Logo of theaterkompass.de
HomeBeiträge
SCHAUSPIEL ESSEN: "Parsifal" nach Richard Wagner und „Parzival“ von Tankred DorstSCHAUSPIEL ESSEN: "Parsifal" nach Richard Wagner und „Parzival“ von Tankred...SCHAUSPIEL ESSEN:...

SCHAUSPIEL ESSEN: "Parsifal" nach Richard Wagner und „Parzival“ von Tankred Dorst

Premiere: 22. Oktober 2016, 19:30 Uhr, Grillo-Theater. -----

Mitten im Wald, fernab der Menschen lebt der junge Parsifal. Ohne Vater und von seiner Mutter Herzeloide streng behütet aufgewachsen, weiß er nichts von der Welt, in die es ihn zieht und die für ihn mit unbegreiflichen Lichtgestalten, Engeln und Rittern bevölkert scheint.

Als die Mutter stirbt, macht sich Parsifal auf den Weg: ein Weltensuchender, Weltenzerstörer und Weltenschöpfer auf der Jagd nach einem Prinzip, einem sinnstiftenden Zusammenhang, einer Aufgabe, einem Gott. Zugleich schwindet die Kraft der Gralsgesellschaft: Ihrem Anführer König Amfortas wurde in einem Moment der Schwäche durch die Verführung der rätselhaft-schönen Kundry von seinem Gegenspieler Klingsor eine gefährliche Wunde beigebracht. Zwar bleibt Amfortas durch die regelmäßige Enthüllung des Heiligen Grals am Leben, die Wunde des Königs verheilt jedoch nicht, bricht immer wieder auf. Die Situation scheint ausweglos. Doch da betritt Parsifal die Bildfläche…

 

Ein junger Mann ohne gültiges Leitbild in einer patriarchalisch geprägten Welt macht sich auf die Suche nach einem Ordnungsprinzip und findet: die Gralsgemeinschaft – eine Gruppe zutiefst diszipliniert-religiöser Männer, die sich einem besonderen Kodex verschrieben haben. Heute scheint eine neue Generation von Parsifals heranzuwachsen, verzweifelt auf der Suche nach einem Wertesystem, mit dessen Hilfe sich die Welt in richtig/falsch, gut/böse und konsequent-radikal/inkonsequent-verweichlicht unterteilen lässt.

 

Vor diesem Hintergrund liest sich Richard Wagners 1882 uraufgeführtes Bühnenweih-festspiel wie eine übersteigerte Fantasie. Mehr noch: wie eine Welt, erbaut, um der Entfremdung von der realen zu trotzen, und als Ausdruck des Wunsches, der „Eine“ zu werden, der die ins Chaos gestürzte globalisierte Welt erlösen und das Leiden abschaffen wird. Wagners auf drei Akte verdichtete Version des Mythos gestaltet Parsifal zum „reinen Toren“, zu einer Imitatio Christi, befähigt, der leidenden Gralsgesellschaft die verlorene Reliquie des heiligen Speers, vor allem aber den Glauben und die Stärke ihrer Prinzipien zurück zu bringen.

 

Und während in Wagners Musik Rausch und Verklärung zur „ungeheuerlichen Schmerzensausdruckskraft“ (Thomas Mann) werden, geht Tankred Dorsts „Parzival“ gut 100 Jahre später einen ganz anderen, ebenso schmerzensreichen Weg, der in den Rausch des Tötens und der Zerstörung führt und dem Dorst „bis nach Stalingrad und auf den Himalaya“ folgt.

 

Die Inszenierung übernimmt Regisseur Gustav Rueb, der in der vergangenen Spielzeit die Deutschsprachige Erstaufführung „Frankenstein“ auf die Grillo-Bühne gebracht hat.

 

Musikalische Leitung: Eric Schaefer.

Live-Musik-Installation: John-Dennis Renken.

 

Es spielen Axel Holst, Philipp Noack (Parsifal), Janina Sachau, Sven Seeburg, Rezo Tschchikwischwili und Jens Winterstein. Bühne: Florian Barth; Kostüme: Dorothee Joisten; Dramaturgie: Florian Heller.

 

Die Inszenierung am Schauspiel Essen wird gefördert von der Kulturstiftung Essen.

Weitere Informationen zu diesem Beitrag

Lesezeit für diesen Artikel: 14 Minuten



Herausgeber des Beitrags:

Kritiken

Liebesbande

Hinter tropischen Blumen befindet sich ein luxuriöses Anwesen mit Stahlträgern in offener Bauweise im Stil von Mies van der Rohes Barcelona Pavillon. Die Einrichtung ist im angesagten Midcentury…

Von: Dagmar Kurtz

Ein Hauch von Sehnsucht

Raimund Hoghes letztes Stück „Lettere amoroso“ handelte von Flucht und den sehnsuchtsvollen Briefen, die die Geflohenen schrieben. So weckt das Wort „Vietnam“ im Titel des neuen Stückes "Postcards…

Von: Dagmar Kurtz

Liebe in Zeiten des Krieges

In Großbritannien findet ein Bürgerkrieg statt: die Puritaner unter Oliver Cromwell kämpfen gegen die katholischen Royalisten. Das private Glück ist in Gefahr.  

Von: Dagmar Kurtz

Der Überfall

Gerade ist man noch fröhlich herumgehopst, da, eine heftige Attacke, und schon streckt es einen nieder. Ein Virus oder ein Bakterium hat seinen Weg in den Körper gefunden. Nun werden alle Kräfte…

Wir müssen‘s wohl leiden

Wie die ursprünglichen revolutionären Ansprüche nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die die Abschaffung der Sklaverei, die Gleichberechtigung der Frauen, die Entmachtung des Adels beinhaltet,…

Von: Dagmar Kurtz

Alle Kritiken anzeigen

Folgen Sie uns auf:

Theaterkompass

Der Theaterkompass ist eine Plattform für aktuelle Neuigkeiten aus den Schauspiel-, Opern- & Tanztheaterwelten in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Seit 2000 sorgen wir regelmäßig für News, Kritiken und theaterrelevante Beiträge.

Hintergrundbild der Seite
Top ↑