Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
Preisverleihung beim Festival Fast Forward 2017 im Staatsschauspiel Dresden Preisverleihung beim Festival Fast Forward 2017 im Staatsschauspiel Dresden Preisverleihung beim...

Preisverleihung beim Festival Fast Forward 2017 im Staatsschauspiel Dresden

Am letzten Tag des europäischen Festivals für junge Regie Fast Forward fand am 05. November, um 22.15 Uhr die Preisverleihung im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden statt. Die Jury kürte „Jeden Gest“ (Eine Geste) von Wojtek Ziemilski & Wojciech Pustoła bei der siebten Ausgabe des Festivals zum Fast Forward Preisträger 2017. Der Preis besteht in einer Regiearbeit am Staatsschauspiel Dresden.

Die Begründung der Jury, der in diesem Jahr Mounia Meiborg, Sanja Mitrović, Tobias Brenk und Joachim Klement angehörten: „Es ist der Regie von Wojtek Ziemilski zu verdanken, dass mit einfachen Theatermitteln starke Bilder entstehen; dass die Tonspur eine eigene Geschichte erzählt; und dass der Abend so zu einer eindrücklichen sinnlichen Erfahrung wird. Die Inszenierung erzählt nicht nur vom Alltag gehörloser Menschen. Auf einer zweiten Ebene spielt sie mit Codes, die im Theater herrschen. Sie thematisiert die Schwierigkeit, den Anderen zu verstehen, die Grenzen von Sprache, und das, was – in egal welcher Sprache – ungesagt bleibt.“

 

In „Jeden Gest“ berichten vier gehörlose Frauen und Männer von ihrem Umgang mit Kommunikation und Sprache. Was daran ist universell, und was wäre spezifisch anders? Im Gegensatz zur gesprochenen Sprache, die auf Tönen und Lauten basiert, beansprucht die Gebärdensprache den Menschen in seiner Körperlichkeit, sowohl den „Sprechenden“ als auch den „Verstehenden“. Die Inszenierung eröffnet dem Publikum eine Welt der Gehörlosen, in der sich eine markante individuelle und nationale Vielfalt der Sprachen aufzeigen lässt. Der Vorgang der Kommunikation ist hier ein Zusammenspiel aus Gestik, Mimik, Bewegung und Selbstbewusstsein, das man, um es zu begreifen, sehend erfahren muss.

 

Der Regisseur Wojtek Ziemilski, *1977, hat sich zunächst mit performativen Installationen einen Namen gemacht. Nach einem Studium der Philosophie in Grenoble, der Angewandten Sprachwissenschaft in Warschau und der Regie an der Gulbenkian Foundation in Lissabon setzt er sich heute in Polen vor allem mit dokumentarischen Theaterformen auseinander. In „Eine Geste“ arbeitet er nicht zum ersten Mal mit Laien zusammen.

 

Auch in diesem Jahr wurde bei Fast Forward ein Publikumspreis verliehen, bei dem die Besucherinnen und Besucher eingeladen waren, ihren Festival-Favoriten zu küren. Gewinner des Publikumspreises ist die Schweizer Inszenierung „Die große Krise“ von helium x. Das Schweizer Performance-Kollektiv helium x erklärt die Bühne zum Labor für Krisenforschung. Die Krise als Dauerzustand, als Daseinsform, als globale Gegenwart einer Gesellschaft, die sich am Rande des Abgrunds eingerichtet hat. Mit einfachen Spielmitteln – und einer Materialschlacht, die sich lustvoll am Sortiment der Baumärkte bedient – begibt sich das Kollektiv auf die Suche nach einem adäquaten Zugriff auf das vorherrschende System. Ob Lehman Brothers, wertlose Immobilien, wachsende autoritäre Tendenzen, ein Frühlingsregen auf Grönland, immer mehr Systemreferenzen und Krisen-Symptome finden in Form von Objekten auf der Bühne ihren Platz. Die Performance analysiert das multiple Geflecht und erprobt Ursachen, Dynamiken und Lösungsstrategien. Und weil die Krise in ihrer Krisenhaftigkeit nicht einfach zu fassen ist, geht helium x das Phänomen augenzwinkernd und polyglott auch als Sprach- und Übersetzungskrise an.

 

„Die große Krise“ ist die zweite Produktion des Performance-Kollektivs, das sich 2015 für „Die große Schlacht“ in Basel um den Regisseur und Autor Philippe Heule gegründet hat. Helium x macht sich nach eigenen Aussagen das Theater als Simulationsraum für Denkmodelle zunutze.

 

In der laufenden Spielzeit dürfen sich alle Freunde von Fast Forward noch auf die Produktion der Preisträgerinnen des Jahres 2015 freuen. „Sun and Sea“ von Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė unter der Regie von Rugilė Barzdžiukaitė hat am 17. März 2018 in Dresden seine deutschsprachige Erstaufführung.

 

Mit der Preisverleihung am 5. November endete die erste Dresdner Ausgabe von Fast Forward. Vier Tage und Nächte war das Publikum zu Theater, Künstlergesprächen und Party ins Staatsschauspiel Dresden eingeladen. Insgesamt waren rund 70 junge Theaterschaffende aus sieben europäischen Ländern zu Gast. Das Programm 2017 wurde erneut von Barbara Engelhardt kuratiert.

 

Im Rahmenprogramm, das u. a. Studierende verschiedener europäischer Theaterhochschulen nach Dresden einlud, kooperierte Fast Forward mit dem Studiengang Bühnen- und Kostümbild der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Zwei der acht Festival-Gastspiele wurden im Labortheater der HfBK in der Güntzstraße gezeigt. Weitere Spielstätten waren neben dem Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden, Semper Zwei und das Studentenwohnheim in der Borsbergstraße. Gemeinsam mit den Partnern Studentenwerk Dresden, Semper Zwei und HfBK entstand so ein kompakter innerstädtischer Festival-Parcours.

 

Die Dresdner Erstausgabe von Fast Forward fand mit maßgeblicher Unterstützung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung gemeinsam mit der Ostsächsischen Sparkasse Dresden statt.

 

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 23 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

„GESCHÖPFE“ von Ben J. Riepe im Tanzhaus NRW in Düsseldorf

Auf der dunklen Bühne stehen Bäume und Sträucher in Kübeln, die als erstes von einem Performer verrückt werden. An der rechten Bühnenseite finden sich aufgehäuft Körperteile von Schaufensterpuppen,…

Von: Dagmar Kurtz

Ein stilles Solo

Ein Wesen in silbern schimmerndem, folienartigem Gewand, der ganze Körper von Kopf bis Fuß verhüllt, bewegt sich aus dem Dunkel auf die Bühne. Es herrscht Stille und das Wesen erkundet langsam, fast…

Von: Dagmar Kurtz

"A First Date, Episode 1" in der Deutschen Oper am Rhein

Ein bisschen aufregend ist es schon: das erste Date. Vorfreude und Unsicherheit mischen sich mit unspezifischen Erwartungen. Wird es gut ablaufen? Folgen Erleichterung oder Enttäuschung?  

Von: Dagmar Kurtz

Liebesbande

Hinter tropischen Blumen befindet sich ein luxuriöses Anwesen mit Stahlträgern in offener Bauweise im Stil von Mies van der Rohes Barcelona Pavillon. Die Einrichtung ist im angesagten Midcentury…

Von: Dagmar Kurtz

Ein Hauch von Sehnsucht

Raimund Hoghes letztes Stück „Lettere amoroso“ handelte von Flucht und den sehnsuchtsvollen Briefen, die die Geflohenen schrieben. So weckt das Wort „Vietnam“ im Titel des neuen Stückes "Postcards…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

folgen Sie uns auf

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑