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Rasender Stillstand

"Unter Tage" von Sigrid Behrens auf der Bühne der Kulturen in Köln

"Ich bin wie Othello – mein Tagwerk ist vorbei" – soll Richard Wagner auf seinem Sterbebett gesagt haben. Ob diese von seiner Ehefrau Cosima berichtete Geschichte stimmt oder nicht, Tatsache ist, dass es dabei um die Lebensbilanz eines Mannes geht, der der Nachwelt große Werke, vollendete Projekte hinterlassen hat.

Copyright: Gabriela Knoch

 – Von "Tagwerken" ist auch in Sigrid Behrens' Gruppenmonolog "Unter Tage", 2007 in Würzburg mit dem Leonhard-Frank-Preis ausgezeichnet, merkwürdig oft die Rede. Aber diesmal geht es nicht wie bei Wagner um das selbstbewußt Abgeschlossene, sicher Erreichte, sondern um die im täglichen Stundenrhythmus immer wieder neu ver- und entzauberte Fata Morgana sinnerfüllten Daseins und zielgerichteten Lebens.

Entsprechend scheinhaft ist der Bühnenraum, der von den überdimensionalen, ihren Kunstcharakter niemals verbergenden Fotografien eines trostlos leeren Fabrikgebäudes beherrscht wird: Wer hier eintritt, lässt entweder alle Hoffnung fahren – oder hat ganz viel davon, dem er mit der Beharrlichkeit eines Hamsters im Laufrad hinterher rennt. Von solchem Potential sind die vier Figuren, die nach und nach die Szene bevölkern um, allesamt unausgelastet und unbeschäftigt, jede für sich und neben den anderen ihren Sehnsüchten, Wünschen und Träumen Ausdruck zu verleihen. Dabei wird das Ambiente selbst zur Glücksikone, soll doch mit ein paar dysfunktionalen Heimwerkerutensilien, doch umso mehr Rhetorik und Einbildungskraft eine hochprofitable Immobilie daraus werden.

"Unter Tage" – das ist eine Art Dauer-Endspiel, in dem oft und vergeblich vom Anfang die Rede ist, aber eigentlich nur rasender Stillstand und galoppierende Sinnlosigkeit produziert werden. Und dies bis zur Erschöpfung – der Schauspieler, die in Nada Kokotivi?s bewegungsreicher Inszenierung bis an ihre physische Grenzen getrieben werden, und der Zuschauer, die im Sprachdickicht des Behrens-Texts oft ratlos nach Leuchtfeuern der Bedeutung Ausschau halten. Letzteres ist natürlich gewollt, sollen wir uns doch selbst gedanklich und gefühlsmäßig "unter Tage" begeben, um an der zappelnden Sinnsuche der Figuren teilzunehmen. Um am Ende doch nur so etwas Fragmentiertes in der Hand zu halten wie jenen Elektroquirl auf der Bühne, dem sein Wichtigstes, die Stäbe, abhanden gekommen ist.

Bruchstücke allenthalben – von gedanklichen Zusammenhängen, existenziellen Entwürfen, kleinen Lebensgeschichten und großen Luftschlössern. Das ist über weite Strecken stark gemacht und eindringlich umgesetzt – nicht zuletzt wegen der pausenlosen Lagenwechsel: mal Akrobatik, mal große Suada, dann wieder anrührend leise Intimität, abgelöst von Slapstick und Sprechblasen. Es darf sogar gejodelt werden. Und aus dem Off lassen Rock und Ravel grüßen. Kommunikation, wenn sie denn stattfindet, steht unter Dauerverdacht: Es wird aufeinander ein- und aneinander vorbei geredet, geflüstert und schwadroniert. Dabei ist die vieldeutige Stückbezeichnung "Gruppenmonolog" nur das theatralische Äquivalent für das existenzielle Stadium, in dem die unter Tage (Un-)Beschäftigten angekommen sind: "Zwischenmenschliche Endmoräne". Von hier aus geht's also nicht mehr weiter, und selbst das tröstliche Du zum Schicksalsgenossen bleibt angesichts solch eiszeitlicher Folgen im Halse stecken.

Überzeugend getragen wird all dies von einem virtuosen Schauspielerquartett: Natalie Forester, Till Brinkmann, Christian Higer, Kai M. Brecklinghaus. Jede(r) eine deutlich konturierte Stimme in dieser bis zur Undurchhörbakeit dicht gewebten Sprach- und Bedeutungsmusik. Natürlich fällt der Blick dabei immer wieder auf Natalie Forester – nicht nur weil sie der einzige weibliche Part auf der Bühne ist, sondern weil sie mit der tropfnassen Figur der Undine als punkige Wasserfrau auch den poetischen Schlüssel zu all den Fragezeichen dieses Abends in der Hand zu halten scheint. Ihr ist auch einer der Schlüsselsätze dieses Gruppenmonologs vorbehalten: "Es gibt keinen Stillstand, es gibt nur Wiederholung, das ist wichtig, da verliert man sich!" Wo es keine Entwicklung mehr geben kann, wird die Wiederkehr des Immergleichen und ihr atemloser Rhythmus zum einzigen Vehikel einer, wenn auch prekären und momentanen, Seinserfahrung.

Der mit Recht lange Applaus beweist: Die Darsteller haben ihr Tagwerk bravourös absolviert, der rasende Stillstand ist – für diesmal wenigstens – ans Ende gekommen. Beim Text von Sigrid Behrens bleiben Vorbehalte: Endmoränen bewegen sich nämlich nicht (mehr).

Termine: 14. November 2011

23. bis 30.April 2012

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