spruch das Motto in Kill Bill.

 

Kill Ill könnte das Motto sein von Friedrich Dürrenmatts Stück „Der Besuch der alten Dame“, der einzig verbleibende Lebensantrieb für seine faszinierende Bühnenfigur Claire Zachanassian, denn gerade für sie ist Rache eine klar durchkalkulierte Angelegenheit, und serviert wird sie den Opfern mit eiskalter Berechnung.

 

Die kleine Stadt Güllen steht vor dem Bankrott. Letzte Hoffnung ist der Besuch von Claire Zachanassian, die als Multimillionärin an den Ort ihrer ersten Liebe zurückkehrt. Sie ist gekommen, um sich Gerechtigkeit zu verschaffen. Einst hat der junge Ill sie im Stich gelassen, als sie von ihm ein Kind erwartete. Vor Gericht hat er sie durch falsche Zeugen als Dirne verleumdet. Als Witwe des Ölmagnaten Zachanassian kehrt die Kläri Wäscher von damals nun zurück, um Rache zu nehmen, mit kastrierten Männern in ihrem Gefolge (die falschen Zeugen von einst). Ihre Bedingungen: Sie wird Güllen mit ihrem Reichtum sanieren, wenn ihr dafür Alfred Ill tot vor die Füße gelegt wird. Die ‚tragische Komödie` macht sichtbar, wie Verrat entsteht, wie Gerechtigkeit gekauft werden kann und der Mensch verführbar ist. Ill wird getötet, der Arzt stellt Herzschlag fest: „Tod aus Freude. Das Leben schreibt die schönsten Geschichten.“

 

Friedrich Dürrenmatt, der stets für ein Theater plädierte, das sich mit unserem Gemeinwesen kritisch auseinandersetzt oder zu einer solchen Auseinandersetzung anregt, zeigt in seiner tragischen Komödie „Der Besuch der alten Dame“ von 1956 menschliche Schwäche, menschliches Versagen nicht, um falsches Bewusstseins von einer höheren moralischen Warte aus zu entlarven. Er beschreibt sich als Einfühlender, als „Mitschuldiger“, der von diversen Formen kollektiver und einzelner Schuld - Täterschaft, Mitläufertum, Verdrängung erzählt, und damit, so Dürrenmatt selbst, „eine Geschichte, die sich irgendwo in Mitteleuropa in einer kleinen Stadt ereignet, geschrieben von einem, der sich von diesen Leuten durchaus nicht distanziert und der nicht so sicher ist, ob er anders handeln würde“.

 

Durch die präzise Beobachtung und Beschreibung kollektiver Mechanismen und seine Einfühlung in die Unzulänglichkeit, Gemeinheit und Verlogenheit, die niederen Beweggründe menschlichen Fühlens und Handelns sowie die Varianten, diese durch sogenannte höhere werte und Zwänge zu begründen, ist das Stück bis heute brisant geblieben.

 

Regie führt Andreas Ingenhaag, der in Detmold mit seiner letzten InszenierungQuartett“ schon einmal genaues Gespür für die Brüchigkeit menschlicher Moral bewies.

 

Aufgrund von Verzögerungen bei der Renovierung des Orchestergrabens kann die Bühne des Landestheaters erst ab 20. September 2008 wieder genutzt werden. Daher finden alle im Landestheater geplanten Vorstellungen bis zum 19. September im Stadttheater Herford statt. Das Landestheater organisiert für alle Abonnenten und Theaterbesucher zu jedem Vorstellungstermin einen kostenlosen Busservice vom Landestheater zum Theater Herford und zurück. Die Busse fahren eine Stunde vor Vorstellungsbeginn auf der Busspur neben dem Landestheater (Doktorweg) ab. Karten für alle Vorstellungen können natürlich weiterhin an der Theaterkasse des Landestheaters erworben werden.

 

 

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